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Die Bundesliga in New York: Bier zum Frühstück

Die Bayern werden heute Meister. Daran zweifelt keiner in New York. Denn auch hier ist deutscher Fußball ein Thema. Streifzug durch die Bundesliga-Begeisterung in Manhattan mit Weißbier und Wurst.

Von Andreas Spinrath, New York

Fans von Bayern München in der New Yorker Bar "Lunasa". Im Jahr 2012 gründete Matthias Schmitt (r.) einen Bayern-Fanclub in Manhattan.

Fans von Bayern München in der New Yorker Bar "Lunasa". Im Jahr 2012 gründete Matthias Schmitt (r.) einen Bayern-Fanclub in Manhattan.

Morgens um 10.15 Uhr ist es eigentlich noch zu früh für das erste Bier. Doch im "Lunasa" im New Yorker East Village sammeln sich die leeren Gläser auf dem Tresen. Es sind nur noch ein paar Minuten zu spielen und es steht 6:0 für Chelsea gegen Arsenal. Die Fans der Gunners ertränken ihren Frust in der Kneipe im East Village.

Im hinteren Bereich der Bar sammeln sich währenddessen etwa 30 Bayernfans vor dem Fernseher. Um halb elf ist Anstoß, noch ist Zeit für ein Irish Breakfast, Pancakes getränkt in Sirup und das erste Pils. Wenn die Konkurrenz aus Dortmund und Gelsenkirchen patzt, können die Bayern heute Meister werden. Matthias Schmitt, Chef des FCB-Fanclubs in New York, ist bester Laune: "Eigentlich geht es ja um gar nichts." Er hat recht, wer zweifelt daran, ob Bayern Meister wird? Es geht nur noch ums Wann.

Anstoß. 15:30 Uhr in Deutschland, 10:30 Uhr in New York. Bundesligafan sein ist auf der anderen Seite des Atlantiks ein Vormittagshobby. Der Bayern-Fanclub ist nicht der einzige Verein, der sich hier gegründet hat, auch Anhänger vom HSV, dem BVB, der Frankfurter Eintracht oder Sankt Pauli haben sich in der Ostküstenmetropole zusammengeschlossen.

Home - away from Home

Das Spiel holpert noch etwas, Bayern kommt kaum zu Torchancen, der amerikanische Kommentator ergötzt sich deshalb minutenlang an der Rekordsaison der "Bayern Machinery" . Die Anwälte, Finanzjournalisten und Art Consultants, zumeist im Schweinsteiger-Trikot, singen sich das 0:0 schön. Sie sind laut, Tabellenführerstimmung. Trotz des torlosen Unentschiedens zur Halbzeit, eine Enttäuschung gemessen an der bisherigen Saison der Münchener.

Matthias Schmitt bestellt ein Pils, der Rest des Tisches geht langsam zum Weizen über. Schmitt ist seit 18 Jahren in den USA. Der 42-jährige Fernsehproduzent mit badischem Dialekt hatte es satt, alleine Fußball zu schauen. 2012 gründete er den Fanclub: "Das ist unser Home away from Home, unsere gesellige Vereinskultur. Deutsch sprechen beim Fußballschauen, das ist schon viel wert." Neben den Spielen gibt es Stammtische, oft im Paulaner Brauhaus in Manhattan, der Wirt ist natürlich auch Fan der Münchener.

In der zweiten Halbzeit erhöht sich der Druck auf die Mainzer Hintermannschaft. Es kommt wie es kommen muss. Zwei Tore für die Bayern. Meister werden sie aber nicht, denn die Verfolger haben gepunktet. Schmitt ist trotzdem zufrieden, "ist ja nur verschoben", und isst in der deutschen Imbissbude nebenan eine Currywurst. Sieben Dollar ist ihm das perfekte Fußballerlebnis wert. Gibt es etwas Deutscheres als eine Sieger-Currywurst?

Ein Gladbacher im Exil

Ein paar Straßen weiter nördlich muss sich Thomas Kriehn alleine freuen. Einen Gladbach-Fanclub gibt es nicht in New York, und die Borussen, die früher mit ihm im "Nevada Smiths" Fußball geschaut haben, kommen nicht mehr. Auch die Gladbach-Fahne ist längst abgehängt. Nun sitzt der gebürtige Niederrheiner eben als Ein-Mann-Fanblock auf seinem Tresenhocker. 1:0, 2:0, 3:0, innerhalb von zwölf Minuten haben die Borussen das Spiel entschieden. "Schau mal, was da abgeht." Mit seinem Handy hält Kriehn Kontakt zu seinem Bruder, der gerade im Stadion der Gladbacher sitzt und Bilder von der Westtribüne schickt. So ist er fast hautnah dabei.

Um Kriehn herum toben die Engländer vor den Flachbildschirmen. Wayne Rooney hat für Manchester United aus 45 Metern ins Tor getroffen, den einsamen Fernseher mit dem Gladbach-Spiel gegen die Hertha aus Berlin beachtet fast niemand. "Ja, die Engländer. Als Deutscher ist man in den meisten Fußballkneipen in der Minderheit."

Kriehn arbeitet im Marketing der New York Red Bulls, versucht den Amerikanern den Fußball näher zu bringen. Aber an diesem Samstag ist Fußball eine europäische Angelegenheit, New Yorker zieht es zumeist erst abends in die Sportkneipen. Zum Basketball. Kriehn stört sich nicht daran, Abpfiff, er ballt die Faust. Gladbach gewinnt.

Sankt-Pauli-Spiel zeitversetzt im Stream

Weiter nach Brooklyn. Mit der U-Bahn geht es von Manhattan unter dem East River hindurch bis zur Bedford Avenue. In einer alten Fabrik direkt unterhalb der Williamsburg Bridge treffen sich seit 2008 die East River Pirates, die Sankt-Pauli-Fans von New York. Statt Weißbier gibt es hier Pils in Dosen, im Hinterhof wird gegrillt, die Fans sitzen auf roten Ledersofas, Farbe blättert von den Wänden. Die "East River Bar" mitsamt ihrer Besucher wirkt wie eine Hamburger Kneipe, die nach New York ausgewandert ist.

"Die Paulianer sind gemütlicher als wir", hatten die Bayernfans am Morgen festgestellt. Gemütlich heißt aber vor allem eines: In Brooklyn richtet man sich nicht nach den deutschen Anstoßzeiten, sondern wirft das Spiel zeitversetzt per Internetstream an die Wand. Anstoß in der "East River Bar" ist immer um 19 Uhr – New Yorker Zeit. Dem Endergebnis aus Deutschland gehen die "Pirates" vorher den ganzen Tag aus dem Weg.

Wir machen hier unser eigenes Ding.", meint Sören Thode. Der Spediteur lebt seit 2005 in New York, gründete den Fanclub 2007. Heute hat er viel zu tun, denn neben dem Spiel veranstalten die Pauli-Fans an diesem Abend auch noch eine Charity-Tombola für die Hilfsorganisation "Viva Con Agua". Thees Uhlmann hat CDs geschickt, es gibt von der Mannschaft unterschriebene Trikots und Fahnen zu gewinnen und ein paar Schals des befreundeten Teams von Celtic Glasgow, dazu natürlich T-Shirts mit Totenkopf-Logo.

Tombola statt Torschrei

Mit dem Anpfiff beginnt der Support, die Fans sind laut, es ist ein Mischmasch aus deutschen und englischen Gesängen, "Saint Pauli", die Mannschaft spielt trotzdem nicht berauschend. "Wird schon", ist der Tenor bei Halbzeit-Bratwurst und Kartoffelsalat. Wird leider nicht. Das Internet spielt nicht mehr mit, erst ruckelt und stockt das Bild, Thode verzweifelt vor seinem Laptop, dann geht gar nichts mehr. "I apologize for the problems", sagt er durchs Mikrofon. Vorzeitiger Abbruch.

Zum Glück gibt es heute ja die Tombola und Livemusik, den Anfang macht die Skaband "Beat Brigade" aus Brooklyn. Die Wut über die schlechte Internetverbindung verliert sich irgendwo zwischen Saxophonsolo und der vierten Dose "Pabst Blue Ribbon". Das Ergebnis, 0:0 gegen Ingolstadt, wird von der Bühne aus durchgesagt. Immerhin nicht verloren. Dann wieder Musik.

Am nächsten Wochenende wird in Deutschland die Uhr umgestellt, der Zeitunterschied zur amerikanischen Ostküste beträgt dann sechs Stunden. Die New Yorker Bundesliga-Fans müssen also noch eine Stunde früher in den Kneipen der Stadt ihr Bierfrühstück nehmen.

Bis auf die Paulianer. Solange das mit dem Internet klappt.

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