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Deutschland - England: Zwei Sieger auf dem Sofa

Die deutsche Nationalmannschaft wurde im ewigen Klassiker gegen England phasenweise vorgeführt. Löws Experiment "Jugend forsch" ging bei der 1:2-Blamage gründlich daneben. Der aus deutscher Sicht so unangenehme Abend brachte vor allem eine Erkenntnis: Ballack und Frings sind für dieses Team unersetzlich.

Von Klaus Bellstedt, Berlin

Was hatten sie nicht alles wegstecken müssen, die Männer von der Insel. Kein Gerrard, kein Lampard, kein Rooney, dafür Leute wie Upson oder auch Agbonlahor in der Startformation. Aber wer nun dachte, dass sich die "Three Lions" trotz einer besseren B-Mannschaft in Berlin verstecken würde, der sah sich getäuscht. Hübsch lief das Bällchen durch die Reihen der Engländer, das sah alles nach Hand und Fuß aus. Und Deutschland? Das Team von Bundestrainer Joachim Löw fand nie in die Partie, ließ jeglichen Kombinationsfluss vermissen und schien überrascht ob des forschen Auftritts der Engländer. Vielleicht lag es auch an der Aufstellung, dass nach vorne so wenig ging. Mario Gomez fand in der Spitze neben Miro Klose jedenfalls überhaupt nicht statt. Es mutete sowieso reichlich merkwürdig an, dass Löw Gomez den Vorzug vor Leverkusens Topscorer Helmes gegeben hatte. Aber der Schuldige war Gomez nicht allein. Wie ein roter Faden zog sich das deutsche Trauerspiel durch alle Mannschaftsteile.

Die beiden Innenverteidiger Mertesacker und Westermann schossen in neuralgischen Positionen einen Bock nach dem nächsten, und auch auf den Außenpositionen traten Friedrich und Frischling Compper vom Überraschungsteam aus Hoffenheim nicht eben wie zwei Verlässliche auf. Kurzum: Die deutsche Mannschaft wirkte in ihrem letzten Spiel des Jahres, das ja eigentlich ein im Großen und Ganzen zufriedenstellendes Länderspieljahr krönen sollte, total uneingespielt und im Gegensatz zu den Engländern komischerweise auch körperlich nicht in allerbester Verfassung. Vorwürfe, die sich auch Joachim Löw gefallen lassen muss.

Applaus für die deutschen Fußball-Damen

Und wenn dann auch noch der beste Mann, Torhüter Rene Adler, so schrecklich wie in der 24. Minute patzt, dann hilft sowieso nichts mehr. Adler segelte in guter, alter Oliver Reck-Manier an einer Ecke vorbei, Upson bedankte sich artig und schob die Kugel zum 1:0 für die Engländer über die Linie. Der frei nach dem Motto "Jugend forsch" von Löw zusammengewürfelte Haufen sah gegen die Gäste einfach kein Land. Der englische Löwe hatte zugebissen. Und er verbiss sich immer tiefer in seine Beute.

Wie sich die Zeiten doch ändern: Im altehrwürdigen Berliner Olympiastadion spielte die deutsche Nationalmannschaft zuletzt vor etwas mehr als zwei Jahren bei der WM. Im Viertelfinale wurde Argentinien im Elfmeterschießen bezwungen und das Publikum lag den Klinsmännern zu Füßen. Nun, gegen England pfiff man sich nach einer wirklich erbärmlichen Vorstellung die Seele aus dem Leib. Einzig der Pausenauftritt der deutschen Damen-Nationalmannschaft erwärmte die Herzen der Fans: Zwei altgediente Weltmeisterinnen, Renate Lingor und Sandra Smisek, die ihr Karriereende verkündeten, heimsten jedenfalls mehr Applaus ein, als das Herren-Team in 93 Minuten. Muss man mehr sagen?

Ha, Ho, He, Hertha BSC

Auch zur Wechselarie des Bundestrainers in der Pause (Wiese für Adler, Helmes für Klose und Marin für Jones) mochte einem so recht nichts einfallen. Besonders, dass Löw in der zweiten Hälfte an Gomez festhielt, ließ manch verdutztes Gesicht auf der Tribüne zurück. Einen Gefallen tat der Bundestrainer dem mal wieder äußerst unglücklich agierenden Gomez damit nicht. Die 57. Minute diente dazu als Beleg. Löw korrigierte seinen Fehler, wechselte Podolski für Gomez ein, und dieser verließ unter dem höhnischen Applaus der deutschen Fans den Rasen. Diese Reaktion der Zuschauer hätte der Bundestrainer mit einer Pausenauswechslung des Stuttgarters verhindern können.

Aber damit nicht genug der Demütigungen: Mitte der zweiten Hälfte, das Trauerspiel nahm inzwischen ungebremst seinen Lauf, wandte sich das Publikum vollends von der eigenen Mannschaft ab und schrie nach dem Verein, der hier normalerweise seine Heimspiele austrägt: Hertha BSC Berlin. Eine Mannschaft, die nicht unbedingt für Fußball zum Zungeschnalzen steht. Das muss den Nationalspielern einfach weh getan haben. Allein, es änderte nichts an ihrem lustlosen und uninspirierenden Auftritt. Man konnte sich bei Englands Ersatztorwart Scott Carson bedanken, der mit einer Slapstick-Nummer Patrick Helmes den zwischenzeitlichen Ausgleich ermöglichte (63.).

Rolfes kein Ersatz für Frings

Der Fußball-Gott war an diesem Abend aber ausnahmsweise mal nicht auf deutscher Seite, und das war auch gut so! Eine derart miese Vorstellung hätte einfach nicht mit einem Remis belohnt werden dürfen. Dank Englands Skipper John Terry, der kurz vor Schluss nach einem Freistoß per Kopf den Siegtreffer erzielte, fiel jegliche Schönrednerei hinterher Gott sei Dank aus. "England war heute besser. Wir haben heute zu Recht verloren", sagte Löw wohltuend ehrlich. Über die Gründe der Niederlage wollte der Bundestrainer dann lieber nicht sprechen. Konnte man irgendwie verstehen.

Die wichtigste Erkenntnis aus diesem Spiel wurde Löw auch ohne große Reden gnadenlos vor Augen geführt: Die Mannschaft kann - zumindest nicht in den nächsten anderthalb Jahren bis zur WM 2010 - auf die Dienste der beiden Leitwölfe Michael Ballack und Torsten Frings, die den Abend aus bekannten Gründen zu Hause auf dem Sofa verbrachten, verzichten. Löw hatte das vor allem im Fall Frings gehofft. Aber das Spiel gegen England hat es nur allzu deutlich gezeigt: Simon Rolfes kann Frings kämpferisch nicht ersetzen. Und als Leitwolf neben Ballack, der der Bremer ja immer noch ist, taugt der Leverkusener auch nicht.

Löw braucht die alten Recken

Kämpfer und Leitwölfe, genau diesen Typus Spieler hätte es gegen die B-Mannschaft von England, die das Fehlen gleich einer ganzen Handvoll Stars scheinbar mühelos kompensierte, gebraucht. Aber weder Schweinsteiger noch Klose, in Abwesenheit von Ballack und Frings in der Hierarchie ja die eigentlichen Nachrücker, sprangen diesbezüglich in die Bresche. Dass die spielerischen Qualitäten eines Michael Ballack nicht zu ersetzen sind, wusste man schon vorher. Festzuhalten bleibt: Der Umbruch der deutschen Nationalmannschaft mit der Integration vieler neuer und junger Spieler dauert bei weitem länger, als Joachim Löw sich das vorgestellt hat. Noch kann der Bundestrainer nicht auf die alten Recken verzichten.

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