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Bundesliga-Check: Bayern München: Alles - nur kein Selbstläufer

"Besser geht's nicht", bilanzierte Uli Hoeneß kürzlich die Hinrunde der Bayern. Die Stimmung beim Herbstmeister aus München ist glänzend. Bleibt das so? Oder sorgt die Konzentration auf das Champions-League-Finale im eigenen Wohnzimmer für lange Gesichter?

Herbstmeister, beste Hinrunden-Tordifferenz der Bundesliga-Geschichte, Achtelfinale in der Champions League und Viertelfinale im Pokal erreicht, mit Mario Gomez Erster in der Torjägerliste und zudem konnte Trainer Jupp Heynckes die im letzten Jahr so wacklige Defensive mit nur zehn Gegentreffern zu einem echten Bollwerk machen - beim FC Bayern ist man angesichts der starken Hinrunde vor dem Rückrundenstart allerbester Stimmung.

Die noch vor einem Jahr undenkbar gewesene Ruhe an der Säbener Straße wird derzeit nur durch lautes Lachen gestört. "Besser geht's nicht", strahlte auch Präsident Uli Hoeneß laut "AZ" und fügte an: "Wie in diesem Film mit Jack Daniels." Gut, er meinte natürlich Jack Nicholson und nicht dessen Vornamensvetter aus Tennessee, aber dieser Versprecher zeigt auch, dass es, wenn man die ganze Vorrunde betrachtet, trotz der positiven Ergebnisse sogar beim Rekordmeister noch Verbesserungspotential gibt.

Denn man ließ in der Vorrunde doch einige Punkte wegen mangelnder Einstellung etwas leichtfertig liegen. Das darf sich in der Rückrunde nicht wiederholen, zudem müssen die Bayern aufpassen, dass eine zu große Konzentration auf die Champions League sich am Ende nicht nachteilig auf die Meisterschaft auswirkt und man am Ende doch noch von den Verfolgern überholt wird.

Größte Enttäuschung

Der geplatzte Reus-Transfer? Ach was, der war den Bayern doch ohnehin egal. Die Absage von Gladbachs Youngster juckt in München daher überhaupt keinen, wie Vorstand und Spieler in zahllosen Interviews irgendwie krampfhaft zu bestätigen versuchen. Erstens hätte man ihn natürlich gekriegt, wenn man ihn denn wirklich gewollt hätte und zweitens braucht man doch keinen Spieler, der es nötig hat, sich möglicherweise vertraglich einen Stammplatz garantieren zu lassen. Soll der doch in Dortmund glücklich werden. Pfff...

Enttäuschender, wenn man das große Wort angesichts der insgesamt guten Vorrunde denn überhaupt in den Mund nehmen sollte, war da schon eher, dass angesichts von nur drei Punkten Vorsprung auf die Verfolger nur extrem Kurzsichtige ein Fernglas bräuchten. Doch einem zwischenzeitlich befürchteten Durchmarsch standen sich die Bayern selbst im Wege, weil sie bei ihren immerhin vier Saisonniederlagen nach den Gegentoren jeweils den unbedingten Willen zum Sieg vermissen ließen. Das lag sicher zum großen Teil auch am Fehlen ihres Leitwolfes.

Hoffnungsträger

Denn wie sehr das Team Chefstratege Bastian Schweinsteiger braucht, zeigte sich erst, als er nach dem Champions League-Spiel gegen Neapel wegen eines Schlüsselbeinbruchs pausieren musste. Die 0:1-Niederlage gegen Dortmund und das 2:3 in Mainz, aber auch der nur mit Mühe eingefahrene 2:1-Sieg über Augsburg fielen in diese Zeit.

Zwar kriegten die Bayern dann wieder die Kurve, doch das konnte den Eindruck nicht verwischen, dass Schweinsteiger nicht gleichwertig zu ersetzen ist. "Er ist eine Persönlichkeit, er spricht viel auf dem Platz und ist wichtig als Anspielstation", unterstrich Frank Ribéry laut focus.de die Bedeutung des Schlüsselspielers. Umso wichtiger, dass der Vizekapitän topfit zurückkehrt und den ehrgeizigen Ankündigungen Taten folgen lässt. "Ich habe meine Messlatte sehr hoch gesteckt für das neue Jahr. Ich erwarte viel von mir. Wir wollen alle einen internationalen Titel gewinnen, mit dem FC Bayern und der Nationalmannschaft", erklärte er.

Frage an den Fachmann

Jaja, die Champions League spukt den Bayern nach der souveränen Vorrunde gehörig im Kopf herum. Das Finale im eigenen Stadion ist der große Wunsch, den nach Uli Hoeneß nun auch vermehrt die Spieler äußern. Aber wenn nach Selbstläufer Basel die schweren Brocken anstehen, könnte die große Konzentration auf das Ziel Champions League am Ende vielleicht sogar das Ziel Meistertitel gefährden? Wir haben die Bayern-Experten Oliver Schmidt (breitnigge.de) und Patrick Fricke (kaisergrantler.de) befragt.

Schmidt: "Nein. Denn der Druck ist beim FC Bayern so oder so höher als bei anderen (deutschen) Teams. Finale im eigenen Stadion hin oder her. Deshalb kann aber auch keine andere Mannschaft in Deutschland eben diesen Druck so sehr aushalten wie der FC Bayern. Und wenn es gegen die "wirklich Großen" in der Champions League geht, ist die Platzierung in der Bundesliga ohnehin irrelevant."

Fricke: "Ich warne davor Basel als Selbstläufer zu bezeichnen. Ich habe oft den Begriff "Freilos" von einigen Bayernfans gelesen und gehört. Natürlich gibt es stärkerer Gegner, aber dieses Los birgt eine gewisse Gefahr. Sollten wir weitere Runden in der Champions League überstehen, wird der Alltag in der Bundesliga physisch und psychisch etwas leiden. Auch wenn von allen Verantwortlichen immer wieder gepredigt wird, dass die Meisterschaft das täglich Brot ist, wird ein mögliches Erreichen des Champions League Endspiels in München über allem stehen. Dass dadurch das Ziel Meisterschaft in Gefahr geraten könnte, halte ich für ausgeschlossen. Viele Spieler und alle Verantwortlichen kennen solche Situationen und sind darauf vorbereitet und eingestellt. Sollte der BVB nicht eine überragende Rückrunde spielen, sehe ich keinen anderen Deutschen Meister als den FC Bayern München." 

Prognose

Trotz der starken Hinrunde und der beeindruckenden Zahlen (z. B. Tordifferenz +33) wird die Rückrunde kein Selbstläufer für die Bayern. Bei aller Konzentration auf die Champions League, darf man sich in der Liga keinen Ausrutscher gegen kleine Teams erlauben. Sonst laufen die Bayern Gefahr, gegenüber dem ohne Doppelbelastung frischeren BVB ins Hintertreffen zu geraten. Und dann würde Uli Hoeneß sicher das Lachen vergehen.

Malte Asmus

sportal.de / sportal

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