Merkel und der Fußball Mutti passt auf Jogi auf


Die Kanzlerin fiebert mit. Und wie! Während der WM 2006 musste sie noch viel Spott für ihre Auftritte ertragen, doch mittlerweile gehört sie zu den großen Spielen der DFB-Elf dazu wie die Nationalhymne und das Halbzeitbier. Die erste Kanzlerin der Geschichte ist auch eine Fußballkanzlerin geworden.
Von Sebastian Christ

Um es gleich vorweg zu sagen: Natürlich ist Fußball auch Showgeschäft. Und eine Kanzlerin, die Fußball in aller Öffentlichkeit schaut, macht sich zum Teil des Geschäfts. Angela Merkel spielt in diesen Tagen eine Rolle. Aber das macht sie nicht schlecht.

Sie reckt ihre Fäustchen in die Höhe, wenn die DFB-Elf unverhofft trifft. Sie ärgert sich, wenn etwas schief läuft. Und sie schäkert mit Bastian Schweinsteiger, den sie schon bei der Weltmeisterschaft 2006 beobachtet hat. Schweini ist von Angie mittlerweile ganz angetan. "Sie hat Ahnung vom Fußball und ist völlig normal", ließ er wissen. Nach der Vorrunde ergänzte er: "Sie hat mir gesagt, dass ich nicht wieder so eine Dummheit tun soll wie die rote Karte gegen Kroatien. Und sie hat gesagt, ich soll wieder so spielen wie damals bei der WM. Wenn die Frau Bundeskanzler etwas sagt, dann muss man das auch tun." Auch Bundestrainer Joachim Löw gehört zu Merkels Anspielstationen. Als er bei der Begegnung gegen Österreich des Feldes verwiesen wurde, spendete Merkel ihm auf der Ehrentribüne ein paar anerkennende Worte.

Konstante auf der Ehrentribüne

Bei großen Spielen sind die Bilder der mitfiebernden Kanzlerin kaum noch wegzudenken. Vor zwei Jahren, bei der WM in Deutschland, lösten Aufnahmen der engagierten Frau Merkel noch spöttische Heiterkeit aus. Mittlerweile mischen sich auf den Public-Viewing-Anlagen des Landes aber auch anerkennende Töne unter die Lacher: Die Kanzlerin leidet mit. Und wie!

Angela Merkel, in Politkreisen auch "Mutti" genannt, ist so zur ständigen optischen Begleiterin der neuen deutschen Fußballära geworden - eine Konstante auf der Ehrentribüne, sie ist dabei. Egal, ob es gut läuft oder nicht. Merkel wirkt dabei authentisch in ihren Gefühlen, auch wenn es manchmal kurios aussehen mag. Genau das unterscheidet sie von vielen ihrer männlichen Vorgänger im Politzirkus.

Das Tandem von Politik und Fußball hat eine lange Tradition. Und oft bewegen sich die politischen Protagonisten dabei auf einem schmalen Grat zwischen Passion und Peinlichkeit. Einerseits ist es nicht unwahrscheinlich, dass es unter den Spitzenpolitikern auch ehrliche, lebenslange Fußballfans gibt. Andererseits ist eben auch die Versuchung für jeden Machtmenschen groß, ein wenig Abglanz vom Volkssport Nummer eins abzubekommen.

Fußballmuffel Adenauer

Die große Ausnahme stellte da noch der bekennende Fußballmuffel Konrad Adenauer dar. Abseits war für ihn höchstens Kurt Schumacher, ansonsten beschäftigte er sich in seiner Freizeit lieber mit Gartenarbeit.

Sein politischer Enkel Helmut Kohl dagegen besuchte die deutsche Nationalmannschaft bei der WM 1986 in der Kabine. Und bis heute unvergessenen ist die Szene, als der pfälzer Gemütsmensch in der Vorbereitung zur WM 1990 einen Elfmeter auf das Trainingstor von Kölns Nationaltorwart Bodo Illgner schießen sollte: Kohl mit Schwung und Picke, der Ball mit Drall und ohne ein rechtes Ziel. Bodo Illgner musste wie eine schlecht geölte Bahnschranke fallen, damit auch der Kanzler mal gegen des Kaisers Torhüter einnetzen konnte.

SPD-Kanzler Gerhard Schröder suchte den Mythos des sozial mobilen Arbeiterjungens dadurch farbig zu illustrieren, dass er gerne von seiner Zeit als Stürmer beim TuS Talle erzählte. Fußball war Teil seiner machohaften Selbstinszenierung. Und genau das hat man auch gemerkt. Seine Schusshaltung ähnelte übrigens der von Helmut Kohl.

Bei Angela Merkel dagegen hört man keine Fachsimpeleien, wenn sie über Fußball spricht. Sie gibt offen zu, wenig von diesem Sport zu verstehen: So entgeht sie dem Vorwurf der Anbiederung. Und trotzdem fiebert sie im Stadion mit. Ihr Blick auf das Spiel ist nicht der des abgeklärten Kenners, sie lässt sich von der Begeisterung mitreißen. Genau das verbindet sie mit vielen Millionen Frauen auf den Fanmeilen und in den Wohnzimmern der Republik. Klar, es ist unwahrscheinlich, dass sie den Unterschied zwischen Doppelsechs und Raute erklären kann. Und dass nicht jeder Fußballfan der Fußballkanzlerin wegen auch gleich CDU wählt, versteht sich zum Glück von selbst. Aber spielt das denn überhaupt eine Rolle?


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