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Bundesliga im Check: FC St. Pauli: Hunger, Mut und Hingabe

Der FC St. Pauli war vor neun Jahren nie mittendrin in der Bundesliga, sondern immer nur dabei. Aus dem Gastspiel haben die Hamburger gelernt - und sich mit Bedacht verstärkt. Der Kiez brennt derweil vor Begierde, und daran ändert die Pokal-Pleite in Chemnitz nichts. Nirgends ist man so heiß auf die neue Saison wie auf St. Pauli.

Von Dirk Benninghoff

Was ist neu?

Die Liga - doch im Gegensatz zum letzten Aufstieg 2001 nicht der halbe Kader. Damals hatte der FC St. Pauli recht wahllos eingekauft, diesmal hielten sich die Hamburger zurück. Trainer Holger Stanislawski ist der korrekten Ansicht, dass seine Mannschaft völlig zurecht aufgestiegen sei und deshalb auch die nötige Klasse habe. Wichtigster und prominentester Neuzugang ist Gerald Asamoah von Schalke 04. Der frühere Nationalspieler ist allerdings verletzt und wird zum Saisonauftakt fehlen. Ebenso der neue Torwart Georg Kessler, der aus Köln kam. Mit Asamoah wechselte auch Verteidiger Carlos Zambrano von Schalke nach Hamburg. Aus Rostock stieß Fin Bartels zu St. Pauli. Von Ipswich Town wurde Moritz Volz geholt, der zuvor zehn Jahre in England gespielt hatte.

Im Gegensatz zum Mitaufsteiger Kaiserslautern hat kein wichtiger Spieler den Verein verlassen. Es bleibt also sehr viel beim Alten am Millerntor.

Was ist gut?

Ein wichtiger Plusfaktor resultiert aus der hohen Kontinuität: Wenn der Trainer sagt, die Mannschaft sei eine Einheit, ist das auf St. Pauli keine Floskel. Viele Spieler kennen sich schon lange, neun haben schon in der dritten Liga am Kiez gespielt. Die Stimmung untereinander ist dementsprechend gut und das Verhältnis zum Trainer gilt als exzellent. Stanislawski achtet darauf, dass die Spieler zum Verein passen und sich mit dem Stadtteil identifizieren. All das sichert eine Rückendeckung durch die Fans und einen Zusammenhalt, wie er in Deutschland einmalig ist. Der Kiez bebt vor Euphorie und Vorfreude. Bester Beleg waren am Freitag riesige Schlangen vor dem Ticket-Center, als die restlichen Karten für die ersten drei Heimspiele verkauft wurden. Natürlich sind alle drei ausverkauft.

Zudem besitzt Stanislawski etwas, das man gerne einen breiten Kader nennt. In der Abwehr können sich neun, im Mittelfeld acht Spieler Chancen auf Einsätze von Beginn an ausrechnen. Im Sturm gibt es vier Kandidaten, aus denen der Trainer auswählen kann. Selbst im Tor gibt es Auswahlmöglichkeiten. Jede Menge Alternativen also für Stanislawski.

Wie viele Bundesligisten - von daher hebt sich der Vorteil schon fast wieder auf – besitzt St. Pauli mehrere junge Spieler, deren Leistungskurve noch nicht oben angekommen ist. Von Bastian Oczipka, Deniz Naki, Max Kruse, Rouwen Hennings und Richard Sukuta-Pasu darf und muss (Sukuta-Pasu) der Verein noch viel mehr erwarten – dabei waren sie teilweise schon in der vergangenen Saison Stammspieler. Der hochtalentierte Hennings, in guten Tagen an einen guten Lukas Podolski erinnernd, ist zu weit mehr in der Lage als nur zum Edel-Joker. Er traf in der vergangenen Saison satte sieben Mal nach Einwechselungen und ist in der Vorbereitung erstklassig in Schuss gewesen – wie die ganze Mannschaft.

Was ist schlecht?

Die Abwehr kann trotz des Schalker Neuzugangs Zambrano nur mit Wohlwollen als erstligareif bezeichnet werden. Beim gestrigen Pokal-Aus in Chemnitz wirkte die Defensive vor allem bei Standards extrem unsicher. Marcel Eger, Ralf Gunesch, Florian Lechner, Fabio Morena, Carsten Rothenbach – allesamt unbestritten starke Drittliga- und solide Zweitligaspieler. Aber haben sie das Zeug für die Bundesliga? Bei einigen von ihnen wird es wohl nicht reichen. Und bei Moritz Volz? Dessen jüngste Vita spricht nicht dafür, dass er eine Verstärkung sein wird. Bevor der sportliche Höhenflug beim FC Fulham begann, sortierte ihn der Verein aus – und Volz landete in der Zweiten Liga bei Ipswich Town. Später machten ihm Verletzungen zu schaffen. Anfang 2010 testete ihn Felix Magath im Trainingslager, wollte ihn aber dann doch nicht zu Schalke 04 holen. Zuletzt war Volz ohne Verein und wird möglicherweise viel Zeit brauchen, bis er den Anschluss gefunden hat - wenn er ihn denn findet. Derzeit ist er auch noch verletzt. Immerhin unterhält "Volzy" eine nette Homepage (www.volzy.com).

In der Sturmzentrale muss Marius Ebbers darauf hoffen, dass sich Fußballgeschichte nicht wiederholt. Seine bisherige Bilanz in der Bundesliga ist nicht beendruckend. In 46 Spielen traf Ebbers dreimal. Vor der Rückrunde wird der Stoßstürmer immerhin 33 Jahre alt – ob er da noch seinen ersten Erstliga-Frühling erlebt? Der talentierte Sukuta-Pasu wirkt weder in der vergangenen Rückrunde noch in der Vorbereitung wie ein gleichwertiger Ersatz. Sprich: Stanislawski, der gerne mit nur einem Stürmer spielt, droht vorne ein Ausfall. Da ließe sich der von ihm propagierte mutige Fußball nur schwer umsetzen.

Was ist möglich?

Kein Verein, abgesehen vielleicht von Kaiserslautern, geht mit soviel Heißhunger auf die erste Liga in die Saison wie St. Pauli. Daran ändert die Pokalblamage in Chemnitz gar nichts. Der Schwung des jahrelangen Erfolges kann die Truppe durch eine tolle Saison tragen. Das Anfangsprogramm könnte der Mannschaft Sicherheit geben, da sie sowohl in Freiburg und Köln als auch zuhause gegen Hoffenheim punkten kann. Vier, fünf oder gar sechs Punkte in diesen Spielen wären keine Überraschung – und sie brächten eine zusätzliche Dynamik. Kurzum: Der Start ist für St. Pauli noch entscheidender als für andere Teams. Gelingt er, wird am Ende mindestens Platz 15 stehen, den sich der Verein wünscht. Rutscht St. Pauli wie vor neun Jahren früh unten rein, wird es eng - ganz eng.

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