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Bundesliga-Auftakt: HSV-Feuerwerk gegen löchrige Bayern

Mit einem beeindruckenden Auftritt hat der Hamburger SV im Saisoneröffnungsspiel beim FC Bayern nach frühem Rückstand noch einen Punkt ergattert. Das neue HSV-System scheint Früchte zu tragen. Bei den Bayern hätte sich Trainer Jürgen Klinsmann dagegen am liebsten selber eingewechselt.

Von Martin Sonnleitner, München

Um Punkt 20 Uhr tobte die Münchner Allianz-Arena. Es waren die Gäste-Fans des Hamburger SV, die den einlaufenden Profis des FC Bayern mit einem gellenden Pfeifkonzert ihre Aufwartung machten und keinen Zweifel dran ließen, wer in der Rangordnung von Erzfeinden beim Hamburger Anhang immer noch den Platz ganz oben innehat. Als um 20.35 die Kugel dann endlich rollte, war von miesepetriger Stimmung aber keine Spur mehr. Mit festlichen Worten hatte der Präsident der Deutschen Fußball Liga, Reinhard Rauball, kurz zuvor die 46. Bundesligasaison eröffnet, umrahmt wurde die Prozedur von einem netten kleinen Feuerwerk und den pathetischen Klängen des neuen Opernstars Paul Potts. Mittlerweile meldeten sich auch die Münchner Fans lautstark zu Wort, die Fangesänge schwollen in der prall besetzten Allianz Arena zu einem Tosen an.

Die Spieler des HSV liefen ebenfalls umgehend auf Hochtouren und fackelten in den ersten zehn Minuten ein Feuerwerk von Torchancen ab. Spätestens nach dem Pfostenschuss von Piotr Trochowski (11. Minute) läuteten dann beim neuen Bayern-Trainer Jürgen Klinsmann seinerseits sämtliche Alarmglocken. Zwei Minuten später riss sein Geduldsfaden komplett. Klinsmann hob einen in Höhe der Bayern-Bank ins Aus getrudelten Ball auf und warf ihn in Windeseile zu Philipp Lahm. Lahm leitete weiter auf Zé Roberto, dieser bediente Bastian Schweinsteiger, und ehe sich die verdutzten HSV-Spieler besinnen konnten, zappelte das Spielgerät auch schon im Netz. Das 1:0 also, das allererste Tor der taufrischen Saison. Ausgerechnet eingeleitet durch Jürgen Klinsmann. Jenem ehemaligen Weltklassestürmer, zwischen 1995 und 1997 beim FC Bayern aktiv, der damals an der Isar nie wirklich Wurzeln schlagen konnte. Es war für einen Moment so, als hätte er den deutschen Rekordmeister nie verlassen, als würde in ihm noch das Spielerherz schlagen.

Attackenartige HSV-Offensive

In der 16. Minute wagte sich dann HSV-Trainer Martin Jol zum ersten Mal aus seinem plexiglasummantelten Trainerverschlag. Der Niederländer, der ebenfalls sein Debüt als Bundesliga-Coach absolvierte, analysierte in aller Ruhe das Geschehen. Zu diesem Zeitpunkt schien die Partie für sein Team fast schon gelaufen zu sein, nachdem Lukas Podolski sogar das 2:0 für die Bayern per Strafstoß erzielt hatte. "Da dachte ich, es ist unmöglich, noch einmal zurück zu kommen", gab Jol am Ende, nach einem wacker erkämpften und geschickt erspielten 2:2 zu.

Denn sein Team ließ sich nicht aus dem Konzept bringen und agierte weiterhin unermüdlich nach vorne. Der Lohn war der frühe Anschlusstreffer durch Paolo Guerrero per Kopf (25.). "Sehr wichtig, wir haben das gut gemacht", lobte Jol hernach die attackenartigen Offensivaktionen seiner Spieler, die dann schließlich mit dem Ausgleich durch einen Elfmeter von Piotr Trochowski (57.) belohnt wurden.

Hamburg zelebrierte neues Spielsystem

Dem starken Trochowski war es auch vorbehalten, die Handschrift des neuen Trainers zu erklären. "Wir dribbeln weniger und spielen schneller", sagte der Nationalspieler, der ganz besonderen Grund zur Freude hatte. Denn wider Erwarten hatte er sich ausgerechnet im Spiel gegen seinen alten Verein aus dem Schatten des großen Mittelfeldvirtuosen Rafael van der Vaart gespielt, der vor zwei Wochen vom HSV zu Real Madrid gewechselt war. Jol hat innerhalb kürzester Zeit durch akribische Trainingsarbeit aus der Not eine Tugend gemacht und eine Taktik ohne echten Zentralakteur konstruiert. "Wir spielen vertikal, nicht mehr so in die Breite", erläuterte ein zufriedener HSV-Sportchef Dietmar Beiersdorfer die Konsequenz. "Rafa ist weg, das müssen wir kompensieren", war auch der neue HSV-Kapitän David Jarolim sichtlich zufrieden. "Wir sind nun weniger ausrechenbar", hatte er schon in der Vorwoche frech erklärt und fürs erste zumindest Recht behalten.

Beim FC Bayern gab es nach der verspielten 2:0-Führung hingegen jede Menge lange Gesichter, zumal die Innenverteidigung um Lucio und Daniel van Buyten wie schon beim Pokalmatch gegen Rot-Weiß Erfurt seltsame Schwächen offenbart hatte. "Wir waren in einigen Situationen nicht eng genug am Mann", monierte Bayern-Kapitän Mark van Bommel, ein sichtlich enttäuschter Klinsmann pflichtete ihm bei: "Wir waren teilweise zwei, drei Meter zu weit weg vom Mann."

Klinsmann: Brauchen mehr Strom

Nun ist es eine alte Binsenweisheit im Fußball, dass du immer so gut bist wie es der Gegner eben zulässt, und auch Klinsmann schien ob der fehlenden Dominanz des großen Titelfavoriten ein wenig ratlos. Als er in der 80. Minute den Youngster Thomas Müller für den einmal mehr indisponierten Nationalstürmer Miroslav Klose einwechselte, hätte man wirklich meinen können, er wäre am liebsten selber aufs Feld gesprungen. "Wir brauchen mehr Strom in unseren Aktionen", forderte der Berufsoptimist am Ende einer insgesamt sehr kurzweiligen Partie ein, und seine Miene hatte sich für den Bruchteil einer Sekunde dann doch noch ein wenig aufgehellt.

Die HSV-Fans hingegen standen komplett unter Strom und zogen nach dem eindrucksvollen Auftritt ihrer Mannschaft scharenweise in die Münchner Innenstadt, um noch mächtig einen drauf zu machen. "Wie ein Sieg ist es nicht", mahnte ein sichtlich erleichterter Beiersdorfer zwar an, geärgert hatte man den großen Rivalen dennoch.

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