Carl Zeiss Jena Millionendeal mit Moskau


Zwei Russen wollen beim Zweitligisten Carl Zeiss Jena einsteigen. Dafür erhalten sie ein großes Mitspracherecht. Zum ersten Mal im deutschen Fußball lässt sich ein Klub kaufen - wenn die Mitglieder zustimmen.
Von Alf Burchardt

Es ist ein seltsamer Deal, und noch seltsamer ist, wie sich alle verhalten. Bei anderen Traditionsvereinen würden die Fans mit Sitzblockaden die Stadiontore versperren oder dem Präsidenten Schläge androhen. Hier in Jena dagegen hören sie sich schicksalsergeben an, wie ihr Klub nach 104 Jahren an geheimnisvolle Russen verkauft werden soll. Im VIP-Zelt hinter der Tribüne des Ernst-Abbe-Sportfelds ist es still wie in der Kirche. Zwei Stunden schon haben knapp 100 Vereinsmitglieder andächtig zugehört, erst jetzt kommt die Frage, die alle hier umtreibt, zögerlich zwar, aber immerhin, sie kommt: "Warum nur geben uns die Russen ihr Geld, was haben sie davon?" Rainer Zipfel, der Präsident des FC Carl Zeiss Jena, hat die ganze Zeit geredet und auf diese Frage schon gewartet. Er verzieht keine Miene. Seit fast einem Jahr weiß er von dem 25-Millionen-Euro-Deal. 25 Millionen Euro für den klammen FC Carl Zeiss Jena. Und seit einem Jahr weiß er keine andere Antwort als: "Es müssen einfach Fußballverrückte sein."

Der 47 Jahre alte Zipfel, im Hauptberuf Manager eines Entsorgungsunternehmens, hat an diesem Abend die finanzielle Lage des Vereins dargestellt: Mit einem Etat von neun Millionen Euro gehöre Jena zu den Zwergen in der Zweiten Liga, Steigerungen seien nicht in Sicht, man habe ja schon Schwierigkeiten, einen Sponsor für den Mannschaftsbus zu finden, da müsse man offen sein für neue Partner. Keiner der Versammelten widerspricht ihm. So wünscht sich Zipfel das. Er möchte die Profi-Fußballer des FC Carl Zeiss Jena in eine Kapitalgesellschaft ausgliedern; das ist Voraussetzung, um Investoren zu gewinnen. 18 andere Vereine der Ersten und Zweiten Bundesliga haben das auch schon gemacht. Aber Zipfel und seine Präsidiumskollegen wären die Ersten im deutschen Fußball, die die Kontrolle über nahezu den halben Club abgeben. Die "Alpha Invest Group Corporation" soll 49 Prozent der Anteile übernehmen. Im Gegenzug zahlt das Firmenkonsortium Jena in den nächsten fünf Jahren pro Saison vier bis fünf Millionen Euro. Was im Fussball mit russischen Millionen alles möglich ist, zeigt das Beispiel Roman Abramowitsch. Der Oligarch kaufte sich vor Jahren zuerst den englischen Klub FC Chelsea, dann viele Weltklassespieler und machte Chelsea so zu einem europäischen Topklub.

In Jena träumt man allerdings nicht von der Champions League, sondern nur von der Bundesliga. Hinter Alpha Invest Group Corporation verbergen sich die beiden Russen Adlan Schischchanow und Murat Lujanow. Sie sind nicht so reich wie Abramowitsch. Das gilt als sicher. Viel weiß man aber nicht über die beiden Herren und ihre Geschäfte. Von Moskau aus wachen sie über eine Ansammlung von Firmen, die unter anderem in Moskau mit Baustoffen handeln und in Kasachstan eine Zementfabrik betreiben. Der Sitz ihres Konsortiums liegt aber weit entfernt, auf den Virgin Islands. Zu ihrem Vorhaben in Jena wollen sie sich nicht äußern, den ganzen Deal lassen sie über eine Frankfurter Anwaltskanzlei abwickeln. Und auch die bleibt geheim. Zipfel ist einer der wenigen, der etwas über Schischchanow und Lujanow erzählen kann. Sie seien keine eitlen Männer, an ihren Handgelenken blitzten keine Rolex- Uhren. Er und Schatzmeister Gerald Glöckner hätten in den vergangenen Monaten gründlich recherchiert, sie seien auf keine krummen Geschäfte ihrer künftigen Partner gestoßen. Und auf die Frage nach dem Firmensitz auf den Virgin Islands sagt Zipfel mit einem Achselzucken: "Ich weiß natürlich, dass es da mehr Briefkästen als Menschen gibt."

"Die letzte Entscheidung bleibt immer bei uns"

Selbst in Russland ist die Alpha Invest Group Corporation kaum bekannt, es gibt nur Spekulationen über das Konsortium und seine Eigner. So vermutet zum Beispiel die seriöse Wochenzeitung "Nowaja Gaseta", dass Schischchanow ein Verwandter von Michail Guzerijew ist, dem ehemaligen Besitzer des Ölkonzerns "Russneft". Guzerijew versteckt sich derzeit im Ausland, gegen ihn wird wegen Steuerhinterziehung ermittelt. Das Engagement von Schischchanow und Lujanow in Jena kann sich die "Nowaja Gaseta" nicht recht erklären, vielleicht, sagt ein Redakteur, wollten die beiden Herren das Geld nur ins Ausland schaffen. Vor Monaten sorgte bereits der russische Energiekonzern Gasprom in Deutschland für Furore, als er beim FC Schalke 04 einstieg. Allerdings nur als Sponsor, Gasprom mischt sich zumindest offiziell nicht in die Klubpolitik ein. In Jena würde das anders sein. Für ihr Geld wollen die Russen einen von zwei Geschäftsführern in der neuen "FC Carl Zeiss Jena Spielbetriebs GmbH" stellen. Als Zipfel das auf dem Infoabend erzählt, merkt er gleich, was einige denken. Er sagt: "Keine Sorge, das wird kein Russe sein, sondern ein Deutscher. Ich habe ihn schon kennengelernt."

Zipfel wirft nun ein Schaubild an die Wand, das die neuen Besitzverhältnisse zeigt. 51 Prozent der Anteile der GmbH bleiben demnach im Besitz des Vereins. Die Russen wollten ursprünglich mehr Macht haben, doch die Satzung der Deutschen Fußball Liga lässt das nicht zu. Zipfel sagt: "Die letzte Entscheidung bleibt immer bei uns. Und außerdem können wir nach drei Jahren wieder aussteigen." Dann hätte der Verein mindestens zwölf Millionen Euro kassiert und müsste für nur 1,25 Millionen die 49 Prozent Anteile zurückkaufen. Am Ende seiner Werbekampagne spielt Zipfel seinen besten Trumpf aus. Mögliche Gewinne der GmbH gingen an den Klub, auf diese Klausel hätten die Russen bestanden. Noch so eine Merkwürdigkeit dieses Geschäfts. Aber in Jena scheint das kaum jemanden zu irritieren. Einer der Zuhörer möchte lieber wissen, ob die neuen Herren nicht Einfluss auf die Mannschaft nehmen werden? "Natürlich", sagt Zipfel und versucht es mit Ironie. "Bei uns spielen dann künftig sieben Russen, zwei Ukrainer sowie zwei Georgier. Und Trainer wird auch ein Russe!" Am 29. September müssen die Mitglieder nun entscheiden. Zipfel braucht drei Viertel der Stimmen. Der Sieg scheint ihm sicher. Warum die Russen ausgerechnet in Jena einsteigen wollen, ist eines der vielen Rätsel in diesem Geschäft. Rainer Zipfel sagt lediglich: "Sie hatten ursprünglich an vier, fünf Klubs aus dem Osten Interesse. Sie haben sich dann uns ausgesucht."

Zeiss wollte den Fußballklub nicht unterstützen

Ein Mann, der half, dass der Kontakt zwischen den Investoren und Jena zustande kam, ist Sergej Kiriakow, der einst für den Karlsruher SC und den Hamburger SV stürmte. Er behauptet, dass die Alpha Group von Anfang an mit Jena ins Geschäft kommen wollte. Kiriakow wohnt in Berlin und Moskau, zuletzt hat er als Trainer in Lettland gearbeitet. Wird er selbst bald einen Job in Jena übernehmen? "Es ist zu früh, darüber zu reden", sagt er. "Wenn der Vertrag unterschrieben ist, werden die Investoren ihr Konzept vorstellen." Für den FC Carl Zeiss Jena würde dann mal wieder eine neue Ära anbrechen. Jena, einer der erfolgreichsten Vereine der DDR-Oberliga, dreimal Meister, viermal Pokalsieger, feierte seinen größten Triumph 1981, als der Verein im Europapokal der Pokalsieger erst im Endspiel Dynamo Tiflis unterlag. Als die Mauer fiel, hoffte der Verein auf ähnlich erfolgreiche Zeiten im wiedervereinigten Deutschland. Hans Meyer, zweimal Trainer in Jena und heute beim Pokalsieger 1. FC Nürnberg, glaubt, von allen Ostvereinen hätte der FC Carl Zeiss die besten Voraussetzungen gehabt. "Mag sein", sagt Lutz Lindemann, "damals haben wir gedacht, mit dem Zeiss- Werk im Rücken könnten wir ähnlich erfolgreich durchstarten wie Leverkusen mit dem Bayer Werk." Aber Zeiss wollte den Fußballklub nicht unterstützen.

Lindemann, 58, war zu der Zeit Mannschaftsleiter, ewigen Ruhm hat er sich in Jena erworben, weil er Mitglied der Mannschaft war, die das Europapokalendspiel erreichte. Im November 2006 ist er zurückgekehrt, inzwischen ist er Manager. Dynamo Dresden, Lokomotive Leipzig, Hallescher FC - Lindemann hat seit der Wende viele zu DDR-Zeiten erfolgreiche Klubs abstürzen sehen. Jena begann die neue Zeit in der Zweiten Bundesliga, stieg ab, stieg auf, pendelt seither zwischen der zweiten und der vierten Spielklasse. Nur verständlich, dass Talente wie Bernd Schneider und Robert Enke in in den Westen abwanderten. Im Herbst 2001 stand Jena vor der Insolvenz; Fans und Mitglieder zogen mit Sammelbüchsen durch die Stadt und retteten damit den Klub. Seit 2006 spielt Jena wieder in der Zweiten Liga. "Wir müssen sehen, dass wir irgendwie fester Bestandteil des Profi-Fußballs bleiben", sagt Lindemann. Das geht mit einem Etat von neun Millionen nicht. Mit dem Geld der Russen würde Jena zwar nicht in eine finanzielle Liga wie der 1. FC Köln vorstoßen (40 Millionen), aber damit könnte man entspannter arbeiten. "Ich verstehe ja, dass da gerade in den alten Bundesländern die Leute skeptisch sind", sagt Lindemann. "Aber wäre die Aufregung auch so groß, wenn die Investoren aus Spanien oder Italien kämen?"

Die Deutsche Fußball Liga ist alarmiert

Bevor es zur Übernahme kommt, muss nicht nur die Mitgliederversammlung zustimmen, sondern Rainer Zipfel auch in Frankfurt antreten. Die Deutsche Fußball Liga, die DFL, ist alarmiert, sie möchte sich das Vertragswerk ganz genau ansehen. "Wir wollen mit Jena die Hintergründe dieses erklärungsbedürftigen Vorhabens erörtern", sagt Christian Müller, Geschäftsführer Finanzen bei der DFL. Es ist Freitagabend in Jena, knapp 9000 Zuschauer sind ans Ernst-Abbe-Sportfeld gekommen. Jena verliert mit 1 : 2 sein Heimspiel gegen den TuS Koblenz, ist jetzt Tabellenletzter. Die Fans reden sich die Köpfe heiß über Trainer Frank Neubarth - aber nicht über die Investoren. Drei Tage später ist Neubarth entlassen. Der Club sucht einen neuen Trainer. Denn sollte Jena in die dritte Liga absteigen, ziehen sich die Russen aus dem Geschäft zurück. So fußballverrückt sind sie dann doch nicht.

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