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Die Drink-Revolutionäre: Von einer Schnapsidee zum Erfolgsrezept

Drei Rheinländerinnen erfinden den "Kawoli"-Schnaps und lassen ihn nach ihrem Geschmack brennen. Können sie mit der Eigenkreation die männlich dominierte Schnapslandschaft erobern?

Von Linda Gondorf

Auf dem Sofatisch stehen zwei halb leere Schnapsflaschen. 10 Mädels lachen, quatschen und philosophieren über das Leben. Mit dabei: Die Neusser Nicole Barendt-Ley, Anna Mehdorn und Nora Wisbert. Anna und Nora waren gerade in Spanien und haben Karamell-Schnaps für die Mädelsrunde mitgebracht. Der scheint zu schmecken. Doch die Flasche ist fast leer, Spanien zu weit weg und der Durst auf den Kurzen noch nicht gestillt. "Sagt mal", fängt Nicole an, "warum brennen wir den eigentlich nicht selbst?" Mit nur einem Satz entsteht eine Schnapsidee. Vier Jahre später kennt Kawoli im Rheinland fast jeder.

Nicole, Anna und Nora glauben bis heute noch nicht ganz, was an diesem Sommerabend im Jahr 2010 passiert ist. Wir treffen die 35-jährige Nicole und Nora zum Gespräch in einem kleinen Café auf dem Marktplatz in Neuss. Anna ist ist nicht dabei, denn sie ist hochschwanger. "Wetten sie arbeitet gerade im Krankenhaus? Sie checkt bestimmt ihre E-Mails auf neue Bestellungen", lacht Nora. Ohne ihr "Baby" Kawoli geht es nicht mehr. Der steht auch auf dem Tisch und wartet auf eine Verkostung. Die Drei lernten sich über ihre damaligen Freunde kennen. Die Männer dazu gibt es nicht mehr, aber die Freundschaft zwischen Nicole, Anna und Nora ist geblieben. Nora rief nach dem feucht-fröhlichen Abend im Jahr 2010 eine Brennerei in Brandenburg an und fragte, ob sie dort Schnaps brennen könne. Schon ein paar Wochen später fuhr die 35-Jährige Richtung Berlin um die Brennerei zu besichtigen. Kein Name, kein Logo, kein Marketingkonzept war vorhanden. Nur der Traum, einen eigens kreierten Schaps bekannt zu machen. "Uns war schon bewusst, dass wir uns den Keller voll mit Alkohol stellen werden. Dabei hatten wir gar keine Vorstellung, ob der Schnaps bei den Leuten überhaupt ankommen würde", sagt Nicole im Gespräch mit stern Genuss.

Nur Klares ist Wahres

Die drei Neusserinnen ließen sich von der Brennerei in Brandenburg verschiedene Proben auf Wodkabasis mit Karamellgeschmack schicken. "Das war schön", grinst Nicole und nippt an ihrem Kawoli. Die ersten waren allerdings nie so richtig gut. Zu viel Karamell, zu wenig Karamell, zu herb, zu süß – es dauerte fast 3 Monate, bis die richtige Mischung auf Annas Küchentisch stand. Ganz klar: Es sollte auf gar keinen Fall ein Sahnelikör werden. "Cremiges Zeug mögen wir nicht", so Nora, "nur Klares ist Wahres". Und so kam es am Ende auch. Doch ohne einen genauen Plan hatten die Drei 2.000 Flaschen Schnaps bestellt, der nun in Annas Keller lagerte. Das Kind brauchte einen Namen und ein Logo. Mediengestalterin Nicole hielt vor ihren zwei Freundinnen stundenlange Präsentationen über Namen und Logogestaltung. Nach dem Hanuta-Prinzip (Haselnuss-Tafel) entstand dann Kawoli: Karamell-Wodka-Likör. Und das Logo, der Vogel? "Wir brauchten etwas, dass man auch mit zwei Promille wahrnehmen kann, um es dann zu bestellen" so die Freundinnen. Das erste Jahr klebten sie die Etiketten selbst auf die kleinen Fläschchen, denn die Brennerei in Brandenburg hatte keine Etikettiermaschine. "Eine richtig ätzende Arbeit“, sagen die beiden im Chor.

Wohin mit all dem Schnaps?

"Erst dann haben wir überlegt, wie wir die 2000 Flaschen wieder loswerden", so Nora. Auf jeder Feier liefen sie mit klimpernden Handtaschen herum, verteilten die kleinen Fläschchen in Neuss, Düsseldorf und Umgebung an jeden, den sie trafen. Doch es musste eine größere Veranstaltung her. Ihre Idee: Das Bürgerschützenfest im Rheinkreis. Hier lassen sich doch sicher genug Liebhaber des Kurzen finden? Kawoli erlangte schnell Bekanntheit unter den Schützenvereinen. Direktes Feedback gab es auf Großveranstaltungen: "Das Schlimmste, was wir gehört haben war: 'Abartig'", lacht Nora, die das damals nicht so witzig fand. Anna und sie wollten direkt eine Geschmacksveränderung. Doch Nicole hielt an dem Rezept und der Mischung fest. "Uns schmeckt es, also wird das nun auch so durchgezogen.", so Nicole.

Kawoli ist nichts für jedermann. Das ist den Unternehmerinnen bewusst. "Feigling schmeckt auch nicht jedem. Und den Kräuterlikör Killepitsch gab es zu Anfang auch nur in Düsseldorf. Heute wird er weltweit in 14 Länder exportiert. Die haben 100 Jahre gebraucht, bis sie bekannt wurden", erzählt Nora und glaubt fest daran, dass Kawoli einer breiten Masse schmecken kann.

Von Neuss bis Berlin

Relativ schnell wechselten sie mit ihrem Produkt zu einer Brennerei im Ruhrgebiet. Die liegt näher am Konsumenten, klebt die Etiketten direkt auf die Flaschen und produziert mehr. "Plötzlich wollten ja Leute den Schnaps kaufen. Also musste er viel schneller produziert werden" erzählt Nora. Größere Brennerei, größere Liefermasse, weniger Lieferkosten – eine Win-Win-Situation. Heute verkaufen die Kawoli-Mädels an Getränkelieferanten und die verkaufen es weiter. Selbst in Berlin ist der Schnaps schon angekommen. In der Affenhütte in Kreuzberg ist der Karamell-Wodka ein Renner. "Der Besitzer sagt immer, der Schnaps wäre wie eine flüssige Süßigkeit", lächelt Nicole und scheint mächtig stolz. Die Drei arbeiten weiterhin in ihren erlernten Berufen, als Steuerfachangestellte, Mediengestalterin und bei einer Versicherung, denn noch wirft das Schnapsgeschäft nicht genug ab. "Das muss es auch nicht. Es reicht uns schon, wenn jemand Fremdes den Schnaps an der Theke bestellt". Dann geht ihnen das Herz auf.

  • Linda Gondorf