Fußball-Presseschau Unerklärliche Neigung zur Niederlage


Erste Kommentare über das unglückliche Ausscheiden der Schweiz, schlechte Presse für den Guru Otto Rehhagel, Lobeshymnen auf Spaniens Elf:stern.de präsentiert jeden Tag die Pressestimmen des aktuellen Spieltags.

Christian Kamp (FAZ) listet die Plagen für die Schweiz auf: "Die tapferen Schweizer werden sich fragen, warum sie einen weiteren herben Rückschlag hinnehmen mussten. Verletzungen, die Erkrankung von Trainer Jakob Kuhns Frau, die unglückliche Niederlage im Eröffnungsspiel gegen Tschechien. So mancher wähnte schon seit Tagen eine schicksalhafte Verschwörung gegen die ‚Nati'. Ein vorteilhafter Ausgang des Fuß-Glücksspiels hätte sicher manchen wieder versöhnt, und vielleicht wäre es noch einmal ein Neubeginn voller Leidenschaft gewesen für die bislang so wankelmütigen Gastgeber."

Daniel Theweleit (Spiegel Online) stemmt sich gegen das Mitleid, das den ausgeschiedenen Gastgebern nun zuteil wird: "Am Ende hat die Schweiz bei allem Unglück auch fußballerisch zu wenig hinbekommen. Nur ihr Scheitern war von jener bizarren Schönheit, die sonst gepflegten Horrorfilmen vorbehalten ist. Das blanke Entsetzen hat tiefe Spuren hinterlassen in den Gesichtern. (…) Die armen Schweizer können in aller Ruhe ihre Wunden lecken, den erträumten Sommer im nationalen Freudentaumel wird es nicht geben. Das kleine Land ist wieder dort, wo es schon immer war in der gut sortierten europäischen Fußballwelt. Das große Projekt ist gescheitert, ab dem Spätsommer soll nun Ottmar Hitzfeld die Nation von ihrer unerklärlichen Neigung zur Niederlage befreien. Der gute Jakob Kuhn hat das nicht geschafft."

Häme für einen großen Fußballweisen

Thomas Kistner (SZ) gönnt Otto Rehhagel die schlechte Presse und die Missgunst der Fans: "Die Pfiffe von Salzburg, die Häme der Schweden, all die Kritik, die nun über Rehhagels Aufgebot hereinbricht, haben viel mit der gestörten Wahrnehmung im Unterhaltungszirkus Profifußball zu tun. Wären die Griechen noch, was sie sind - robuste Außenseiter halt, als die sie anno 2004 in die EM starteten -, hätte es jetzt joviales Schulterklopfen gegeben: War ganz okay, ihr habt getan, was ihr konntet. Doch Rehhagels getreue Fußsoldaten sind Europameister, er selbst ist sogar: Rehhakles. Ein großer Fußballweiser, dessen homerisches Gelächter durch die Zeitungsspalten hallt, etwa, wenn er an all die ahnungslosen jungen Kollegen denkt, die heute mit Laptops und Kompetenzteams hantieren. Deshalb ist nun auch die Selbsterfüllung des Rehhakles zu besichtigen. Wer so leidenschaftlich und mit schon legendärer Selbstgewissheit den Branchenphilosophen gibt, um dann bei einer EM-Endrunde etwas spielen zu lassen, das aus einem Fußball-Land vor unserer Zeit stammt, hat durchaus das Zeug zum tragischen Helden der Antike."

Ereignisreiches und rasantes Spiel im Kampf der Kulturen

Diese Elf ist in Schönheit gereift

Ronald Reng (Berliner Zeitung) notiert beim 4:1 gegen Russland bei den Spaniern eine Erweiterung ihres Repertoires und lässt ihren Spielmacher ein seltenes Lob ausrichten: "In ihrem schnörkellosen Spiel ist für sie als einziges Mantra der getragene Kurzpass geblieben. Aber in Innsbruck waren sie ihr eigener Gegenentwurf. Plötzlich und unerwartet spielte Spanien eiskalten Konterfußball. Nicht, dass sie ihre Schwäche ganz verbergen konnten: Ohne Ball sind sie nichts; sie litten gegen die druckvoll vorstoßenden Russen. Aber dieses Manko verblasste für einen Abend angesichts der neuen Konterstärke. Spanien entdeckte seine zweite Dimension. Variabel spielen ist der Modeausdruck des Moments. Der Augenblick gehört ihnen. Diese Elf ist in Schönheit gereift. (…) Gegen Russland spielte Xavi 68 Pässe, 30 mehr als jeder andere auf dem Feld, 86 Prozent erreichten ihr Ziel. ‚Xavi', sagte Außenverteidiger Capdevila, ‚spielte wie eine Puffmutter.' Das ist in Spanien ein seltsamer Ausdruck absoluter Wertschätzung."

Risiko mit Dividende

Roland Zorn (FAZ) zieht eine fröhliche Zwischenbilanz: "Mannschaften, die von sich selbst und ihrem Spiel überzeugt sind, die ihre Art des Fußballs spielerisch durchsetzen können, will das Publikum sehen. Nicht mehr goutiert werden dagegen Ladenhüterstrategien wie die der Griechen, die mit zerstörerischem Drang ins Turnier starteten und von den Schweden dafür bestraft wurden. Mit einer auf den Fußball der anderen fixierten Verweigerungshaltung zum Ziel zu kommen, das will kein Mensch mehr haben. Auch der französische Kalkulationsfußball, ein Positions- und Geduldsspiel ohne jede Extraleidenschaft, kam bisher nicht gut an. Der Trend ist positiv, der Fußball der Besten offensiv - das ist der wichtigste Zwischenstand bei dieser Europameisterschaft, deren Ertrag auch auf die Klubs abfärben wird. Wenn sich das Risiko wieder lohnt und Spielfreude Dividende abwirft, steigt das Interesse der Kundschaft. Bliebe es so bis zum Ende, wäre für die Liebhaber dieses Spiels viel gewonnen."

Die gelehrigste Generation in der DFB-Geschichte

Christof Kneer (SZ) gefällt der Eifer der deutschen Fußballer: "Man hat noch nie so gut begriffen wie in diesen ersten Turniertagen, wie gut sich der Fußball der DFB-Elf über ihre Rhetorik verstehen lässt. Man kann das nicht mehr trennen, denn es ist ja nicht mehr zu überhören, wie aufmerksam, fast wortgetreu die jungen Spieler die Vorgaben des Trainerstabs nachsprechen - und auf dem Platz nachspielen. Erst jetzt, da man die Spieler täglich hört, fällt auf, wie gut dieser Trainer und diese Mannschaft zueinander passen - bei dieser Spielergeneration muss Löw nicht fürchten, wegen seiner eher klein geratenen Spielerkarriere von irgendwelchen Führungsspielern schräg angeschaut zu werden. Er unterrichtet die erste Nationalspieler-Generation, die zu großen Teilen in Fußballinternaten ausgebildet wurde; es ist eine Generation, die sich mit Leistungsdiagnostik und Verletzungsprophylaxe auskennt und für die Ernährungspläne so selbstverständlich sind wie die Tatsache, dass sie manchmal Laufwegen folgen, die ein Computer errechnet hat. Danach richtet sich Löws Ansatz: Er gibt den jungen Spielern klare Vorgaben, und wenn die jungen Spieler merken, dass sie besser werden und Spiele gewinnen, können sie die nächsten Lernziele kaum erwarten. Es ist die gelehrigste Generation in der DFB-Turniergeschichte. (…) Wie weit sich der Lehrer Löw und sein kickendes Klassenzimmer in diesem Turnier noch nach oben lernen werden, ist ungewiss, aber gewiss ist, dass sie zumindest gut vorbereitet sein werden."


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker