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Brennpunkt Stadion: Hooligans außer Kontrolle

Prügelorgien, Rauchbomben und Nazi-Parolen: Knapp zwei Monate vor Beginn der WM im eigenen Land wächst die Gewaltbereitschaft in den Stadien - vor allem im Osten der Republik.

Von Klaus Bellstedt

"Die Welt zu Gast bei Freunden!", das ist das Motto der Fußball-WM, die in 66 Tagen beginnt. Wir wollen gute Gastgeber sein, wir freuen uns auf stimmungsvolle Fans aus aller Welt, wir wollen selber mit gutem Beispiel vorangehen - so der fromme Wunsch der WM-Organisatoren. Die Realität sieht freilich anders aus. Woche für Woche sorgen "Fans" für Negativ-Schlagzeilen in Deutschland, zuletzt geschehen beim Regionalliga-Spiel zwischen dem FC St. Pauli und dem Chemnitzer FC.

Am letzten Samstag schmuggelten Hooligans des Ostklubs massenweise Rauchpulver in den Gäste-Block und zündeten eine gewaltige Rauchbombe. Sie provozierten damit eine Spielunterbrechung - und später mit rechtsradikalen Parolen das Hamburger Publikum. Im Anschluss an die Partie kam es außerhalb des Stadions zu schweren Krawallen, Flaschen flogen, die Polizei setzte Wasserwerfer ein.

Nazi-Banner beim Ostderby

Ein Bild, an das wir uns auch im Hinblick auf das Großereignis WM langsam gewöhnen müssen? Es scheint fast so. Jedes Wochenende gibt es Spielunterbrechungen, weil Chaoten mit Leuchtraketen um sich schießen. Und das bevorzugt bei Spielen der unteren Klassen. Dort toben sich die Krawallmacher am liebsten aus, auch weil sie in der Bundesliga aufgrund der hohen Sicherheitsvorkehrungen kaum noch zum Zuge kommen.

Vor allem in den neuen Bundesländern ist die Gewaltbereitschaft groß. Zu den Problemklubs zählen Lok Leipzig, BFC Dynamo Berlin oder der Hallesche FC. Aber auch bei Spielen mit Beteiligung bekannterer Teams wie Hansa Rostock und Energie Cottbus kam es in der jüngeren Vergangenheit zu hässlichen Szenen - immer öfter auch mit rechtsradikalem Hintergrund. Beim Zweitliga-Hinrundenspiel zwischen Energie Cottbus und Dynamo Dresden im Dezember störten nicht nur Leuchtraketen und Rauchbomben das Derby, auch Nazi-Banner wurden geschwenkt.

Aversionen aus längst vergangenen Zeiten

Rassismus, Antisemitismus und Gewalt - mittlerweile Gang und Gäbe vor allem in den Amateur-Stadien Ostdeutschlands. Vor 14 Tagen bei der Oberliga-Partie zwischen Halle und Sachsen Leipzig erregten rassistische Übergriffe auf den nigerianischen Spieler Adebowale Ogungbure bundesweit Aufsehen. "Noch nie in meinem Leben habe ich solche Anfeindungen über mich ergehen lassen müssen", so Ogungbure hinterher.

"Man darf gedanklich diese Vorfälle nicht im ausschließlichen Zusammenhang mit Ostvereinen sehen", verteidigt sich Dynamo Dresdens Pressesprecher Peter Tauber im Gespräch mit stern.de. Vielleicht nicht mit denen der Zweiten Liga, aber Fakt ist - und das zeigen die Beispiele - dass sich die Gewalttäter in den tieferen Klassen Ostdeutschlands ausleben. Das hat auch historische Gründe. In diesen Ligen gibt es eine Konzentration von Traditionsvereinen, die aus DDR-Tagen verfeindet sind. Aversionen aus längst vergangenen Jahren wurden über Generationen vererbt und bestehen noch heute. Offen ausgetragen wird die Rivalität dann im Stadion oder in der "dritten Halbzeit" nach dem Spiel.

DFB in der Pflicht

Der Traditionsklub Dynamo Dresden versucht dagegen anzugehen: "Wir leisten mit präventiven Mitteln Aufklärungsarbeit. Das beginnt in den Schulen und setzt sich über verschiedene Sozialprojekte fort." Aber Peter Tauber macht schnell deutlich, wo dabei der Schuh drückt: "Man muss sich eine solche Sozialarbeit auch leisten können und wollen. Vielen Vereinen fehlt es da auch am Geld." Worauf er hinaus will, ist klar: Während Bundesligavereine, die ohnehin in Geld schwimmen Zuschüsse in sechsstelliger Höhe für Fanprojekte bekommen, gehen Klubs ab der vierten Liga gänzlich leer aus.

Beim DFB ist die Botschaft offenbar angekommen. In einem Interview mit der "Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung" vom 2. April gibt DFB-Vizepräsident Moldenhauer Fehler im Verteilungsschlüssel zu: "Das geht so nicht weiter. Wir müssen das Geld nicht schematisch verteilen, sondern nach unten gehen - je nach Brennpunkt." Aber das allein wird das Problem auch nicht lösen. Womit wir beim Thema "Stadionverbote" angelangt wären.

Polizei nur eingeschränkt handlungsfähig

In einer Erklärung der Dresdener Polizei, die stern.de im Wortlaut vorliegt, heißt es: "Beachtenswert ist, dass bundesweite Stadionverbote nur bis zur Regionalliga gelten. Gewalttäter, die an Auseinandersetzungen am Rande viertklassiger Ligaspiele (und darunter) beteiligt sind, können nur örtliche Stadionverbote erhalten." Eine kleine aber bedeutende Gesetzeslücke, über die die berüchtigten "Fans" des Berliner Klubs BFC Dynamo, dem bundesweit das größte Hooligan-Potenzial nachgesagt wird, nur lachen können. Gewalttäter werden so jedenfalls nicht ausgegrenzt.

Und noch ein weiteres Dilemma kommt dazu: Im Stadion selbst sind den Gesetzeshütern meist die Hände gebunden. "Für die Sicherheit im Stadion ist vor allem der Verein zuständig", sagt Dresdens Polizeisprecher Thomas Herbst im Interview mit stern.de. "Wir tragen insbesondere für Sicherheit und Ordnung außerhalb des Stadions Sorge und unterstützen den Verein und seine Sicherheitskräfte bei der Ausübung des Hausrechts." Eine Unterstützung, die (um es vorsichtig auszudrücken) zuletzt nicht immer vorbildlich war. Denn wie anders ist zu erklären, dass bei einem Risikospiel wie dem Ostderby zwischen Dresden und Cottbus Ende letzten Jahres ungehindert ein antisemitisches Spruchband ("Juden" - mit dem Dynamo-D in der Mitte) im Gästeblock in die Höhe gehalten werden konnte.

Imageschaden droht

Sollten sich Vorkommnisse wie diese im Sommer auch auf großer WM-Bühne wiederholen, was man im Moment nicht gänzlich ausschließen darf, wäre das ein schlimmer und folgenreicher Imageschaden für Deutschland. Die kleineren Ostklubs können davon schon heute ein Lied singen. "Der Imageschaden ist eigentlich das größte Problem. Eine Rakete im Spiel, eine Schlägerei am Bahnhof und beim dritten Mal interessiert es keinen, ob die nächsten zehn Spiele ohne jegliche Probleme verlaufen." Dynamo Dresdens Pressesprecher Peter Tauber weiß wovon er spricht.

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