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Kommentar zum Rücktritt: Favre ist kein Kämpfer - und darum kein großer Trainer

Lucien Favres überraschender Rücktritt lässt Mannschaft und Fans von Borussia Mönchengladbach ratlos zurück. Nach viereinhalb sensationellen Jahren zwingt sich eine unangenehme Erkenntnis auf: Ein großer Trainer hätte länger zu seinem Projekt gestanden.

Ein Kommentar von Felix Haas

Lucien Favre gibt bei Mönchengladbach auf - und enttäuscht damit viele Fans.

Lucien Favre gibt bei Mönchengladbach auf - und enttäuscht damit viele Fans.

Es ist nicht überliefert, was Lucien Favre von Bertolt Brecht hält. Vielleicht sollte man ihn das in den kommenden Tagen einmal fragen. Die Vermutung liegt nahe, dass Favre kein besonders großer Freund des berühmten Dramatikers ist. Von Bertolt Brecht gibt es schließlich (das zugegebenermaßen abgedroschene) Zitat: "Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren." Lucien Favre steht eher nicht so aufs Kämpfen. Beim Trainer des Jahres läuft's nach fünf Spieltagen nicht so, und er macht schnell den Rückzieher. Gibt sein Team und sein Projekt auf. Lässt den Mitverantwortlichen im Verein nicht einmal eine richtige Chance für eine angemessene Kommunikation des Abgangs.

Favres Rücktritt ist eine Schande - für seine Mannschaft, für die Fans von Borussia Mönchengladbach, vielleicht sogar eine Schande für die Bundesliga - vor allem aber: eine Schande für ihn selbst. Dabei hätte man es ja ahnen müssen. Dass Favre mit Kampf und Emotionen nichts am Hut hat, für diese Erkenntnis hätte es schließlich nicht die Ereignisse von gestern Nachmittag gebraucht. Man hätte nur auf seine Arbeit schauen müssen. Favre hat in seinen viereinhalb Jahren in Gladbach alles getan, um mit seiner Mannschaft so wenig wie möglich auf die niederen Kämpfer-Instinkte beim Fußball angewiesen zu sein. Seine Borussia spielte mit Intellekt, verschob die Abwehrreihen bewusst und kontrolliert, kombinierte aus dem Lehrbuch - aber eben eher selten aus der Intuition heraus, selten aus dem Herzen.

Favre kann nicht einfach sagen: Geht raus und spielt

Sicherlich ist es das, was Favre meint, wenn er sagt, er sei gerade nicht mehr der Richtige für die Borussia. Favre ist derjenige, der Fußball lehrt. Nicht derjenige, der an die Emotionen der Spieler appelliert, nicht derjenige, der "einfach" à la Beckenbauer sagen kann: Geht's raus und spielt. Favre möchte offenbar weiter genau so wahrgenommen werden: als herausragender Taktiker. Leider wirkt sein Verhalten dadurch auch wie ein Eingeständnis, dass er eben keiner ist, der in schlechten Phasen einen Plan B entwickelt, der zur Mannschaft zur Not mal sagt: Jetzt müsst ihr es irgendwie erzwingen, Jungs. Leider lässt das auch den Schluss zu: Er ist kein kompletter Trainer. Er ist kein ganz Großer.

Sicherlich, Angst vor Dauerdruck von Medien, irgendwann auch von Fans und Verein, das kann schon lähmen, das kann dafür sorgen, dass man sich nicht mehr wohl fühlt. Aber schaut man auf die Gladbacher Lage, muss man sagen: So wild ist das alles (noch) nicht. Gladbach hat schlimme Wochen hinter sich, vor allem die Art und Weise der Niederlagen macht Angst. Aber die Lage ist nicht dramatisch. Geduld und Vertrauen hätten die Wende bringen können. Die entscheidenden Wochen stehen erst jetzt bevor.

Favre war ungeduldiger, als er zugab

Sportdirektor Max Eberl und Favre haben in den vergangenen Wochen zudem immer betont, dass der Umbau im Kader schwierig werden könnte, dass auch einmal eine nicht so erfolgreiche Saison bevorstehen könnte. Insofern erwartete keiner von Favre, dass er das Team gleich wieder unter die Top Drei führt. Und die Saison im oberen Mittelfeld abzuschließen, ist nach wie vor ohne Probleme möglich für Gladbach.

Lucien Favre war in Wahrheit offenbar ungeduldiger als er in der Öffentlichkeit zugeben wollte. Bei vielen gilt er nun als einer, der schnell aufgibt, sobald sein Konzept nicht mehr aufgeht. Das fügt sich nun ins Bild von viereinhalb großartigen Jahren Favre. Dagegen ankämpfen wollte er nicht.

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