EM 2008 Erfolgsrezept 2006


Sieben Tage vor dem Auftaktspiel der deutschen Nationalmannschaft gegen Polen hat die DFB-Elf mit 2:1 gegen Serbien gewonnen. Das entscheidende Tor von Michael Ballack wird das Team festigen. stern.de analysiert die Stärken und Schwächen des deutschen Teams.
Von Nico Stankewitz

Vorweg genommen: Es war ein sehr ordentlicher Auftritt der deutschen Elf, die allerdings in der Defensive kaum gefordert wurde und offensiv doch noch einiges an Spielwitz und Kreativität vermissen ließ. Eine Übersicht über den Zustand und die Perspektiven der einzelnen Mannschaftsteile eine Woche vor dem Start.

Tor

Die deutsche Nummer Eins wird auch bei der EM die gleiche sein wie bei der vergangenen Weltmeisterschaft. Jens Lehmann wurde in der Begegnung mit den extrem defensiv eingestellten Serben kaum gefordert. Beim Gegentor war der deutsche Keeper machtlos, auch bei der serbischen Großchance in der zweiten Halbzeit hatte er keine Gelegenheit sich auszuzeichnen und konnte froh sein, dass der Ball nur die Latte traf. Auch wenn er nicht mehr die alte Sicherheit ausstrahlt, fehlen Alternativen, denn beide Reservekeeper haben praktisch keine Erfahrung im Nationalteam und stellen keine ernsthaften Rivalen für den zum dritten Torwart bei Arsenal abgerutschten 38-Jährigen dar. Diese Entscheidung wurde von Löw schon vor langer Zeit getroffen und durch die Ausbootung von Hildebrand praktisch irreversibel – ob es richtig ist, wird das Turnier zeigen.

Abwehr

Ähnliches wie für das Tor gilt auch für die deutsche Defensive. Der vielkritisierte Christoph Metzelder steht wie Lehmann nur im Kader, weil der Bundestrainer die Nominierung nicht von den Leistungen der aktuellen Saison abhängig gemacht hat, allerdings macht das Fehlen von ernsthaften Alternativen den ehemaligen Dortmunder zur Stammkraft. Metzelder spielte solide, machte einen Fehler beim Gegentor (allerdings sahen auch Mertesacker, Frings und Kuranyi nicht gut aus), wirkte aber schon deutlich stärker als einige Tage zuvor gegen Weißrussland. Mertesacker spielte ebenso umsichtig und souverän an seiner Seite wie später Arne Friedrich. Rechts spielte Lahm etwas lebhafter und auffälliger als Fritz, ist aber weit weg von seiner WM-Form und der Torgefährlichkeit, die er auf der linken Außenbahn ausstrahlte. Links war Jansen lange Zeit sehr blass, mit einem haarsträubenden Stellungsfehler vor der serbischen Großchance in der zweiten Halbzeit. Allerdings war der Bayern-Spieler am Umschwung in der zweiten Halbzeit und beiden Treffern maßgeblich beteiligt. Insgesamt werden wir wohl am kommenden Sonntag die gleiche Anfangsformation in der Abwehr sehen, die gegen Serbien begonnen hat, mit Fritz, Friedrich und Westermann als nahezu gleichwertigen Alternativen.

Mittelfeld

Ganz klar das Herzstück dieser Mannschaft ist das zentrale Mittelfeld mit den beiden absoluten Leitwölfen, Ballack und Frings. Michael Ballack lieferte ein glanzvolles Länderspiel gegen Serbien und untermauerte seinen Ruf als absoluter Führungsspieler. Mit seiner Dominanz und Präsenz steht er in einer Reihe mit Fritz Walter, Franz Beckenbauer und Lothar Matthäus, das einzige, was Ballack gegenüber diesen noch fehlt ist ein Titel. Ebenfalls stark und präsent neben ihm ist der Bremer Torsten Frings, der Ballack in der Spiellenkung unterstützt. Auf die beiden 31-Jährigen ist das deutsche System aufgebaut, beide kommen rechtzeitig in Topform, so dass ihre Back-Up-Spieler Rolfes und Borowski wohl nur wenig zum Einsatz kommen werden. Problematischer sind die Außenbahnen: Nach dem Ausfall von Schneider fehlt gerade in diesem System ein offensiver Mann mit Spielmacherqualitäten, Clemens Fritz wirkte zwar dynamisch, aber fußballerisch recht bieder. Schweinsteiger ist trotz mäßiger Saison sicher gesetzt, da er über Qualitäten verfügt, die kein anderer deutscher Spieler aufweisen kann und er darüber hinaus auf beiden Flügeln eingesetzt werden kann, richtig überzeugen konnte er aber gegen Serbien auch nicht. Hitzlsperger könnte links eine Alternative sein, Odonkor wird Joker bleiben, Trochowski wohl EM-Tourist.

Sturm

Mit Mario Gomez und Kevin Kuranyi begann ein neues Sturmduo gegen Serbien, aber beide konnten sich nicht nachdrücklich für den Platz an der Seite des gesetzten Miro Klose empfehlen. So ist das möglicherweise das größte Fragezeichen in der deutschen Elf, ob jetzt Gomez oder Podolski in der Startformation stehen. Kuranyi Einsatzchancen scheinen minimal, im Moment ist er nur Stürmer Nummer Vier, und als Joker ist der quirlige Oliver Neuville nach seinem Treffer von Samstag definitiv erste Wahl. Die Chancen für Kuranyi könnten nur dadurch steigen, dass Podolski nach dem belebenden Auftritt im Serbien-Spiel auch einer der Kandidaten für die linke Außenbahn ist.

Fazit

Insgesamt ist der Kader genau so zusammengestellt und strukturiert, wie Jogi Löw sich das wohl vorgestellt hat. Das taktische Konzept und die personelle Ausrichtung sind nahezu identisch mit der Planung für die WM 2006, nur wenige Rollen sind getauscht worden. Diese Klarheit birgt natürlich auch ein gewisses Risiko, denn mittlerweile dürfte sich die taktische Marschroute der deutschen Elf bis in den letzten Winkel Europas herum gesprochen haben, inklusive der Odonkor-Neuville-Variante bei Rückstand. Der Formaufbau scheint weitgehend zu stimmen, die Fortschritte sind deutlich sichtbar und die Rückstände können ohne weiteres in den verbleibenden Tagen aufgearbeitet werden. Löw hat in seiner ganzen Planung das Klinsmann-Erbe konsequent verwaltet, erst bei der EM wird sich zeigen, ob das richtig war, oder ob mehr Mut in personeller und taktischer Hinsicht erforderlich gewesen wäre. Der Zustand der deutschen Elf eine Woche vor Turnierbeginn berechtigt jedenfalls zur Hoffnung, dass eine Halbfinalteilnahme für die Löw-Truppe im Bereich des Möglichen liegt.


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