HOME

Champions-League-Triumph: Real Madrid feiert die Erlösung

Real Madrid hat in einem dramatischen Finale Atlético Madrid nach Verlängerung mit 4:1 bezwungen. Endlich ist "La Decima" gewonnen. Doch am Ende wären die Emotionen fast übergekocht.

Von Tim Schulze

Am Ende eines dramatischen Champions-League-Finales von Lissabon explodierten die Emotionen. Als der niederländische Schiedsrichter Björn Kuipers nach 120 Minuten die Partie gegen Atlético Madrid abpfiff, war Real Madrid erlöst – endlich. Zwölf Jahre nach dem Triumph gegen Leverkusen hatten es die Königlichen geschafft. La Decima (die Zehnte) ist gewonnen. Der größte Club der Welt steht wieder da, wo er nach seinem Selbstverständnis hingehört: an der Spitze des europäischen Club-Fußballs.

Die Emotionen kochten aber auch beim Trainer des Finalgegners über. Wie von der Tarantel gestochen rannte Diego Simone nach dem Schlusspfiff auf Real-Verteidiger Raphael Varane zu. Seine Spieler hielten den aufgebrachten Coach gerade noch rechtzeitig von einer unüberlegten Tat ab. Irgendetwas Provozierendes musste der junge französische Nationalspieler Richtung Atlético-Bank gesagt haben. Kurz sah es so aus, als wenn die intensiven 120 Minuten einigen Akteuren zu sehr in den Kopf gestiegen wären. Zum Glück beruhigten sich alle Beteiligten wieder schnell.

Real war schon so gut wie tot

Doch eine 1:4-Niederlage gegen den Stadtrivalen, dessen Etat sechs Mal höher ist, schmerzte wohl zu sehr. Das Ergebnis war dem, was auf dem Rasen des Estadio de la Luz geschehen war, auch nicht gerecht geworden. Simone kochte, weil sein Team eigentlich schon wie der sichere Sieger aussah. Nach 90 kämpferischen Minuten ohne großen fußballerischen Glanz lag Atlético mit 1:0 vorn. Innenverteidiger Diego Godin hatte sein Team nach einem kapitalen Schnitzer von Real-Keeper Iker Casillas in der 36. Minute in Führung geköpft. Real war so gut "wie tot" (Sami Khedira), als Sergio Ramos ein kleines Wunder vollbrachte. In der dritten Minute der Nachspielzeit gelang ihm ebenfalls per Kopf der Ausgleich. Es ging in die Verlängerung. "Es ist einfach unglaublich. Wir sind übergücklich. Wir haben bis zum Schluss gekämpft. Das Tor war nicht nur ein Tor von mir, es war ein Tor von uns allen", sagte der Torschütze, der schon mit zwei Treffern die Bayern den Garaus gemacht hatte.

Immer wieder gestikulierte Simone in der Folge wild in Richtung des Schiedsrichters und zeigte es mit den fünf Fingern seiner Hand an: fünf Minuten Nachspielzeit hatte de Kuipers gegeben. Warum? In den Augen des argentinischen Coaches war das offensichtlich die Entscheidung, die dem kleineren Club aus dem Süden der spanischen Hauptstadt den Titel kostete.

Fast bis zur totalen Erschöpfung waren die Atleti gerannt, hatten gegrätscht und einige sehenswerte Angriffe vorgetragen gegen ein Real, das über 90 Minuten seltsam blass blieb. Cristiano Ronaldo und Karim Benzema zeigten in der Offensive kaum Wirkung. Nur Gareth Bale setzte mit zwei guten Torchancen Zeichen. Casillas patzte schwer und Khedira spielte so, wie man nach einem halben Jahr Verletzungspause spielt. Nur Innenverteidiger Ramos sprühte vor Biss und Einsatz. Als Reals Trainer Carlo Ancelotti Isco und Marcelo für Khedira und Fabio Coentrao brachte, verlieh er seinem Team schließlich doch noch den nötigen spielerischen Schub.

Ronaldos alberner Jubel

In der Verlängerung zollte Atlético dem intensiven Spiel Tribut. Einige Spieler wurden von Krämpfen geschüttelt - und Real spielte seine größere spielerische Klasse aus. Als Angel di Maria mit einem großartigen Solo die komplette Atletico-Abwehr aushebelte und Gareth Bale mit dem Kopf zum 2:1 traf, war es um Diego Simone und sein Team geschehen. Wir haben alles gegeben, alles versucht. Irgendwann ist die Kraft zu Ende", sagte Kapitän Gabi.

Die Tore durch Marcelo und Cristiano Ronaldo, der am Ende per Elfmeter traf, waren da kaum noch von Bedeutung. Außer für Ronaldo. Der Superstar baute seinen Torrekord in der Champions League auf 17 Treffer aus. Er zog sich beim Torjubel das Trikot aus und zeigte der Welt seinen gestählten Oberkörper. Auch in der Größe des Triumphes gibt es bisweilen peinliche Momente.

Ronaldos alberner Jubel war nur eine unbedeutende Anekdote in einem Finale, das zahlreiche Geschichten schrieb. Zum Beispiel die des Reals-Trainers: Carlo Ancelotti hat nicht nur Real mit „La Decima“ erlöst, der Italiener ist jetzt mit drei Champions-League-Titeln der erfolgreichste Trainer der Königsklasse. Aus deutscher Sicht gab es Erfreuliches zu vermelden. Sami Khedira stand tatsächlich in der Startelf der Madrilenen. Khedira profitierte von der Gelbsperre Xabi Alonsos. Der Denker und Lenker im defensiven Mittelfeld war wegen einer lächerlichen Gelbsperre im Halbfinale gegen die Bayern zum Zuschauen verdammt. Dass Khedira den Vorzug vor dem jungen Isco erhielt, zeigt, welch hohe Meinung Ancelotti von dem Deutschen hat.

Die merkwürdigste Geschichte des Spiels ist aber die von Diego Costa. Der überragende Stürmer hatte sich im letzten Liga-Spiel, als Atlético gegen Barcelona die Meisterschaft holte, eine Muskelverletzung zugezogen. Es hieß, er könne auf keinen Fall im Finale auflaufen. Er tat es dennoch - nach neun Minuten wurde er humpelnd ausgewechselt. Warum ließ ihn Simone spielen? Wollte er seinem Angreifer das Finale schenken, obwohl er schwer angeschlagen war? Sollte es ein Zeichen an den Gegner sein? Oder war es der naive Glaube, dass es schon irgendwie geht? Auf jeden Fall schwächte der Atlético-Trainer so seine Mannschaft, weil er danach nur noch zwei Spieler auswechseln konnte. Im Hinblick auf eine Verlängerung war das ein Nachteil.

Wissenscommunity