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Ehemaliger Fußballprofi: Was macht eigentlich … Davide Capello, der den Brückeneinsturz in Genua überlebte?

Beim Einsturz der Morandi-Brücke in Genua vor einem Jahr wurde der frühere italienische Fußballprofi mit seinem Auto in die Tiefe gerissen.


Brückeneinsturzüberlebender von Genua: Wie geht es Davide Capello?

Davide Capello, 34, in Savona westlich von Genua, wo er mit seiner Freundin lebt

Fahren Sie wieder über eine Autobahnbrücke?

Ja, ich nehme die Autobahn, und es kommt vor, dass ich über Brücken fahren muss, auch wenn die nicht so hoch sind wie die Morandi-Brücke.

Haben Sie kein Problem damit?

Doch, ich kriege jedes Mal Beklemmungen, fühle so einen Druck im Magen. Ich versuche nicht daran zu denken und durchzufahren, aber wenn es auf der Brücke Stau gibt, überfällt mich doch die Angst.

Sie wurden aus über 40 Meter Höhe mit Ihrem Wagen in die Tiefe gerissen. Wie "apokalyptische Szenen eines Films" haben Sie das beschrieben. Wird man diese Bilder wieder los?

Die Erinnerungsflashs werden seltener, aber Fragmente dieses Tages kommen noch hoch und schnüren mir die Kehle zu. Diese Geschichte werde ich nie vergessen können. Ich habe lernen müssen, damit zu leben und so gelassen zu sein, wie es geht.

Was hat Ihnen geholfen, den Schock zu verarbeiten?

Ich habe so schnell wie möglich mein normales Leben wieder aufgenommen: meine Arbeit, den Sport, meine Freunde. Meine Familie und meine Freundin haben mich aufgefangen. Wir stehen uns sehr nahe, und diese Erfahrung hat uns noch mehr zusammengeschweißt.

Sind Sie denn nach dem Aufprall heute wieder richtig fit?

Nein. Ich habe noch Schmerzen im Rücken. Ein Bandscheibenvorfall hat auch den Ischiasnerv in Mitleidenschaft gezogen. Ich hatte außerdem eine Verletzung an der Schulter. Erst konnte ich nur schlecht laufen. Ich trainiere aber mit einem Physiotherapeuten, den ich mir weiter leiste.

Den müssen Sie selbst bezahlen?

Ja, ich bin für alle Behandlungskosten selbst aufgekommen, für die Zuzahlungen der Untersuchungen, den Traumatherapeuten und für die Krankengymnastik. Ich bekam keinerlei finanzielle Hilfe. Offiziell hatte ich ja nichts.

Sie galten als "das Wunder von Genua" und wurden über die sozialen Medien überhäuft mit Zuschriften. War das für Sie eher ein Fluch oder ein Segen?

Ich fand das gut, aber nennen Sie mich bitte nicht "das Wunder": Ich möchte nur mein normales Leben zurück und basta. Ich verstehe aber, dass ich innerhalb einer Katastrophe so etwas wie einen Funken Hoffnung darstellte.

War Ihnen eigentlich bewusst, was da geschehen war?

Absolut. Nach dem Aufprall saß ich geistesgegenwärtig in meinem Auto, die Scheiben waren von Regen und Schlamm verdunkelt. Ich tastete nach meinem Handy, rief meine Kollegen von der Feuerwehr an und dann meinen Vater. Mein erster Gedanke war, die Rettungskräfte zu alarmieren.

Vor Kurzem wurden die Reste der Brücke gesprengt. Haben Sie sich das angesehen?

Ja, ich war im Dienst und habe die Bilder im Fernsehen auf der Feuerwache verfolgt. Ich wurde richtig wütend, denn in den Interviews kam heraus, dass die Brücke aus Sicherheitsgründen schon 2003 gesprengt werden sollte.

War der Einsturz eine angekündigte Tragödie?

Heute würde ich sagen: Ja.

Die Brücke soll bis 2020 wieder aufgebaut werden. Werden Sie darüberfahren?

Ich kann's mir noch nicht vorstellen. Anderseits ist die Verkehrssituation in Genua derzeit chaotisch. Die Lastwagen zwängen sich durch die Innenstadt, die Ausweichstraßen sind total verstopft. Man braucht mehr als doppelt so lang, um die Stadt zu durchqueren.

Interview: Luisa Brandl
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