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Vom Gastwirtssohn zum Präsidenten: Neuer DFB-Boss Fritz Keller: Sein Vater wollte ihn als Kind "vom Sportplatz prügeln"

Der DFB hat einen neuen Chef: den Winzer Fritz Keller. Wer ist der Mann, der in Kälte erzogen wurde, der die Wärme des Fußballs liebt und der nun den größten Sportverband der Welt steuern soll?


Der neue DFB-Chef und Winzer Fritz Keller im Porträt

Keller, geboren 1957 im Breisgau, steht dem SC Freiburg, dessen Fanschal er hier trägt, seit 2010 vor. Am vorver­gangenen Freitag wurde er ein­stimmig zum DFB-Präsidenten gewählt.

Ein Dorf und ein Morgen, wie immer. Ein Mann springt aus seinem Tesla und eilt in ein Gasthaus – weißes Haar, schwarze Brille und eine Narbe, die vom linken Auge bis zum Mundwinkel reicht. Der Mann nimmt die Stufen, rauscht durch die Tür in den Eingangsraum, schnappt den Hörer des klingelnden Telefons und sagt: "Der 'Schwarze Adler' in Oberbergen, guten Tag?"

Derselbe Mann, derselbe Tesla. In Zukunft fahren sie drei Autostunden nördlich in Frankfurt vor, vor ein Gebäude aus Glas und aus Stahl. Dort wird der Mann nicht mehr den erstbesten Hörer bedienen. Dort nimmt eine Telefonistin die Anrufe entgegen und sagt: "Deutscher Fußball-Bund, guten Tag?"

Vergangenen Freitag wurde Fritz Walter Keller, 62, zum neuen DFB-Präsidenten gewählt. Bislang war der Mann Winzer und Gastronom in Oberbergen am Kaiserstuhl, nahe Freiburg – mit Riesenerfolg zwar, doch er war mehr den Freunden des Weins und des Essens bekannt. Und den Anhängern eines eher kleinen, feinen Fußballklubs. Nun ist er Chef des weltgrößten Sportverbands, da fragen sich viele: Ja, kann der das denn? Man kann auch umgekehrt fragen: Kann nicht gerade ein Winzer und Wirt etwas, das ihn zum Chefadministrator des Fußballs fast prädestiniert?

Was einen im Fußball befähigt

Zunächst einmal ist nicht jedem der Vorname "Fritz Walter" in die Wiege gelegt – und dies nicht etwa, weil die Eltern einen Ball an den Kopf gekriegt hätten. Nein, Fritz Walter – der Kapitän der Weltmeisterelf von 1954, der Mythos höchstselbst – war tatsächlich der Patenonkel des neuen DFB-Präsidenten.

In den Hang gebautes Weingut

Beste Lage: Das Weingut ­Keller ist auf architektonisch spektakuläre Weise in die Hänge von Oberbergen am Kaiserstuhl gebaut

Schon Franz Keller nämlich, der Vater des Fritz, war fußballvernarrt und hatte es verstanden, die Helden von Bern in sein Gasthaus zu holen. Kaum war ihnen auf dem Frankfurter Römer gehuldigt, da tauchten sie in Südbaden ab und feierten im "Schwarzen Adler" tagelang nach. Bis heute hängen dort einige ihrer Trikots.

Das hinderte den Vater des drei Jahre später geborenen Fritz aber keinesfalls daran, den Jungen "vom Sportplatz zu prügeln", wie der sich erinnert, mit der Begründung: "Fußball ist eine Droge, geh besser arbeiten!"

Dann aber machte der Alte quasi einen Fehler bei der Manndeckung. Er steckte den Jungen in ein Internat, da der Gastronom glaubte, ihm und seiner Frau fehle die Zeit für die Erziehung. Ha ha, sagte der kleine Fritz und tat für zweieinhalb Jahre kaum mehr, als Fußball zu spielen.

In Oberbergen blieb das unbemerkt, da gingen derweil ganz eigene Dramen ab. Fritz’ älterer Bruder, Franz Junior mit Namen und als Koch im Familienlokal begnadet, war kaum weniger schwierig als der Vater. Er holte dem "Schwarzen ­Adler" den zweiten Michelin-Stern, warf dann aber die Schürze und floh 1978 über Nacht. Und was nun?

"In einer Disse"

Na, Auswechslung! Ohne Aufwärmphase schickte der Vater den Fritz, da gerade Anfang 20, zuerst in den Weinberg, peu à peu auch in den Restaurantbetrieb. Nicht aber, ohne ihn ständig und gern vor den Gästen zu schikanieren. Das hätte den Jungen brechen können, ganz wie der Umstand, dass der Hausschäferhund, kurz mal eben zur Jagd abgerichtet, dem Fritzchen zur Begrüßung den Kopf zerbiss – daher die Narbe. Oder dass er fast mal ertrank und nur knapp gerettet wurde.

Fritz Keller am Spielfeldrand, ein Smartphone in der Hand haltend

Funktionär und Fan: Keller ist nah bei der Mannschaft. Hier fotografiert er den SC Freiburg beim Aufwärmen vor dem Pokalspiel gegen ­Magdeburg.

Doch statt zu zerbrechen, wuchs der Junge daran. Er lernte auszuhalten, im Weinberg zu arbeiten, still zu denken, zu strukturieren und auf einen fernen Tag X hin zu planen.

Dem Verhältnis zum Vater half nicht, dass der Sohn sich beim SC Freiburg engagierte, dem Arbeiterklub und Konkurrenten des Freiburger FC, wo die Unternehmer ­saßen und der Alte laut mitredete.

Und dann musste er auch noch das Fräulein Bettina heiraten, die Ex-Sekretärin des Vaters! Fritz traf sie "in einer Disse" wieder und himmelte sie umgehend an. Immerhin, die Heirat ging durch. Auch nahm der Vater die Geburt dreier Söhne nickend zur Kenntnis. Doch hatte die Schwiegertochter allenfalls am Tresen die Rechnungen zu stellen, auf gar keinen Fall durfte sie an den Tisch zu den Gästen. "Meine Frau hat gelitten", sagt Fritz Keller.

Bis zu seinem Tod 2007 blieb der Vater ein kafkaesker Schrecken, der sich nicht mal eben zu Bett bringen ließ und der zunehmend Anzeichen seniler Verwirrung zeigte. Dass der Vater bei der Feier seines 80. Geburtstags kaum mehr einen der Gratulanten erkannt hätte, ersparte ihm sein rechtzeitiges Ableben. Fritz und Bettina Keller aber, sie ­waren befreit.

Nur drei Jahre später schon wurde Fritz Walter Keller Präsident des SC Freiburg, eines Vereins, der als ­liberal und freundlich gilt, vor­bildlich in Fairness und Fanarbeit. Mitte August 2019 schlug ihn eine Findungskommission als DFB-Präsidenten vor. Und nun ist er gewählt. Was wird er tun?

Neuanfang mit frischen Gläsern

Zunächst mal Ruhe in die Lagen bringen, aus denen seine drei Vorgänger mehr faulige als reine Weine gekeltert hatten. Was immer die drei anpackten, das hatte ein Geschmäckle. Theo Zwanziger, ein Richter, und Wolfgang Niersbach, ein Sportreporter, stehen heute in der Schweiz wegen Betrugs unter Anklage. Reinhard Grindel, einst Fernsehjournalist und schließlich CDU-Bundestags­ab­geordneter, nahm erst ungeklärte Aufsichtsratsgelder an und dann auch noch von einem ukrainischen Oligarchen eine Uhr. Das roch deutlich zu stark aus dem Glas, also weg mit der Flasche!

Präsident des SC Freiburg: Fritz Keller ist neuer DFB-Präsident

Da werden aus Fritzens Keller jetzt sehr lange Zeit sehr reine Weine in den Ausschank kommen müssen, bis das vergessen ist. Dass Kellers Nase Fehltöne sofort riecht und Gammelfleisch noch auf der Gabel wittert, gibt Anlass zur Hoffnung.

"Fußball ist das letzte gemein­same Lagerfeuer der modernen Gesellschaft", sagt Keller. Dass er gemeinsam mit der DFB-Führung der Hüter dieses Feuers sein soll, erfüllt ihn mit Respekt, nicht aber mit Angst. Er kennt das Feuer hinreichend lang, und er weiß, dass man – bildlich gesprochen – für seinen steten Unterhalt die passenden Wälder kennen, beizeiten ihr Holz einschlagen, es trocken ablagern, geschickt spalten und zuschneiden muss.

Wer weltweit beachtete und sich von Jahr zu Jahr noch steigernde Weine macht, wer jahrzehntelang eine Sterne-Küche zu organisieren und von weither anreisende Gäste zu beglücken weiß, der hat zu planen, der hat vorauszuschauen und Strukturen zu bauen gelernt. Und der weiß auch, wie man sie ­ändert, falls nötig. Etwa beim DFB.

"In den Wein wie in den Fußball musst du dreierlei investieren", sagt Keller: "Geist, Zeit und Geld. Aber dann wird es auch was." Keller hat sich vorgenommen, noch ein Weilchen im Fußball zu arbeiten – er ist ja erst 62. Nachhaltig will er arbeiten: Wenn Trainer und Präsidenten wie Hubschrauber agieren, also nur kurz einmal landen, Staub aufwirbeln und bald wieder weg sind, dann ruht darauf kein Segen, findet Keller und sagt: "Das Heute ist wichtig, das Morgen ist wichtiger, das Wichtigste aber, das ist das Übermorgen." Und ein weiterer Keller-Satz: "Nachhaltig wirkt nur, wer auf drei Säulen baut – wer ökologisch, ökonomisch und sozial handelt. Ist eine der Säulen zu kurz, dann kippt die Sache."

Was Keller vom Fußball lernte

Ja, ja, das Soziale: Dem Fußball verdankt Fritz Keller, dass er normal geblieben ist, sagt er. Bei aller Schwierigkeit des verstorbenen Vaters – am Kontakt zur befreundeten Konkurrenz in Frankreich habe der niemals gespart. Und klar musste Fritz immer mit. "Montags hatten wir zu, da fuhren wir oft zu Bocuse nach Lyon, zu ­Haeberlin nach Illhaeusern und zu Troisgros nach Roanne."

Video: Grundsteinlegung für DFB-Akademie

Da hätte das Söhnchen ganz leicht in den Luxus abgleiten können. Umso dankbarer ist er, dass er zwar zweifellos "privilegiert aufgewachsen" ist, dass ihn aber erstens das Dorf Oberbergen und zweitens der Fußball gehalten hätten. Zwar sind 90 Prozent seiner Weine schon verkauft, bevor sie noch auf der Flasche sind und bis nach Japan und nach Peru gehen; zwar liebt er die Gerichte der eigenen Sterne-Küche weiterhin und wie immer schon. Doch ­genauso liebt er die Wurststände im Freiburger Stadion. "Großartige Leute habe ich da kennengelernt, Menschen, die ich ohne den Fußball und das Stadion niemals getroffen hätte!"

Das sei das Gesamterlebnis der Tafel, sagt Keller, der Gastwirt: "Du musst mit vielen Leuten das Gleiche essen und das Gleiche trinken und in Gemeinschaft genießen, dann wird echte Freude daraus." Ähnlich beim Fußball, sagt Keller, der neue DFB-Präsident: "Gemeinsam siegen und gemeinsam freuen, gemeinsam verlieren, trauern und gemeinsam auch wieder aufstehen, darum geht es! Das lehrt der Fußball."

Für ihn leistet "der erfolgreichste Sport überhaupt" nichts weniger als die Vorbereitung auf das Berufsleben, und zwar "mit dem Entwickeln von Strukturen, mit dem Übernehmen von Verantwortung und dem Erfahren gegenseitiger Achtung; auch mit der Inklusion, mit der radikalen Ablehnung von Rassismus und der Erkenntnis, dass es keine einfachen Antworten auf komplexe Fragen gibt".

Man kann nicht sagen, dass dem Keller jeder die neue Aufgabe neidete: "Ja, muss er sich das denn nun auch noch antun?!" So raunen die Oberbergener, die ihrem Pfarrer am Sonntag vor der Wahl bei der Pro­zession durchs Dorf folgen, auch Fritz Keller ist dabei. Doch dann ­ergänzen sie wie zur Versicherung: "Der Fritz hat eine tüchtige Frau."

Reisepläne eines DFB-Chefs

Ja, die hätte sich sicher auch etwas Netteres vorstellen können, als ihr Leben nach Jahrzehnten im Gasthaus nun zu Hause in der Warteposition zu verbringen, während er mit der DFB-Spitze in den Angriff geht.

"Nö", antwortet Bettina Keller, wenn Fritz sie fragt, ob sie nicht doch vielleicht mitwill zum DFB-Bundestag. Oder nach London? "Nö!" Oder nach Norderstedt? "Nö!" Oder nach Wien? Bei Wien zögert sie, da war sie noch nie. Als Gastronomin noch niemals in Wien?!? Mal ­sehen, sagt sie, da könnte sie dann endlich auch einmal ins "Steirereck" und ins "Schwarze Kameel".

Glaubt man den Winzern am Kaiserstuhl, dann hatten die Frauen der Keller-Männer nie viel zu melden. Sie glänzten allein nach innen, am Herd und im Stillen. Wollte man sie mit einem Wein vergleichen, dann wären sie wohl wie die Ruländer ­gewesen, die Grauburgunder von früher: "goldgelb, pappsüß und so dickflüssig, dass man sie mit dem Gäbelchen teilen konnte", wie Fritz Keller diesen Weinstil einmal beschrieb. Im Vergleich dazu erscheint Bettina Keller komplett durchgegoren, ein straffer, schlanker und eleganter Weißburgunder.

So ist denn der Fußball eine Art Schule des Lebens. Ein bisschen ist es der Wein aber auch.

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