Deutschland gegen Polen Aufreger um Pinkelpause


Ein im Internet veröffentlichter Clip über pinkelnde deutsche Fußballfans und von Polen geklaute VW-Busse heizt die Stimmung kurz vor dem EM-Spiel unnötig an. Eine vom Springer-Verlag mitinitiierte Medienschlacht stößt in die gleiche Kerbe. Und die verbalen Fehltritte nehmen an Heftigkeit zu.
Von Christian Weiß

Gröhlende deutsche Fußballfans beim Pinkeln am Straßenrand. Die Nationalhymne wird intoniert. Danach ist der klapprige VW-Bus weg, geklaut. Von Polen.

So wird es zumindest dem deutschen Fan in dem auf dem Wettportal "foozee.de" veröffentlichten Video deutlich gemacht. Ohne Worte. Der eingeblendete Schriftzug "Deutschland - Polen. 8. Juni 2008" macht allzu klar, worum es hier geht. Um Vorurteile, unschöne Vorurteile, wie sie im Vorfeld der EM auf der medialen Tagesordnung stehen.

Da veröffentlicht der Springer-Verlag dieser Tage polnische Hasstiraden um abgetrennte Köpfe, Pickelhauben und Kriegsschlachten. Wohlgemerkt in seinen hauseigenen polnischen und deutschen Zeitungen wie "Fakt", "Bild" oder "Super Express". Dort provoziert Polens Fußball-Legende Zbigniew Boniek die deutsche Mannschaft, indem er behauptete, die polnischen Spieler seien 16-mal intelligenter als die deutschen und trägt Polens Coach Leo Beenhakker abgeschnittene Köpfe der DFB-Spieler wie Trophäen herum. Erinnerungen an jahrhunderte alte Kriegsschlachten werden aus der Mottenkiste geholt oder Michael Ballack mit preußischer Pickelhaube abgebildet. Die Emotionen schaukeln sich hoch.

Der Pinkelspot

Der Aufreger dieses kleinen Internetspots kommt nicht ganz so martialisch daher. Aber gerade deshalb wirkt er umso realistischer. Und: Mit ihm wurden die stürmischen Emotionen vor drei Wochen erst angefacht, wie Per Wolter, Verantwortlicher sowohl für den Spot als auch für "foozee.de", zu stern.de sagte.

An den polnisch-litauischen Sieg gegen den Deutschen Orden in der Schlacht im Grunwald von 1410 erinnern sich vermutlich die wenigsten Fans auf beiden Seiten. Wenn jedoch das unzerstörbare Vorurteil der klauenden Polen ins Spiel kommt, hört unsere Nachbarn das Fairplay auf. Die provozierende Aussage des als Werbetrailer geplanten Internet-Spots ist gerade das Unausgesprochene, das Offene, das Klischee, das Immer-schon-Gedachte. Und es funktioniert. Jeder weiß, was gemeint ist. Auch jeder polnische Fan.

Satire oder Skandal

Der Skandal war provoziert und gewollt. "Ursprünglich war er als witzige Werbung für unsere Webseite gedacht", so Wolter. "Und die Deutschen kommen mindestens genauso schlecht und trottelig rüber." Die Präsenz auf YouTube und ähnlichen Portalen, zirka 150.000 tägliche Seitenaufrufe allein in Polen und der losgetretene Skandal verdeutlichen, dass das unternehmerische Kalkül Wolters aufgegangen ist. In den letzten Tagen wurde seine "foozee.de" Seiten in allen einschlägigen polnischen und deutschen Zeitungen erwähnt, das Fernsehen startete Berichte, diverse Presseorgane zogen nach.

Auf die Frage, ob man den Spot aus Gewissensgründen oder Angst vor rechtlichen Konsequenzen nicht mehr schalten werde, antwortet Wolter entschieden: "Neee, wir wären schön blöd: Auch unsere eingeschalteten Anwälte sagen, damit ist alles voll ok." Im Gegenteil. Wolter empfindet die nachträgliche Berichterstattung gerade in seriösen Medien als "Ritterschlag", als Zeichen für eine gelungene Satire.

Wo Blätter wie "Fakt", "Bild" oder "Super Express" hinter dem Rücken des Schiedsrichters nun eine verbale Grätsche nach der anderen auspacken und immer mehr Öl ins Feuer gießen, erscheint "foozee.de" als heimlicher Nutznießer. Mit einer selbst initiierten Entschuldigungskampagne versucht man dort die Wogen zu glätten und sich auf die sichere Spielfeldseite, jenseits der Springer-Schlacht, zu retten. Der Ball steht schließlich im Mittelpunkt und die Spiele müssen ja stattfinden.


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