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Fußball-Presseschau: Die Möglichkeiten erweitert

Vor dem Spiel gegen Spanien: Den Finaleinzug wertet die Presse als großen Erfolg Joachim Löws und seiner Spieler, auch wenn deren Spiel fehlerhaft ist. stern.de und "indirekter Freistoß" werfen einen Blick in den "Blätterwald".

Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) betont vor dem Finale im Leitartikel auf Seite 1 die schwierige Ausgangslage, die Joachim Löw und Jürgen Klinsmann vor vier Jahren vorgefunden haben: "Dass es die Mannschaft wieder einmal bis zum großen Ziel geschafft hat, wird jenseits der Grenzen als kontinuierliche Erfolgsgeschichte des deutschen Fußballs wahrgenommen. Deutschland im Finale - das ist ein Fußball-Naturgesetz. Die deutsche Innensicht auf den Fußball ist eine andere. Sie ist weniger selbstsicher, und sie kreist seit vier Jahren im Kern um die Frage, welche Antwort der deutsche Fußball auf die Globalisierung findet. Jürgen Klinsmann startete nach der letzten missglückten Europameisterschaft 2004 ein packendes Reformprojekt, das Deutschland ein Sommermärchen und ungeahnte Aufbruchstimmung bescherte. Sein Helfer Löw führte als Bundestrainer die Arbeit auf seine Weise fort. Dies ist unter anderem deshalb so bemerkenswert, weil ihr in weiten Teilen die Grundlage fehlt. Der Nationalmannschaft ist es zwar beim zweiten Turnier nacheinander gelungen, beste Ergebnisse zu erzielen. Für die deutschen Vereine im Europapokal heißt es dagegen schon seit Jahren spätestens im Viertelfinale: Endstation. So gibt es in Deutschland nun schon im vierten Jahr einen Fußball der zwei Geschwindigkeiten: den der erfolgreichen, reformorientierten Nationalmannschaft und den der international abgehängten und sich selbst genügenden Bundesliga. Die Champions League ist der Spielplatz des globalisierten Klubfußballs. Die Deutschen sind dort nicht zu Hause."

Klaus Hoeltzenbein (Süddeutsche Zeitung) sieht die Mannschaft in einer Übergangsphase: "Bei den Deutschen mag das komisch klingen, aber sie folgen einer Linie: Ihre physische Präsenz hat es ihnen sogar erlaubt, gegen die Türkei auf dem Platz ungewollt ein Chaos anzurichten, aus dem nur sie selbst einen Ausweg fanden. Das Spiel war grottig, aber die Tore waren klar, geradlinig und deshalb schön anzusehen: Selbst das 2:1, begünstigt durch einen Torwartfehler, hatte durch den hohen Luftstand des Kopfballspielers Klose eine besondere athletische Note. Dieser Kontrast - schlechtes Spiel, schöne Tore - macht diese deutsche Elf so gefährlich. Sie hat noch keine neue Identität, sie hat sich noch nicht komplett herausgeschält aus der bitteren Ära des Rumpelfußballs. Aber sie hat aus der Euphorie der WM 2006 heraus eine Haltung entwickelt. Einerseits beruft sie sich auf die deutschen Tugenden, andererseits ist sie nicht uneitel, sie will auch etwas bieten, sie will der Welt gefallen. Siege sollen auch, aber nicht nur ihren Nutzwert haben. In diesem Bemühen kommt sie bisweilen durcheinander. Dann rettet sie wie aus dem Nichts eine messerscharfe Kombination (Podolski auf Schweinsteiger), ein zentimetergenauer Doppelpass (Hitzlsperger auf Lahm), oder Ballack per Freistoß und Kopfball. Soll man ihr das vorwerfen? Mitnichten. Die Deutschen boten Lösungen an, andere hatten nur ein Konzept."

Stefan Osterhaus (Neue Zürcher Zeitung)

wägt die Chancen gegen Spanien: "Vielleicht setzt Löw auch darauf, dass die Lektion, die die Türken den Deutschen in Sachen Kurzpassspiel während einer Halbzeit im Semifinal erteilten, eine heilsame Wirkung auf seinen Mittelfeldverbund ausübt. Dass die Umstellung in der zweiten Halbzeit gelang und kaum noch Chancen der zuvor so agilen Türken zugelassen wurden, dürfte insgeheim zuversichtlicher stimmen als ein müheloser Sieg über die personell schwer angeschlagene Mannschaft. Löws Equipe hat die Fähigkeit bewiesen, Probleme während eines Matches auch spielerisch zu lösen. Das große Plus dieses Teams liegt vorderhand in der Effizienz, in der Verwertung gar nicht einmal so großer Möglichkeiten, worin die Deutschen den Spaniern mindestens ebenbürtig sind."

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) ruft den Verantwortlichen Bayern Münchens entgegen: "Der torgefährliche Außenflitzer Schweinsteiger hat nichts gemein mit jenem verhinderten Künstler, der beim FC Bayern immer zum falschen Zeitpunkt die falschen Kringel dreht. Der torgefährliche Außenflitzer Podolski hat nichts gemein mit jenem verhinderten Draufgänger, der beim FC Bayern meist auf der Bank herumsitzt und sonst als zentraler Stürmer genau das nicht kann, was Luca Toni kann. Und Miroslav Klose ist bei dieser EM zwar noch nicht der Klose, der er schon mal war - aber er ist definitiv auch nicht jener Klose, der sich bei Bayern hinter dem Rücken von Toni wegduckt. Auch Philipp Lahm, der als weitgehend krisenresistent gilt, spielt wieder auf einem Niveau, das für die internationale Spitze taugt und nicht vergleichbar ist mit dem Niveau jenes Philipp Lahm, der sich unauffällig durch die Bundesliga-Saison gehangelt hat. Es gehört in Deutschland zur Turnierfolklore, dass die DFB-Elf immer nur dann gut sein kann, wenn auch der FC Bayern gut ist. Diesmal wird eben niemand behaupten können, dass die Bayern-Spieler das Mir-san-mir einfach ins Nationalteam hinübergerettet hätten. Das Gegenteil ist der Fall - im Nationalteam finden die Münchner Sorgenkinder jene Identität und jenen Schwung, den sie für ihr Spiel brauchen."

Ronald Reng (Berliner Zeitung)

schwärmt von Spanien: "Mehr als jedes andere Nationalteam hat Spanien die klassischen Schönheiten des Fußballs, wie den anmutigen Pass, bewahrt und mit den modernen Anforderungen an Tempo und Taktik vereint. Sie machen die Klagen lächerlich, heute gebe es keine Spielmacher, keine Typen, keine Straßenfußballer mehr. Diese Elf beweist, dass es heute etwas viel Besseres gibt: Kinder aus den Fußball-Akademien wie Xavi, Cesc Fabregas oder David Villa, die technisch und strategisch mindestens auf dem Niveau all dieser Straßenfußballer sind und die ohne den Egoismus und das Ätzende der Maradonas, Effenbergs, Bernd Schusters auskommen. Sie sind ein Beweis: Sieger können wohl erzogen, unkompliziert sein; liebenswert. (…) Die zweite Halbzeit gegen Russland, als sie nicht aufhörten zu kombinieren und anzugreifen, war Spaniens Entwurf von Perfektion. Sie haben dem Fußball etwas Neues geschenkt: den Kombinationskonter. Selbst wenn sie schnell kontern, wie beim Tor zum 2:0, bauen sie noch ein paar Kombinationen mit Stoppen und Passen ein. Die Lehre des Fußball sagt, das gehe nicht: langsam zu kontern. Sie können es. Sie verbinden das Beste aus allen Welten. Sie haben zum Beispiel die beste Defensive der EM durch Offensivspiel."

Roland Zorn (Frankfurter Allgemeine Zeitung)

gibt zu bedenken: "Spanien hatte ein Meisterstück schon vor dem Endspiel abgeliefert - und vielleicht ist das die Chance für die unberechenbaren Deutschen. Tatsächlich sind die jahrelang bei den großen Turnieren früh gescheiterten Iberer vollkommen von sich und ihren Siegerfähigkeiten überzeugt. Da ist kein Platz mehr für Gedanken an eine mögliche Niederlage. Das alte Verliererimage interessiert diese neue spanische Fußball-Generation nicht mehr. Seit nunmehr 21 Spielen ist die Mannschaft ungeschlagen."

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