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Bayerntrainer van Gaal: Louis, der Erlöser

Er hat sie vom Klinsmann-Trauma erlöst und zu Meistern gemacht, mindestens: Nun herrscht das kantige "Feierbiest" Louis van Gaal im Bayern-Himmel - und kokettiert dennoch mit seinem Abgang.

Von Stephan David

Bleibt er nun, wenn nach der Meisterschaft noch der DFB-Pokal und der Henkelpott für die Champions-League hinzukommen? Immer wieder kokettiert er bei einem möglichen Triple-Triumph mit seinem vorzeitigen Abschied am Ende des ersten Jahres.

Unklarheit schafft Spannung, Reibung erzeugt Energie. Und van Gaal Titel. Seit Samstag ist Trophäe Nummer eins eingetütet. Die Bayern sind 99,9-Prozent-Meister nach dem 3:1 gegen Bochum und der gleichzeitigen Heimpleite von Schalke gegen Werder Bremen.

So war es auch nach dem Spiel. Er sei ein "Feierbiest", sagte der Coach. Doch wirkliche Party-Fotos gab es nicht vom 58-Jährigen aus der Allianz Arena. "Ich habe zum Vorstand gesagt, dass wir alle Titel feiern werden." Doch den ersten nahm man recht zurückhaltend entgegen, alleine in der Kabine wurde der Coach von seinen Spielern ein wenig mit Champagner nass gemacht. Auf die obligatorische Bierdusche verzichteten Schweinsteiger & Co. noch - schließlich wollen sie ja ihren Stammplatz auch für die beiden Finals um den DFB-Pokal sowie um die Champions-League behalten. Denn: Bei Louis weiß man nie. Rätsel van Gaal.

Er wagt sogar eine Publikumsschelte

Der Mann, der sich momentan alles erlauben kann. Als van Gaal die Bilder aus Schalke sah, wurde er neidisch. "Ich habe gesehen, wie Felix Magath gefeiert wird von seinem Publikum. Das habe ich noch nicht bekommen von meinen Fans", sagte der Niederländer. Nicht die einzige Publikumsschelte. Schon am Tag vor der Partie hatte er sich eine Aussage erlaubt, die einem seiner Vorgänger - und schon gleich gar nicht den bei den Fans verhassten Jürgen Klinsmann - mächtigen Ärger eingebracht hatte. "Die Allianz Arena ist super", sagte van Gaal, fügte jedoch hinzu: "Aber das Publikum nicht. Es ist ein Theaterpublikum. Die Südtribüne stand immer hinter mir, der Rest nicht." Die Kurve - ja, die bekam er dann noch. "In den letzten drei Spielen war die Unterstützung überragend, vielleicht wandelt sich das Publikum auch."

Der Taktiker hatte sein Ziel erreicht. Selten hat man die Arena vor den Toren Münchens so stimmungsvoll erlebt wie beim 1:0 im Champions-League-Halbfinale gegen Lyon und nun am Samstag gegen Bochum. Im 50. Pflichtspiel unter van Gaal "müllerten" sich die Bayern dank dreier Treffer des Saisonaufsteigers Thomas Müller zu Titel Nummer eins.

Müller ist eine Entdeckung des Trainers. Eine, für die er sich gerne rühmt und loben lässt - mit Recht, siehe die Entwicklung von Holger Badstuber, Diego Contento und David Alaba, die allesamt letztes Jahr in der Dritten Liga oder in der A-Jugend gespielt haben. "Louis van Gaal hat es geschafft, diese Mannschaft zusammenzubauen. Da ist eine klare Handschrift zu erkennen", sagte Präsident Uli Hoeneß kürzlich, "und zwar nicht nur im Fitness-Bereich wie beim Vorgänger, sondern was die Mischung der Mannschaft betrifft: erfahrene Spieler und junge Spieler aus unserem Stall, das ist ein Glückszustand."

Auch Präsident Franz Beckenbauer lobte: "Er ist der Vater dieses Erfolges, ganz klar. Das sagt alles." Einer, der aneckt, der unbequem ist, der stur seinen Weg geht. Anders als der geschickte Moderator Ottmar Hitzfeld, der perfekt zwischen Vorstand und Mannschaft seine Position fand. Van Gaal lässt sich nichts sagen, lässt sich nicht reinreden. Das hasst er. "Ich bin ich", begann er seine erste Pressekonferenz am 1. Juli 2009 und erklärte sich den Medien: "Ich bin: selbstbewusst, arrogant, dominant, ehrlich, arbeitsam, innovativ, aber auch warm und familiär." Was fehlte: unbequem und erfolgreich. "Es ist eine tägliche Herausforderung mit ihm", sagte Hoeneß in Lyon. Das lässt blicken.

Van Gaal ist der erste Niederländer, der in Deutschland Meistertrainer wurde. "Das macht mich sehr stolz. Mein großes Vorbild war Rinus Michels, der hat das hier auch nicht geschafft. Dieser Titel hat für mich großen Wert, auch weil ich jetzt in drei Ländern Meister geworden bin. Da gibt es nicht viele Trainer in Europa", sagte er. Wenn ihn sonst keiner lobt, übernimmt er das eben selbst.

"Für mich hat der Titel einen sehr großen Wert. Ich denke nicht, dass viele Trainer in Europa das Glück haben, in drei Ländern Meister zu werden. Darauf bin ich sehr stolz", sagte der Mann, der in seiner Heimat Holland (mit Ajax Amsterdam und AZ Alkmaar), in Spanien (mit dem FC Barcelona) und nun in Deutschland triumphiert hat.

"Das war der ehrlichste Titel"

Dank van Gaal ist die in der vergangenen Saison arg ins Wanken geratene Welt der Bayern wieder in Ordnung. "Das war der wichtigste Titel, der ehrlichste. Da gibt es kein Glück und Pech, die beste Mannschaft wird deutscher Meister - und wir haben diese Qualität bewiesen", sagte ein glücklicher Vorstandschef Rummenigge und blickte bereits auf das Pokalfinale am 15. Mai gegen Werder Bremen und das Champions-League-Endspiel am 22. Mai gegen Inter Mailand: "Was jetzt kommt, ist Zugabe. Wir haben eine gute Situation, um Historisches zu schaffen."

Danach sind sie ausgeliefert. Sie können nur noch abwarten, wie sich van Gaal, der Architekt der neuen Bayern, entscheidet. Geht er? Bleibt er? Einerseits sagt er: "Was kann ich dann noch gewinnen? Dann kann ich mich nicht mehr verbessern." Und im nächsten Moment: "Ich will diese Mannschaft weiterentwickeln."

Das Rätsel Louis. Ende offen.

"Sind die Bayern verdienter Meister geworden? Wird es Schalke denn jemals schaffen? Wer hat jetzt die besten Chancen im Abstiegskampf? Diese und andere Fragen können Sie jetzt diskutieren, auf unserer Fußballfan-Seite auf Facebook: der Fankurve 2010"

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