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EM 2008: Fähnchen im Sturm

Jetzt flattern sie wieder im Wind. Die kleinen Nationalflaggen schmücken anlässlich der EM wieder viele Autos - auch in Österreich. Aber prompt entbrannte bei unseren Nachbarn ein heftiger Streit über Versicherungsschäden, Verbote und Patriotismus. Eine Posse aus der Alpenrepublik.

Von Till Weingarten, Wien

Die Frage, ob Autofahrer die Fähnchen an ihre Pkws montieren dürfen oder nicht, beschäftigte dort eine Reihe von Verkehrs- und Polizeijuristen. "Eindeutig unzulässig", eröffnete der ÖAMTC, das ist der österreichische ADAC, die Diskussion. Ein ÖAMTC Rechtsexperte analysierte, dass das Anbringen von Fahnen laut Kraftfahrgesetz erlaubt, laut der entsprechenden Durchführungsverordnung aber verboten ist.

Auch die Versicherungswirtschaft warnte, mit einer Fahne auf dem Auto herumzufahren. Sollte diese abbrechen und jemanden verletzen oder etwas beschädigen, sei das ein Fall von Leistungsfreiheit. Soll heißen: Der Autofahrer muss dann den verursachten Schaden selbst bezahlen. Die Wiener Polizeijuristin Brigitte Nedbal-Bures setzte zu aller Empörung noch einen drauf: Eine Österreich-Flagge mit Bundeswappen ist absolut tabu und nur für Fahrzeuge hoher Politiker vorgesehen. Fußballfans riet sie generell davon ab, ihr Fahrzeug zu beflaggen. "Nach dem Kraftfahrgesetz Paragraf 134 können theoretisch Strafen bis zu 5.000 Euro drohen", mahnte die Juristin.

"Gefahr im Verzug"

Die Debatte heizte über dem Verkehrswege die Patriotismus Diskussion ein: Dabei muss man wissen: tatsächlich sind die Österreicher im internationalen Vergleich besonders patriotisch. Bei einer weltweiten Umfrage des Meinungsforschungsinstituts der University of Chicago zum Nationalstolz aus den Jahren 2003 und 2004 landete Österreich auf dem vierten Platz, geschlagen nur von den USA, Venezuela und Australien. Besonders der "allgemeine Patriotismus", der sich nicht auf besondere Leistungen bezieht, vor allem nicht auf den österreichischen Fußball, ist in Österreich stark ausgeprägt. Acht Jahre zuvor lag Österreich sogar auf dem zweiten Platz gleich hinter den USA - und beim allgemeinen Stolz auf Platz eins.

Da bot die angeheizte EURO-Euphorie eine hervorragende Gelegenheit für die Regierung, die populistische Fahne zu hissen. Prompt hob der Verkehrsminister das Fahnenverbot auf. Eine kleine Revolution, denn historisch pochen Staat, Justiz und Polizei darauf, das Nationalfähnchen dem Volk zu verbieten. Doch der Minister zog sich geschickt aus der Affäre, denn Fahne und Fähnchen hätten nichts miteinander zu tun, das seien bloß "Fan-Artikel" - völlig in Ordnung und deshalb nun offiziell erlaubt. Jetzt heißt es: es kann Polizisten "zweifellos zugemutet werden", zu unterscheiden und zu erkennen, ob es sich um ein offizielles oder um ein Fahrzeug eines Fußballfans handelt. Im EURO-Erlass des Innenministeriums ist geregelt, dass ein Einschreiten der Polizei hinsichtlich des Führens von Fanartikeln ausschließlich bei "Gefahr im Verzug" passieren soll.

Na wunderbar, da legte sich die Empörung im übrigen EUROland. Somit können wir ja gänzlich EURO-kratie freien Deutschen unbeschert auf der A7 Richtung Alpengastgeberland düsen, und unsere Fähnchen jetzt endlich nach dem Wind richten.

Runter mit der Fahne bei Autobahnfahrten!

Freie Fahrt für freie Fans? Nein, ein bisschen Spielverderber muss auch hierzulande sein. Zumindest die gelbe Karte gibt's von unseren gelben Engeln: so meldet sich der ADAC zu Wort, und ruft die Autofahrer auf, beim Anbringen von Fahnen am Wagen an die Verkehrssicherheit zu denken. Auch bei uns kommen die Versicherungen für Schäden nur auf, wenn die Flaggen ordnungsgemäß angebracht sind. Bei einem Unfall muss der Fahrer für alle Schäden haften, die sein Fähnchen verursacht. Das liegt daran, weil die Fähnchen nicht am PKW befestigt, sondern nur zwischen Autofenster und Rahmen geklemmt werden. Und was nicht fest mit dem Fahrzeug verbunden ist, obliegt der Verantwortung des Fahrers. Bei den Fähnchen handelt sich nach Paragraph 22 der Straßenverkehrsordnung um eine Beladung. Die Fähnchen müssen also hier in Deutschland, sowie in Österreich und der Schweiz stabil am Auto verankert sein und dürfen die Sicht des Fahrers nicht behindern. Und vor allem: nix ist mit flatternder Fahne übern Brenner zu brausen. Runter mit der Fahne bei Autobahnfahrten!

Und noch mehr Spielregeln: In der Schweiz sind sie nur an den hinteren Fenstern erlaubt. In allen drei Ländern ist es verboten, große Fahnen an langen Stangen aus dem Fenster zu halten. Am Innenrückspiegel haben Wimpel und Maskottchen nichts verloren, Aufkleber dürfen nicht auf der Frontscheibe sowie dem Fahrer- und Beifahrerfenster angebracht werden, ebenso wenig auf Scheinwerfern, Bremsleuchten oder Blinkern. In Deutschland drohen bei Verstößen Bußen von 10 Euro bis 50 Euro und drei Punkte. Ach ja eines noch: Fähnchen sind Spritfresser! Ab Tempo 70 kann der Mehrverbrauch locker einen halben Liter Kraftstoff auf 100 Kilometer ausmachen.

Rote Karte für die Aufklärung

Rote Karte für die Aufklärung. Von alldem weiß man nichts, wenn man ahnungslos in Supermärkten in der Grabbelkiste seiner Fan (Fahn-) Freude für schlappe 99 Cent Ausdruck verleihen will. Keine Hinweise auf Verkehrsordnungen, Umweltsünden oder patriotischen Gesetzesverletzungen. Da kann man doch nur hoffen, dass nach diesem Gezeter die Fähnchen in Deutschland, Österreich und der Schweiz nicht schon nach der Vorrunde abgebaut und eingerollt werden müssen. Oder man bleibt gleich zu Hause, guckt die EM im Fernsehen und steckt Buffet-Fähnchen in einen Mett-Igel.

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