EM-Fernsehkritik, Tag 7 Monica Lierhaus ist verliebt


Am Tag nach der Pleite gegen Kroatien: Die Stimmung ist dahin in Deutschland. Nach der Mär der deutschen Übermacht beschwor die ARD das Trauma von Córdoba. Man muss sich jetzt ernsthaft sorgen um unser Land machen - und Monica Lierhaus lieferte dazu das melodramatische Rührstück des Tages.
Von Mark Stöhr

Der Tag danach. Fernsehdeutschland rätselte auch gestern noch über den schwachen Auftritt der Löw-Elf gegen Kroatien. Waren die vertikalen Bälle zu hoch oder die horizontalen zu flach? Spielten die Beine nicht mit oder wurden wir Zeugen einer kollektiven mentalen Blockade? Die ARD betrieb in zahllosen Anläufen Ursachenforschung und bot dazu ihr gewohntes Heer von Insidern und Experten auf. Monika Lierhaus mutmaßte vor der malerischen Kulisse des Lago Maggiore über ein Übermaß an Lockerheit in der Vorbereitung und erntete dafür ein angestrengtes Lächeln von Teammanager Oliver Bierhoff. Mehmet Scholl sah Anzeichen von Erschöpfung ("Wir haben gegen die Polen zu viel Gas gegeben"), während Günther Netzer etwas überraschend die kompromisslose Grätsche vermisste ("Ich hatte schon immer Bedenken, dass die Abwehr elegant spielen will und ihren Gegner nur abläuft").

Woran es auch immer gelegen hat: Die gute Stimmung ist erst einmal dahin. Ein Einspieler über das erste Training unserer Eurofighter nach der Pleite eröffnete mit dem tonnenschweren Satz: "Sie lachen nicht mehr. Nichts ist so wie vorher." Eher wie damals. Ein Gespenst namens Cordoba geht um in Deutschland. Vor fast auf den Tag genau dreißig Jahren verlor die deutsche Elf bei der WM in Argentinien gegen Österreich mit 2:3 und schied aus. Da die Fernsehdramaturgie scheinbar nicht ohne extreme Reizpunkte auskommt und die Mär von der deutschen Übermacht nach dem Kroatien-Spiel nicht mehr trägt, wurde gestern ohne Unterlass das nationale Trauma beschworen. Gefühlte zwanzig Mal schob Hans Krankl zum 2:1 und 3:2 ein und schrie der österreichische Kommentator Edi Finger sein "Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor, Tooor! I wer' narrisch!" Da bekamen es selbst irgendwann die hartgesottensten Optimisten vor den heimischen TV-Geräten mit der Angst zu tun. An unsere sensiblen Fußballerseelchen im Hotel in Ascona will man dabei gar nicht denken.

Lierhaus wandelt sich zur DFB-Pressesprecherin

Aber: "Das Trainerteam arbeitet auf Hochtouren." Monica Lierhaus, die sich mehr und mehr zur inoffiziellen Pressesprecherin des DFB mausert, war schon fast in propagandistischer Weise um positive Schlagzeilen bemüht. Dass die 38-Jährige zudem Joachim Löw ziemlich gut findet, zeigte sich schon in all den Zusammentreffen der Beiden zuvor seit dem Amtsantritt des Schwarzwälders. Was sich jedoch gestern im Interview abspielte, grenzte an ein melodramatisches Rührstück. Mundgerecht lieferte sie ihm die Vorlagen für seine markigen Durchhalteparolen und rückte mit jeder Frage näher. Bei einem Zwischenschnitt sah man ihren glasigen, traumverlorenen Blick, wie er auf den übernächtigten Gesichtszügen ihres Helden ruhte. Scarlett O‘Hara und Rhett Butler gemeinsam auf dem entbehrungsreichen Weg hinauf zum EM-Gipfel? Schon allein deswegen würde man ein frühes Ausscheiden der deutschen Equipe sehr bedauern.

Es wurde jedoch auch Fußball gespielt am gestrigen Tage. Die Spiele der Rumänen gegen die Italiener und der Holländer gegen die Franzosen lieferten folgende Erkenntnisse: Unser Team muss selbst das Weiterkommen fürchten angesichts der fantastischen Leistungen seiner Konkurrenten, Mehmet Scholl ist Reinhold Beckmanns persönliches Cordoba, weil er ihm pausenlos seine fachliche Inkompetenz vor Augen führt - und Kommentator Steffen Simon macht mit seiner chronischen Friedhofslaune selbst aus dem größten Fußballfest einen Regenkick. Wie man sich als prägnante und zugleich zurückhaltende Stimme in eine Ballsymphonie einfügt, bewies hingegen Tom Bartels bei der Begegnung Niederlande - Frankreich. Der beste Sportmoderator des deutschen Fernsehens mischte einmal mehr beiläufige Anekdoten ("Schiedsrichter Fandel durfte auf dem 80. Geburtstag von Fritz Walter Klavier spielen") mit scharfsichtigen Beobachtungen ("Die Franzosen schauen zu, wie die Holländer mit ihnen spielen"). Sachlich absolut sattelfest, unaufgeregt und doch mit der gebotenen Begeisterung, wenn das Spiel es wie gestern anbietet. Hier hat einer Lust am Fußball und an seiner Arbeit und zeigt es auch.

Tier-Orakel im Chemnitzer Zoo

Ob zweites Cordoba oder nicht, ob sich die Wege von Lierhaus und Löw schon früher trennen, als im Drehbuch vorgesehen - das entscheidet am Montag nicht die Tagesform im Wiener Ernst-Happel-Stadion, sondern ein Krallenaffe im Chemnitzer Zoo. Dort findet seit Beginn der EM ein Tier-Orakel statt, wie das ARD-Boulevardmagazin "Brisant" gestern zu berichten wusste. Das Tier hat die Wahl zwischen zwei Futterstellen, die für jeweils ein Team stehen. Wo gefressen wird, wird später auch gewonnen. Bislang lag das Orakel immer richtig. Ein Stachelschwein sagte den deutschen Sieg gegen Polen voraus, ein Eisfuchs den der Kroaten. Nun hängt also alles von einem Affen ab. Hoffentlich verschlägt es ihm nicht den Appetit. Das würde nämlich niemandem so recht weiterhelfen.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker