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3:2 gegen die Türkei: Deutschland, ein Rumpelmärchen

Mit einer erschreckend schwachen Vorstellung hat sich Deutschland in letzter Sekunde ins EM-Finale gerettet. Kaum ein Spieler erreichte gegen die B-Elf der Türken Normalform. Die fehlende Konstanz des DFB-Teams lässt einen eher mulmig, anstatt voller Vorfreude nach Wien fahren.

Von Klaus Bellstedt, Basel

Circa zwei Stunden vor dem Anpfiff im Glutofen St. Jakob-Park verbreitete sich die Nachricht wie ein Lauffeuer auf der Pressetribüne: Joachim Löw würde exakt die elf Männer ins Match gegen die Türken schicken, die auch schon gegen Portugal begonnen hatten. Und genau so kam es auch: Erneut bot der Bundestrainer die beiden Abräumer Rolfes und Hitzlsperger als doppelte Absicherung hinter Michael Ballack auf, was bedeutete, dass Torsten Frings überraschend doch nur auf der Bank saß. Frings' Miene beim Einlaufen zum Warmmachen sprach Bände, da war jemand richtig angefressen. Apropos Warmmachen: Den Fans in Basel bot sich vor dem Kickoff ein bizarres Bild. Auf der linken Seite schoben sich da 23 deutsche Akteure die Kugel hin und her. Und rechts? Man musste schon zweimal zählen, um ganze 16 Türken auszumachen. Was für eine Misere für den türkischen Coach Fatih Terim.

"Wien ist das Ziel unserer Reise", die beeindruckende Kurvenchoreografie der deutschen Fans gab die Marschroute für dieses EM-Halbfinale vor. Gegen diese ersatzgeschwächte türkische B-Elf musste einfach ein Sieg her. Aber so einfach wie sich das halb Deutschland vorgestellt hatte, wurde es dann noch nicht. Die Männer mit dem roten Halbmond auf dem Trikot trauten sich sehr wohl aus der eigenen Hälfte. Von wegen Einigeltaktik, die ersten Offensivaktionen gingen vom Underdog aus. Und wäre Jens Lehmann in der achten Minute nach einem Altintop-Durchbruch nicht voll auf der Höhe gewesen, wäre das DFB-Team hier wegen einer Unaufmerksamkeit früh einem Rückstand hinterhergelaufen.

Kaum zu überbietende Schläfrigkeit

Wer nun geglaubt hatte, dass die Deutschen nach diesem Warnschuss endgültig aus ihrer Lethargie erwachten, sah sich getäuscht. Wie in Trance schlichen Ballack und Co. in der ersten Viertelstunde über den Platz und überließen völlig unverständlicherweise dem Gegner den Raum. Die Folge: Ein Lattenkracher von Kazim Kazim und ein weitere große Einschussgelegenheit durch Semih Sentürk. Wo war bloß der Zauberfußball aus dem Portugal-Spiel hin? Nichts, aber auch gar nichts passte im deutschen Spiel. Symptomatisch für das Dilemma, wie dann die verdiente Führung für die Türkei fiel. In kaum zu überbietender Schläfrigkeit sah die deutsche Hintermannschaft zu, wie sich der Kontrahent in aller Seelenruhe die Kugel zuschob und nach einem erneuten Lattentreffer Ugur in bester Torjägermanier zum 0:1 abstaubte (22.).

Dass Schweinsteiger nur wenig später den völlig überraschenden Ausgleich markieren konnte, lag einzig und allein an der Klasse des Bayern-Profis, der eine Hereingabe von Podolski gekonnt verwertete. Zu diesem Zeitpunkt konnte man aus deutscher Sicht tatsächlich nur mit dem Ergebnis zufrieden sein, und sogar das war schmeichelhaft. Joachim Löws Taktik schien dieses Mal überhaupt nicht aufzugehen und bedurfte gegen diese ballsicheren und handfesten Türken eigentlich schon jetzt einer Korrektur. Zudem schoss die Innenverteidigung bestehend aus Mertesacker und Metzelder auch nach dem Ausgleich einen Bock nach dem nächsten.

Der Kapitän war gefordert. Und er handelte. In einer Spielunterbrechung stauchte Ballack das Duo dermaßen zusammen, dass man es noch auf der Pressetribüne hören konnte. Besserung trat danach freilich auch nicht ein. Die Türken stürzten die deutsche Nationalmannschaft mit ihren überfallartigen Angriffen von einer Verlegenheit in die nächste. Löw musste zur Halbzeit dringend etwas ändern. Er handelte auch und brachte Frings für Rolfes, behielt das System mit der Doppel 6 aber komischerweise bei.

"Wir wollen euch kämpfen sehen"

Das Spiel blieb mies, und jetzt kam auch noch Gift mit in die Partie. Nach einem elfmeterwürdigen Foul an Lahm, dass der Schiedsrichter nicht ahndete, kochten die Emotionen auf der deutschen Bank über. Aber anstatt mit Wut im Bauch eine Reaktion auf die Fehlentscheidung des Unparteiischen zu reagieren, ging das Gegurke weiter. "Wir wollen euch kämpfen sehen", skandierten die deutschen Fans zu Recht. Denn angefangen zu kämpfen, hatten sie noch nicht. Einer, der kämpfen kann, wäre Torsten Frings gewesen, aber man merkte dem Werder-Spieler an, dass sein Rippenbruch ihn daran hinderte, gewohnt robust in die Zweikämpfe zu gehen. Eine Fehlentscheidung auch von Löw, in solch einem wichtigen Spiel auf einen angeschlagenen Spieler zu setzen.

Und Michael Ballack, der Motor des deutschen Spiels? Auch bei ihm war nichts zu sehen von der Spielfreude und Torgefährlichkeit, die ihn noch im Portugal-Match ausgezeichnet hatte. Oben auf der Tribüne putzte sich die Kanzlerin zum x-ten Mal verwundert die Brille. Wahrscheinlich griff Angela Merkel nach dem Glückstor von Miroslav Klose aus der 79. Minute ein weiteres Mal zum Reinemachtuch. Denn was da im türkischen Strafraum passierte, war an Dilettantismus nicht zu überbieten. Eine eigentlich harmlose Flanke von Lahm wollte Keeper Rüstü herausboxen. Dafür stürmte er völlig übermotiviert aus seinem Kasten und segelte prompt am Ball vorbei. Klose nahm die Einladung zum Führungstreffer dankend an. Wie die Jungfrau zum Kinde kam die deutsche Elf zu diesem Tor, und das Glück sollte ihr auch nach dem 2:2 durch Semih treu bleiben. Denn als sich alles schon auf eine Verlängerung eingestellt hatte, wurschtelte sich auf der linken Seite Philipp Lahm eigentlich zum ersten Mal in diesem Spiel durch und vollendete zum 3:2. Der Rest war Zittern.

"Gnadenlos unverdienter Sieg"

Der Sieg der Deutschen, er war gnadenlos unverdient. Bis auf Thomas Hitzlsperger erreichte kein Spieler aus dem Aufgebot von Joachim Löw Normalform. Warum ausgerechnet in einem EM-Halbfinale die Leistungskurve nach dem tollen Sieg gegen die Portugal so rapide abstürzen konnte, bleibt rätselhaft. Für das Finale, ob nun gegen Spanien oder Russland, macht die Fast-Blamage von Basel wenig Mut. Was fehlt, ist die Konstanz im deutschen Spiel. Ein Vorwurf, den sich Joachim Löw machen lassen muss. Man kann die Reise nach Wien vielleicht aufrecht antreten, aber ein mulmiges Gefühl bleibt. Eine Steigerung um fast 100 Prozent wird im Finale nötig sein, sonst gibt es ein böses Erwachen. Es passte irgendwie ins Bild an diesem schwülen Abend in Basel, dass Bastian Schweinsteiger allein mit Deutschland-Flagge und Hut leicht in sich gekehrt und mit krummen Rücken als letzter Spieler den Rasen verließ. Zum ausgelassenen Feiern war nicht mal ihm zumute.

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