HOME

Stern Logo EM 2008

Deutschland - Türkei: Lahm schießt Deutschland ins Finale

Die Leistung war durchwachsen, doch am Ende kannte der Jubel bei den deutschen Spielern keine Grenzen: Unmittelbar vor dem Abpfiff schoss Philipp Lahm die Löw-Elf mit seinem Treffer zum 3:2 gegen die Türkei ins EM-Finale nach Wien.

Gezittert, gelitten und dann grenzenlos gejubelt - in letzter Minute hat Philipp Lahm die deutsche Nationalmannschaft zum sechsten Mal in ein EM-Endspiel geführt. Mit seinem ersten Länderspiel-Treffer seit dem WM-Auftakt 2006 gegen Costa Rica zum glücklichen 3:2 (1:1) gegen bärenstarke Türken erlöste der Abwehrspieler von Bayern München Fußball-Deutschland und verhinderte einen zweiten Halbfinal-Alptraum wie vor zwei Jahren bei der WM. Die schwarz-rot-goldene Party geht damit weiter bis zum Finale, in dem die DFB-Auswahl am Sonntag in Wien gegen den Sieger des Duells Spanien gegen Russland ihren vierten EM-Titel anstrebt.

Vor 39.374 Zuschauern im Baseler St. Jakob-Park, darunter Bundeskanzlerin Angela Merkel, hatte Bastian Schweinsteiger (26.) die türkische Führung durch Ugur Boral (22.) postwendend wettgemacht. Nach dem 2:1 durch Miroslav Klose (79.) bewiesen die Türken beim dritten Turniertor von Semih Sentürk (86.) einmal mehr ihre schier unglaubliche Fähigkeit, scheinbar schon verlorene Spiele noch aus dem Feuer zu reißen. Doch diesmal wurden sie selbst praktisch im letzten Moment bezwungen. Mit dem Einzug ins Endspiel sind jedem deutschen Akteur bereits jetzt 150.000 Euro Prämie sicher, bei einem Sieg am Sonntag in Wien kommen weitere 100.000 dazu.

"Es war eine unglaubliche Spannung"

"Ich habe auch die Luft angehalten, aber jetzt gratuliere ich der Mannschaft. Die Türken haben wirklich ein gutes Spiel gemacht. Es war zum Schluss eine absolute Nervenleistung unserer Mannschaft. Ich denke, wir werden ein ganz, ganz tolles Finale spielen", gab Angela Merkel der deutschen Elf mit auf den Weg nach Wien. Auch Bundestrainer Joachim Löw war gezeichnet von der Dramatik. "Ich bin geschafft. Es war eine unglaubliche Spannung bis zur letzten Sekunde. Aber wir haben es geschafft, das macht mich glücklich", so Löw.

"Die erste Halbzeit war sicher nicht gut von uns. Zum Schluss hat die Mannschaft aber noch einmal gebissen und Moral gezeigt", sagte der erleichterte Kapitän Michael Ballack, der von seinem Bewacher Mehmet Aurelio fast völlig aus dem Spiel genommen wurde. "Das ist sicher einer der schönsten Momente für mich. In ein Finale einzuziehen, ist immer schön. Die Türken haben uns das Leben schwer gemacht", gestand Siegtorschütze Lahm. "Jetzt ist klar, was das Ziel ist - wir wollen den Titel."

"Never change a winning team"

Der erste Länderspiel-Sieg gegen die Türken seit 16 Jahren nach einer sportlichen wie emotionalen Achterbahnfahrt war ein hartes Stück Arbeit. Denn über weite Strecken fand die deutsche Mannschaft überhaupt keine Einstellung zum Gegner, der taktisch sehr diszipliniert auftrat und erneut tolle Moral bewies. Die von Bank- Rückkehrer Löw nach der Devise "Never change a winning team" in der Besetzung vom Portugal-Sieg aufs Feld geschickte Elf stand dem türkischen System beinahe hilflos gegenüber, ging aber auch nicht energisch genug in die Zweikämpfe. Die Abwehr wirkte oft ohne Orientierung und stürzte von einer Verlegenheit in die andere. Lahm bekam Kazim nicht richtig in den Griff und auch Arne Friedrich auf der rechten Seite hatte gegen den Torschützen Ugur große Probleme.

Während Lukas Podolski erneut ein starkes Spiel lieferte und ebenso wie Schweinsteiger keinen Ball verloren gab, konnte Ballack kaum Einfluss auf die Partie nehmen. Gar nicht in die Partie fand auch Simon Rolfes, der die Ballsicherheit vermissen ließ. Wegen einer Platzwunde an der Schläfe blieb der Leverkusener zur Pause in der Kabine und wurde durch Torsten Frings ersetzt, der neun Tage nach seinem Rippenbruch aus der Österreich-Partie sein Comeback feierte. Der Bremer musste gleich in den Zweikampf-Test und mithelfen, die Löcher zu stopfen.

Kollektiver Blackout

Rund 18.000 deutsche Fans, die beim ersten EM-Halbfinale einer DFB-Auswahl seit zwölf Jahren Heimspiel-Atmosphäre verbreiteten, fühlten sich lange Zeit an die Leistung der Mannschaft im Kroatien- Spiel erinnert. Während die durch die Ausfälle von neun verletzten oder gesperrten Spielern personell arg geschwächten Türken respektlos in die Partie gingen, ließ die in Bestbesetzung spielende deutsche Elf jegliche Ordnung vermissen. In der 13. Minute drohte nach einem kollektiven Blackout ein früher Rückstand, doch Kazim jagte den Ball aus 14 Metern gegen die Latte.

Dann gingen die Kicker mit dem Halbmond auf dem roten Trikot, die dreimal im Turnierverlauf einen Rückstand aufgeholt hatten, zum ersten Mal vor der Pause selbst in Führung. Nach einem weiten Einwurf und Flanke von Sabri traf Kazim erneut die Latte. Diesmal drückte Ugur den Abpraller zum hoch verdienten 1:0 über die Linie. Doch nur vier Minuten später führte gleich der erste gelungene Spielzug der Löw-Elf zum Ausgleich. Wie beim Führungstor gegen Portugal setzte sich Podolski auf der linken Seite durch und passte präzise zur Mitte, wo sein Teamkollege Schweinsteiger per Direktabnahme erfolgreich war und seinen zweiten Turnier-Treffer markierte.

Deutsche Elf hat besseres Ende für sich

Dass Löw an seinem 4-2-3-1-System festhielt, zahlte sich auch zu Beginn der zweiten 45 Minuten nicht aus. Sechs Minuten nach Wiederbeginn forderte die deutsche Mannschaft vergeblich einen Elfmeterpfiff vom Schweizer Schiedsrichter Massimo Busacca, nachdem Sabri den Vorstoß von Lahm im Strafraum nur regelwidrig bremsen konnte (51.). Während die DFB-Auswahl weiter ohne Konzept spielte, blieben die Türken das Team mit der größeren Ballsicherheit. Doch diesmal hatte die deutsche Elf mit Lahms Tor das bessere Ende für sich.

Klaus Bergmann und Jens Mende/DPA / DPA

Wissenscommunity