HOME

Champions League: Champions League - Außer Thesen nichts gewesen

Manchmal sind Handlungen langfristig falsch. Aber sie können kurzfristig Erfolg bringen. So verhält es sich auch mit der Entlassung von André Villas-Boas in Chelsea. Die Entwicklung des Clubs wurde um Jahre zurückgeworfen - aber die Saison ist wieder auf Kurs, seit Roberto di Matteo das Sagen in London hat. Das und mehr Thesen in unserer Achtelfinal-Analyse.

Um ein Haar wäre der FC Bayern, der Stern des Südens, alleine unter sieben südeuropäischen Mannschaften gewesen, wenn das Viertelfinale am Freitag ausgelost wird. Dann aber gewann Chelsea in der Verlängerung eines packenden Spiels noch gegen Napoli und die Münchner bekommen Gesellschaft aus der Premier League.

Hat Roman Abramovich also wie König Midas mit seiner Trainerentlassung Chelseas Saison doch noch vergoldet? Das ist eine der Fragen, die wir uns nach dem Achtelfinale der Champions League stellen.

Roman's Revenge: Guter Impuls oder schwerer Rückschlag?

Zu Recht ist an dieser Stelle schon die Entlassung von André Villas-Boas in Chelsea als schwerer Fehler von Roman Abramovich bezeichnet worden, weil der Mäzen mit seiner Ungeduld einen grundsätzlichen Umbau des Kaders selbst torpediert. Der Traum vom Gewinn der Champions League rückt in immer weitere Ferne, weil man jedem Trainer Zeit geben muss, sein Konzept zum Tragen zu bringen. Das gilt insbesondere für einen so jungen Coach wie AVB in Verbindung mit einem Kader, dessen Rädelsführer schon alles gesehen haben.

Dennoch lässt sich nicht bestreiten, dass die Inthronisierung von Roberto di Matteo, der schon bei West Bromwich Albion als Manager gute Arbeit geleistet hatte, als Interimstrainer bis Saisonende neue Kräfte bei den Blues frei gesetzt hat, die nun auf einmal wieder um sehr viele Ziele in dieser Saison spielen. In der Champions League stehen die Londoner im Viertelfinale, wo außer Barcelona und Madrid (siehe unten) keine Mannschaft unschlagbar für die Blues erscheint - auch, wenn Bayern und Milan wohl als leichte Favoriten anzusehen wären.

Im FA Cup hat sich Chelsea in Di Matteos Debütspiel in Birmingham im Replay ebenfalls ins Viertelfinale gerettet, dort wartet nun ein sehr machbares Heimspiel gegen den Zweitligisten Leicester City und ein Feld, aus dem Manchester United, City und Arsenal bereits ausgeschieden sind. In der Premier League wiederum ist Platz vier noch keinesfalls außer Reichweite. Vielleicht hat Abramovich ja tatsächlich mal etwas richtig gemacht - zumindest bis zur ersten Krise, die di Matteo erleben wird. 

Barcelona und Real Madrid sind vor dem Finale kaum zu schlagen

Wir haben es in unserem gestrigen Bayern-Artikel schon in Bezug auf die Chancen der Münchner betont, aber wir sagen es hier im größeren Kontext gerne noch einmal: Es müsste schon mit dem Leibhaftigen (nicht Sir Alex Ferguson ist gemeint) zugehen, wenn es irgendeinem Club gelingen sollte, einen der beiden Clasico-Rivalen über zwei Spiele zu schlagen. Erst im Finale könnte sich (vor allem für Bayern im eigenen Stadion) eine bessere Chance ergeben.

Die Zahlen der letzten Jahre sprechen hier eine deutliche Sprache. Barcelona scheint ohnehin von Jahr zu Jahr noch besser zu werden, Real Madrid ist in dieser Saison noch stärker als im Vorjahr und in der Champions League hat Barcelona seit 2008 nur gegen Mourinho verloren (2010 im Halbfinale mit Inter), Real Madrid wiederum seit Mourinho verantwortlich ist, nur gegen Barcelona (2011 im Halbfinale).

Das macht es nicht ausgeschlossen, dass eine oder gar beide Mannschaften aus Spanien vor dem Finale ausscheiden. Aber es erscheint extrem unwahrscheinlich, zweimal innerhalb einer Woche die Oberhand gegen Barcelona zu behalten. Real Madrid wiederum hat in dieser Spielzeit außer gegen Barcelona nur ein einziges Spiel verloren - mit 0:1 bei Levante im September.

Mourinho holt überall Titel - und hinterlässt überall Probleme

Das Titelkabinett des Dr. Mourinho ist gut gefüllt. Sechs Meistertitel, Pokalsiege in vier Ländern, zwei Champions League-Titel und ein UEFA Cup, um nur die wichtigsten Trophäen zu nennen, stehen in seinem Briefkopf. An seiner Klasse kann nicht gezweifelt werden. Wie gut es aber langfristig für Clubs ist, ihn zu verpflichten, das ist eine Frage, die durch die Bilanz seiner jeweiligen Nachfolger aufgeworfen wird.

Kein einziger direkter Mourinho-Nachfolger konnte bisher einen relevanten Titel gewinnen, bevor er entlassen wurde. Weder in Porto (Victor Fernandez) noch in Chelsea (Avram Grant) noch in Mailand (Rafa Benitez) holte Mourinhos Ex-Club im Jahr eins nach seinem Abgang irgendetwas Zählbares. Und mit Ausnahme von Porto wirkt das Vermächtnis des Portugiesen auch lange nach.

Das sieht man aktuell in Chelsea, das immer noch am Umbau des Mourinho-Kaders laboriert, den Trainer jetzt aber schon zurückholen will, bevor überhaupt seine Ex-Spieler gegangen sind, und ganz besonders in Mailand, wo Inter aktuell seine schlechteste Spielzeit seit der Vier-Trainer-Saison 1998/99, als Luigi Simoni, Mircea Lucescu, Luciano Castellini und Roy Hodgson an der Seitenlinie saßen, erlebt.

Parallelen sind zwischen Chelsea und Inter zu ziehen, weil in beiden Fällen zu Saisonbeginn neue Trainer geholt wurden, die woanders mit neuen Ideen für Furore gesorgt hatten. Die Ideen waren aber jeweils schneller als die Personalplanung, denn weder Gian Piero Gasperini in Mailand noch André Villas-Boas waren besonders scharf darauf, mit verdienten Stars wie Wesley Sneijder oder Frank Lampard zusammenzuarbeiten.

Frankreichs Fußball ist wieder da - ach nein, doch nicht

Olympique Marseilles Einzug ins Viertelfinale, der erste für OM seit 1993, markierte nicht nur das Ende einer Ära bei Inter. Es war auch ein weiteres Indiz dafür, dass die Ligue 1 bereit ist, ihren Status als abgeschlagene Nummer fünf der großen europäischen Ligen nicht mehr widerstandslos hinzunehmen.

Paris Saint-Germain, das sich dank des Geldes aus Katar nicht nur viele starke Spieler, sondern auch einen Weltklassetrainer und mehrfachen Champions League-Gewinner wie Carlo Ancelotti leisten kann, werden wir erst in der kommenden Saison in der Königsklasse sehen. Aber Marseilles Wahnsinnssaison in vier Wettbewerben, die der Mannschaft von Didier Deschamps bis Mai insgesamt 62 Pflichtspiele eintragen könnte, ist auch nicht zu verachten.

Es sieht nicht immer attraktiv aus, was OM spielt, das war auch im Vorjahr schon so, wenn man sich an die Spiele gegen Manchester United erinnert. In der Vorrunde gegen Arsenal versuchte Marseille vor allem, den Gegner zu neutralisieren, selbst beim klaren Sieg gegen Dortmund war es kein Fußballfest. Aber der Erfolg gibt Deschamps Recht.

Deschamps übrigens gewann so schon zum zweiten Mal in der Champions League gegen Claudio Ranieri. Bereits 2004 hatte er mit AS Monaco im Halbfinale das damals noch von Ranieri trainierte Chelsea bezwungen. Erst im Finale war dann für Deschamps Schluss. Gegen Porto und José Mourinho. Mourinho wäre durchaus ein möglicher Viertelfinalgegner für Deschamps...

Unsere These wird einzig und allein vom grotesken Scheitern Lyons kompromittiert. Dass OL im Umbau ist, sei der Elf von Remi Garde verziehen. Man muss mit dem jetzigen Kader nicht ins Halbfinale kommen. Aber gegen eine technisch so limitierte APOEL-Mannschaft auszuscheiden, deren Taktik sich auf Videos aus der Vorrunde doch eigentlich ausgiebig hätte studieren lassen? Das ist nicht weniger als blamabel.

So jedenfalls ist APOEL am Freitag im Lostopf, wenn die vermeintlich besten acht Clubs Europas auf vier Viertelfinalpaarungen verteilt werden - eine Mannschaft, die ohne Michel Platinis Reformen wohl nicht einmal die Gruppenphase erreicht hätte. Aber wer wollte den Zyprern inzwischen noch das Recht absprechen, in dieser Saison dabei zu sein? Immerhin waren es nicht sie, die sieben Gegentore in einem Spiel kassiert haben.

Daniel Raecke

sportal.de / sportal

Wissenscommunity