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Deutsche Jubel-Arien: Poldi tanzt Humba-Tätärä

Nach dem Überraschungscoup spielten sich im neuen deutschen "Wohnzimmer" St. Jakob-Park unbeschreibliche Jubelszenen ab. Die Mannschaft feierte nicht nur mit ihren Angehörigen, sondern es gelang auch der Schulterschluss mit den eigenen Fans. Immer vorneweg: Lukas Podolski.

Von Klaus Bellstedt, Basel

Es liefen die letzten Minuten im Basler St. Jakob-Park, Lukas Podolski schritt noch einmal zur linken Außenfahne. Deutschland, in dieser Schlussphase schwer unter Druck stehend, war gerade ein Eckball zugesprochen worden. Podolski nutzte diese einmalige Chance, noch auf dem Weg zur Ausführung stachelte der Bayern-Stümer die weiße deutsche Fan-Wand wild gestikulierend an. Und die Anhänger, die schon über die gesamte Spielzeit ihr Team bedingungslos unterstützt hatten, ließen sich nicht zwei Mal bitten. Frenetisch feuerten sie die so famos und aufopferungsvoll um den Sieg kämpfende Mannschaft bis zum Schlusspfiff an - und wurden dafür mit dem 3:2-Überraschungscoup gegen pomadige aber keineswegs schlechte Portugiesen belohnt.

Szenen aus dem Sommermärchen

Was sich danach im neuen deutschen Wohnzimmer "St. Jakob-Park" abspielte, erinnerte an Szenen aus dem Sommermärchen 2006. Wegen ihrer kühnen Spielweise spielte sich die Klinsmann-Elf damals auf Anhieb in die Herzen ihrer Fans, man verschmolz zu einer Einheit, der Schulterschluss gelang. Getragen von einer Euphoriewelle erreichte man den dritten Platz, womit vorher kein Mensch rechnen konnte.

In Basel zeigte sich eine von Joachim Löw umgekrempelte deutsche Mannschaft erstmals bei dieser EM von ihrer besten Seite. Und siehe da: Sofort sprang der Funken über. Nach so einer Leistung durfte dann auch so gejubelt werden, als hätte man gerade das Endspiel erreicht.

Sie wollten gar nicht wieder vom Rasen gehen, die deutschen Spieler. Nach der aufkommenden Kritik in den deutschen Medien, nach den teilweise schwachen Vorstellungen in der Gruppenphase müssen die Ovationen und Gesänge der eigenen Fans wie Balsam auf die geschundenen Seelen der Nationalspieler gewirkt haben.

Verbeugung vor Joachim Löw

Wie befreit tanzten sie in der deutschen Kurve mit den zigtausend Anhängern das berühmte "Humba, Humba, Humba, Tätärä", natürlich mit Lukas Podolski als Vortänzer und Einpeitscher. Es folgte die Verbeugung vor Joachim Löw. Fast der gesamte DFB-Tross applaudierte dem verbannten Nationalcoach hoch droben auf der VIP-Tribüne. So, als wollten sie ihm sagen: "Danke Jogi, danke, dass du uns aufgerüttelt hast. Ganz allein dir verdanken wir den Einzug ins Halbfinale."

Die gesamte deutsche EM-Delegation wirkte vor dem Match gegen Portugal alles andere als gefestigt. Dazu passend, hatte sich Joachim Löw durch nicht immer nachvollziehbare Personalentscheidungen angreifbar gemacht. Jetzt hatten alle zusammen endlich eine Reaktion gezeigt. Sicher schwang in der demonstrativen Jubelorgie auch ein bisschen Genugtuung mit. Die Reaktion von Uli Voigt, dem TV-Koordinator der deutschen Nationalmannschaft, in Richtung Pressetribüne sprach jedenfalls Bände. Voigt nickte leicht hämisch, er senkte den Daumen und fixierte dabei bestimmte Journalisten ganz genau. "Beerdigen lassen wir uns von euch nicht so schnell", mag er dabei gedacht haben.

"Mull" ergattert das Trikot von Deco

Die Spieler lagen sich zu diesem Zeitpunkt längst mit ihren Liebsten in den Armen. An der rechten Seitelinie wurde geherzt, geküsst und abgeklatscht. Ballack, Metzelder, Borowski und Co. feierten ausgelassen mit ihren Angehörigen, Podolski gar ohne Hose. Mittendrin in den Feierlichkeiten fand sich übrigens auch Gerhard Meyer-Vorfelder, der Ex-Präsident des Deutschen Fußball Bundes. Einzig der Kreislaufzusammenbruch von Conny Lehmann trübte das Bild. Die Ehefrau des deutschen Nationaltorhüters erlitt in Block A, Reihe 5 ob der ganzen Aufregung einen leichten Kreislaufzusammenbruch und musste von Sanitätern sowie DFB-Physio Eder kurz behandelt werden. Nach 15 Minuten kehrten dann die Geister zurück.

Überhaupt: die Familienangehörigen. Sie rundeten das Bild eines unvergesslichen Abends im Basler St. Jakob-Park ab. Teilweise bis vor die Kabine, wie die Familie von Torwarttrainer Andreas Köpke, begleitete man die Mannschaft. Einzig Dr. Müller-Wohlfahrt, Mannschaftsarzt des deutschen Teams, hatte andere Sorgen. Der Bayern-Doc beteiligte sich auch deshalb nicht an der holländisch anmutenden Jubelorgie, weil er einen Auftrag zu erfüllen hatte. "Mull" steckte in zähen Verhandlungen mit Portugals Mittelfeldstar Deco. Es ging um das Trikot. Müller-Wohlfahrt bekam schließlich das heiß umworbene Jersey, das er klammheimlich und scheinbar unbemerkt in seiner Trainingshosentasche verschwinden ließ. Noch ein deutscher Triumph an diesem Abend.

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