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Córdoba 1978: "Heute busseln wir uns ab"

30 Jahre ist es nun her, da standen sie sich gegenüber. Sieger und Besiegte. Die einen erlebten eine Schmach, und der andere wurde ein Held. Aus Gegnern von einst sind inzwischen Freunde geworden. Die Deutschen Berti Vogts und Rolf Rüssmann sowie den Österreicher Hans Krankl verbindet heute mehr als nur das denkwürdige Spiel von 1978.

Von Oliver Trust

Deutschland gegen Österreich war schon immer etwas Besonderes: Es gab die "Schande von Gijon" 1982, es gab die "Schmach von Córdoba" 1978 - und es gab Hans Krankl, dem seine zwei WM-Tore damals Glück brachten.

Vor dem EM-Duell Österreich gegen Deutschland stehen die Protagonisten von damals erneut im Blickpunkt: Ex-Bundestrainer Berti Vogts saß im Deutschlandtrikot als Experte im Studio des Schweizer Fernsehens, Hansi Müller ("Das wird ein ganz enges Spiel. Aber wir gewinnen.") war für das ORF in Wien im Einsatz, direkt neben ihm stand Ösi-Held Krankl, und selbst Rolf Rüssmann musste in diesen Stunden öfter ans Telefon, als ihm lieb war.

"Heute hat jeder gut gespielt, das macht Mut", so Krankl nach dem 1:1 gegen Polen. "Österreich gewinnt nur alle 50 Jahre gegen Deutschland, und Córdoba ist erst 30 Jahre her", sagte Vogts. "Berti" schoss damals ein Eigentor, Rolf Rüssmann aber war noch viel schlimmer dran.

Mit der GSG 9 nach Argentinien

Argentinien 1978. Fußball-WM. Eine Sondereinheit der GSG 9 schlich zur Bewachung ums deutsche Quartier. Am Tag beträgt der Bewachungsgürtel 500 Meter, nachts 100. Die Lage im südamerikanischen Land ist instabil. Weltweit gibt es Proteste gegen die Militärjunta. Und die Gefahr von Rebellen-Angriffen.

Auf dem Spielfeld passiert etwas ganz anderes. Eine sportliche Katastrophe, auf alle Fälle als solche empfunden in Deutschland. Das ist immer so, wenn es um die DFB-Auswahl geht und die besonderen Duelle gegen ungeliebte Nachbarn.

Nein, die Holländer sind es diesmal nicht, es sind die andern, die Österreicher und vor allem einer: Hans Krankl, der Johann heißt. In der Alpenrepublik war Krankl fortan der "Held von Córdoba". Das ganze Land feierte das 3:2, das am Ende auch für Österreich wertlos war. Aber es zählte doppelt und dreifach, weil es gegen "die Deitschn" ging.

So ist das, wenn Nachbarn über den Gartenzaun blicken - es gibt wenig Abwechselung. Frei nach Österreichs "Graf Bobby", der einmal im Zugabteil zu seinem Gegenüber Poldi nach stundenlanger Fahrt gesagt haben soll: "Geh, lass uns die Plätze tauschen, i kann dei Gesicht nimmer sehn."

Die einen sagen also "Piefke" (die Österreicher zu den Deutschen), und die anderen rufen "Ösis". Und manchmal wird gar arg übertrieben. Preußens Militärmusikant Gottfried Piefke komponierte den "Königgrätzer Marsch" in Erinnerung an die schwere Niederlage der Österreicher 1866 gegen die Preußen. Und seitdem wird manches kurzsichtig zur "Rache für Königgrätz" erhoben. Weil es (fast) keine Schlachten mehr gibt, gibt es den Sport.

Rüssmann liefen die Tränen runter

Am 21. Juni 1978 also rief Radioreporter Edi Finger wie betrunken in sein Mikrofon: "Da kommt Krankl in den Strafraum - Schuss, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wer' narrisch! Krankl schießt ein - 3:2 für Österreich! Meine Damen und Herren, wir fallen uns um den Hals; der Kollege Rippel, der Diplom-Ingenieur Posch - wir busseln uns ab." Deutschland schied aus, Österreich auch, aber mit dem Sieg im Gepäck.

"Der Rüssmann war völlig fertig. Dem liefen die Tränen runter. Ich hab' ihn getröstet und hab' gesagt, er soll sich nichts draus machen. Wir haben die Leibchen getauscht. Er war für alle der Sündenbock, obwohl er einer der besten Deutschen im Turnier war", sagt Krankl, heute ein Trainer ohne Job. Vom 21. Januar 2002 bis zum 28. September 2005 war er Österreichs Nationaltrainer, bis sie ihn nicht mehr wollten, den Helden von damals. Frustriert trat er kurz vor Vertragsablauf zurück.

Valencia und Barcelona wollten Krankl

"Ich hab' mich in Córdoba damals mit Hansi Müller unterhalten. Der war nicht gut drauf, weil es in der Mannschaft nicht gestimmt hat." Streit beim Rivalen? Krankl: "Wir haben erkannt, da stimmt was nicht, da rauscht es im Karton. Harmonie und Freundschaft waren nicht so ausgeprägt, es gab unter den Spielern Probleme."

So genau weiß es Rolf Rüssmann, Ex-Manager des VfB Stuttgart, heut' nicht mehr. "Die Tage von Cordoba gehören zu den schlimmsten meiner Laufbahn." Und: "Ich fühle mich nicht als Buhmann, obwohl mich alle dazu gemacht haben. In dem Moment hätte ich mir als Verteidiger einen Libero gewünscht, aber ich hatte keinen."

Stattdessen kam er, der Krankl mit seinem Gesangstalent, das nicht ganz für die große Karriere reichte, aber für Chart-Hits wie "Loneley Boy", "Der Bätmän bin i" oder "Rostige Flügel". Córdoba hat Krankl Glück gebracht. "Nach den Toren gegen Spanien und Schweden wollte mich Valencia, dann kam Barcelona, der beste Klub der Welt", sagt er. "Bild" veröffentlichte seine Telefonnummer. "Die meisten Anrufe waren positiv, manche haben sogar gratuliert", sagt er. Trotzdem wechselte er nach einem halben Tag Dauerbimmeln die Nummer. Irgendwann war er vier Monate Trainer bei Fortuna Köln. Das konnte natürlich nicht gutgehen.

Krankl wurde "Torschütze des Monats"

Vogts, Rüssmann und Krankl sind später Freunde geworden und besuchen sich gegenseitig. "Tolle Burschen", sagt Hans Krankl. Und schließlich wählten ihn die Zuschauer der "Sportschau" sogar zum "Torschützen des Monats" - mit einem Tor aus Córdoba. "Davor", sagt Krankl, "zieh' ich heut' noch den Hut."

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