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M.Streck: Frischluft: Wohlsein allerseits. Und ein Prosit auf die Schnapsidee

Experten warnen vor den Gefahren übermäßigen Alkoholkonsums in Zeiten von Coronavirus-Krise und Homeoffice. Sie haben natürlich recht. Einerseits. Andererseits mag unser Autor Michael Streck dennoch nicht verzichten. Und hält den Weinhändler ums Eck auch für einen Helden des Alltags.

Weintrinken in zeiten von Corona

Wein trinken gerät dieser Tage zu einer häuslichen Angelegenheit

Unsplash

Überall, wirklich überall sind momentan Ratschläge zu lesen, wie die Menschen gesund durch die Krise kommen. Das ist gewiss gut und lieb gemeint, aber offenbar gehöre ich nicht zur richtigen Zielgruppe.Das Fachorgan für Körperkult und Lebensfreude "Fit for Fun" mahnt etwa, man solle weniger Alkohol trinken, weil es das Immunsystem schwäche, die Schlafqualität mindere und die Gewaltbereitschaft in Zeiten der Isolation hebe. Das sage auch die Weltgesundheitsorganisation. Na dann. Am Ende des Online-Ratgebers zünden die an sich geschätzten Kollegen noch eine dolle Sprach-Pointe, Achtung, und päng:

"Man kann festhalten: Häufig zum Alkohol zu greifen, um die Corona-Pandemie zu überstehen, ist also sowohl körperlich als auch psychisch eine glatte Schnapsidee."

Genau. Man kann aber auch festhalten, nur mal so: Morgen geht die Sonne auf. 

Unser Held neben den vielen anderen Helden ist der Weinhändler um die Ecke

Wie jeder halbwegs normale Mensch vermisse ich Restaurants und Kneipen, Kneipen aber noch eine Terz mehr. Wenn das mal alles überstanden ist, werden die Kneipen brummen und boomen, Corona-Partys allerorten und ganz legal, und dazu möchte ich meinen Teil beitragen. Vorausgesetzt, dass ich fit for fun durch die Krise komme.

 

Unser persönlicher Held neben allen Ärzten und Pflegekräften und Mitarbeitern von Supermärkten und Virologen ist der Weinhändler um die Ecke, dessen Geschäft natürlich geschlossen ist, der aber todesmutig nach Hause liefert. Er ist ein guter Mensch. Morgens mailen die Frau oder ich, "zwei Kisten bitte", abends um kurz nach sieben steht er vor der Tür. Auch ein Held der Arbeit.

Wir sind nicht allein. Neulich ging ein Foto der Kanzlerin viral (darf man das eigentlich noch schreiben?) wie sie in einem Berliner Supermarkt einkauft, eine Rolle Klopapier, ein paar Schattenmorellen und drei Pullen Wein. Pragmatisch und zugleich lebenszugewandt, so wünscht man sich die Politiker. Hoffentlich hat Merkel in Quarantäne einen verlässlichen Lieferanten.

Eigentlich wäre dies jetzt die ideale Zeit für Abstinenz weil: keine Kneipen, keine Restaurants, kein Fußball, keine Treffen mit Freunden, keine Geselligkeit. Grau liegt der Alltag überm Homeoffice, selbst die April-Witze mau, falls sie uns überhaupt erreichen, weil das Netz lahmt unterm großen Verkehr. Die Frau und ich hatten diese Form der Selbstkasteiung auch mal kurz erwogen, aber nur etwa eine halbe Minute lang. Danach war das Thema vom Tisch, und wir mailten unserem guten Weingeist.

Wobei uns selbstredend klar ist, dass man sich das Virus selbst unter Zuhilfenahme erheblicher Mengen von Alkohol nicht schön saufen oder gar wegtrinken kann. Beinahe nostalgisch müssen wir zurückdenken an eine andere große Krise der Menschheit, den größten anzunehmenden Unfall bis dahin, den GAU von Tschernobyl, Frühjahr 1986. Auch damals Panik und Angst, aber eben auch ein Bauer aus dem Dithmarscher Land, der im Fernsehen unvergessen sprach: "Das Atom? Das Atom koch ich weg." So waren die Zeiten, ohne Internet und Ratgeber und Fake-News.

Von denen eine die Briten unlängst heimsuchte, die empört und verschreckt auf eine listig getarnte Meldung reagierten, wonach die Gesundheitsbehörde NHS mit sofortiger Wirkung Kauf und Verzehr von alkoholischen Getränken verboten habe, weil – siehe oben – der Stoff das Immunsystem schwäche. War Fake, aber mit so was macht man keine Witze.

Heimtrinken ist das Gebot der Stunde. Aber ab wann?

Das Gegenteil ist der Fall. Die Menschen auf der Insel kaufen Wein und Bier wie im Vollrausch, darin ihren Vettern in Amerika sehr ähnlich, wo der Konsum um 55 Prozent gestiegen ist. Einen kleinen und feinen Anteil an diesem Mini-Hoch umrankt von wirtschaftlicher Tristesse hat unser in New York City ansässiger Freund C., der vor dem Lockdown noch eilends 94 Liter (!) Weißwein orderte, die er in einem Kühlschrank von Kleinwagengröße bunkert. C. geht auf Nummer sicher.

Denn einstweilen ist hier wie dort Binnentrinken das Gebot der Stunde. Vor Kurzem sprach ich mit einem fabelhaften Kollegen, der sagte, das einzig Schöne an der öden Heimarbeit sei, dass niemand überprüfen könne, wann er das erste Bier öffne. 

Warum nicht jetzt? Wohlsein, allerseits. Ein Prosit auf die Schnapsidee.

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