Nationalmannschaft Warum es wieder rumpelt


Wie stark ist die deutsche Fußballnationalmannschaft? Nach dem wenig erbaulichen Sieg gegen Österreich überwiegt die Skepsis, ob das Team von Joachim Löw im Viertelfinale gegen die starken Portugiesen bestehen kann. stern.de beantwortet die fünf wichtigsten Fragen.
Von Volker Königkrämer

Die Anspannung ist der Erleichterung gewichen. Das Tor von Michael Ballack könnte zu einem ähnlich emotionalen Urknall werden wie das späte 1:0 gegen Polen bei der WM 2006. Die Art und Weise aber, wie der Sieg gegen Österreich zustande kam, lässt die deutschen Zuschauer schon wieder von Rumpelfußball sprechen – und ein chancenloses Aus im Viertelfinale gegen Portugal fürchten. Das sind die Fragen, die sich die Fans derzeit stellen.

1. Was ist nur mit Mario Gomez los?

Er wirkte so entschlossen, sang erstmals sogar die Hymne aus voller Brust mit. Und dann das: Die mustergültige Vorarbeit von Miroslav Klose hätte Gomez in der 5. Minute nur noch über die Linie drücken müssen. Stattdessen sprang ihm der Ball an den Knöchel, zum anschließenden Kopfball ging er so mutlos und unentschlossen, wie seine Leistung im bisherigen Turnierverlauf war.

Vor der EM galt Gomez als der beste deutsche Stürmer, wurde als Hoffnungsträger gehandelt. Den zwei schwachen Auftritten gegen Polen und Kroatien folgte jetzt der Totalabsturz. Ständig gibt es neue Spekulationen über einen möglichen Wechsel nach München – gut möglich, dass den jungen Torjäger, für den die Tage in Österreich und der Schweiz das erste große Turnier sind, solche Gerüchte belasten. Respekt vor Joachim Löw, dass er seinem Spieler so lange das Vertrauen geschenkt hat; für das Viertelfinale wird er ihn aber wohl aus der Schusslinie nehmen müssen, um ihn zu schützen. Das einzige, das Gomez helfen würde, wäre ein Tor – aber derzeit kann es sich die Mannschaft nicht leisten, einen so verunsicherten Stürmer mitzuschleppen.

2. Warum wirkt das deutsche Spiel so statisch wie unter Völler und Ribbeck?

In allen drei Vorrunden-Partien hat es zu viele Phasen gegeben, in denen die deutsche Elf nicht, wie von Löw gefordert, mit schnellen, vertikalen Pässen in die gegnerische Hälfte vorgedrungen ist. Stattdessen erinnerten Querpässe und planlose, weite Schläge an längst überwunden geglaubte Tage.

Das hat allerdings auch viel mit den Gegnern zu tun: Trainer wie Beenhakker, Bilic und Hickersberger haben ihre Hausaufgaben gemacht. Nach den teilweise glorreichen Tagen der WM 2006 weiß man längst, wie Löws Mannschaft am liebsten agiert. Die Laufwege im Mittelfeld werden zugestellt, die Gegner lassen sich nicht mehr so leicht aus dem Abwehrzentrum locken, so fehlen die Räume, in die die Stürmer hineinstoßen können.

Zugleich bilden mit Michael Ballack und Torsten Frings zwei Spieler den Mittelblock, die jede Menge Vorzüge haben, aber nicht über den schnellen ersten Schritt verfügen. Die fließenden Kombinationen über die Flügel könnten indes bald schon wieder zu sehen sein, wenn das Timing wieder stimmt. Bislang zögern die Spieler aus Unsicherheit zu lange, ob sie laufen, ob sie passen sollen, und jedes Zögern zerstört den Spielfluss.

3. Warum läuft die Mannschaft ihren Ansprüchen hinterher?

Selbst der Kaiser ist ratlos: "Die deutschen Nationalspieler spielen momentan nicht befreit, sie spielen gehemmt. Wie man da raus kommt, ich weiß es nicht", analysierte Franz Beckenbauer nach dem Spiel gegen Österreich.

In den Tagen von Mallorca und Tenero drängte sich der Eindruck auf, das Unternehmen "Bergtour 08" sei in etwa so harmlos wie ein Sonntagsausflug auf den Kahlen Asten im Sauerland. Viel Harmonie, viel gute Laune, das Vertrauen auf die US-Fitness-Gurus. Alles gut, alles richtig, weil es 2006 ja auch so schön geklappt hatte.

Doch Klagenfurt war nicht Dortmund 2006. Nach dem halbwegs überzeugenden Sieg gegen Polen war die Mannschaft, so hatte man den Eindruck, völlig überrascht, dass sich in den Kroaten ein Spielverderber in den Weg stellte, den man nicht so einfach weglächeln und wegdribbeln konnte wie beim Basketball auf Mallorca. Für diesen Moment hatte das Team von Joachim Löw nicht wirklich einen Plan B im Gepäck. Es fehlte die gewisse Portion Wettkampfhärte, diese Leidenschaft, die Löws Team ja durchaus besitzt.

Gegen Österreich wiederum war dann die Erwartung so groß, die Angst vor einem nationalen Debakel so gewaltig, dass das Team zwangsläufig keinen Hurra-Fußball praktizieren konnte.

Hierin liegt genau die Chance des Viertelfinales: Das Team hat inzwischen ein Minimalziel erreicht, geht gegen die Portugiesen aus einer psychologisch ganz anderen Situation ins Rennen. Statt vom Titel wird nur noch über das Ausscheiden spekuliert – und vielleicht ist das die Situation, in der die Mannschaft endlich wachsen kann und doch noch das Versprechen einlöst, das sie den Fans 2006 und in der EM-Qualifikation gegeben hat.

Womöglich fühlen sich die Spieler nun von einer großen Last befreit, denn aus dem Favoriten ist ein Underdog geworden. Den Portugiesen dürfte das gar nicht gefallen.

4. Warum wirkt das Team körperlich nicht in allerbester Verfassung?

In den Tagen des Trainingslagers wurde der Eindruck vermittelt, die Deutschen seien fit wie nie. Dass das ein Irrglaube sein musste, konnte sich jeder, der die Bundesliga verfolgt hatte, an fünf Fingern abzählen: Torsten Frings war einen Großteil der Saison außer Gefecht gesetzt, Christoph Metzelder sowieso. Tim Borowski und Arne Friedrich plagten sich in den Tagen von Mallorca mit Virus-Infektionen herum, versäumten einen Teil der Einheiten. Jens Lehmann war zwar gesund, hatte aber in London keine Wettkampfpraxis.

Problemfälle genug. Dazu kam die im Vergleich zur WM 2006 um einige Tage verkürzte Vorbereitung. Sicher keine optimalen Bedingungen. Ein Vergleich macht deutlich: Viele Spieler legen während eines Spiels gerade mal zehn Kilometer und weniger zurück. Nur Michael Ballack sticht mit seiner Laufleistung heraus. Die Top-Werte des Turniers liegen bei 13 Kilometer. Da ist im Viertelfinale bei einigen Spieler noch Luft nach oben.

5. Ist Joachim Löw noch der richtige Trainer?

Gegen Kroatien erlebten die Fans erstmals einen Coach, der sich und seiner fußballerischen Linie nicht so ganz treu geblieben ist. Der Wechsel von David Odonkor zur Pause war der Versuch, das Glück zu zwingen, indem man die Vergangenheit einwechselt. Das dies nach hinten losging, hat Joachim Löw später ehrlicherweise selbst so eingeschätzt.

Auch mit seiner Kaderzusammenstellung (Odonkor, Trochowski) lieferte er seinen Kritikern ein bisschen zu viel Munition. Und der ritualisierte Verweis auf die neuen deutschen Stärken, auf Passspiel und Tempofußball, mit dem das Team die Gegner permanent unter Druck setzen wolle, nahm sich nach dem Realitäts-Check gegen Kroatien eher wie das Pfeifen im dunklen Wald aus.

Wie sehr Löw selbst unter Druck stand, zeigte sich im Österreich-Spiel durch seine Hinausstellung auf die Tribüne – auch wenn die Schiedsrichter sein Vergehen sehr kleinlich bewertet haben.

Sicherlich hat Löw bislang bei dem Turnier an der ein oder anderen Stelle unglücklich agiert. Aber jetzt das gesamte System infrage zu stellen, wirkt trotz der Leistungen, die deutlich hinter den Erwartungen zurückgeblieben sind, wie purer Aktionismus. Niemand will allen Ernstes dem Hochgeschwindigkeitsfußball, wie er bei diesem Turnier zelebriert wird, mit so etwas wie den deutschen Tugenden kommen. Das sieht auch Theo Zwanziger so, der Löw einen Vertrauensvorschuss bis 2010 gegeben hat – und so die "vorauseilende Debatte" ("Süddeutsche Zeitung") um dessen Ablösung erst befeuerte.

Die Kritik, die jetzt über Löw und seine Spieler hereinbricht, hat auch etwas mit der veränderten Erwartungshaltung an diese Mannschaft zu tun. In den Köpfen vieler Fans war das Team nach dem Sommermärchen 2006 schon so gut wie Europameister. Aber Märchen wiederholen sich nicht, das kann eine Lehre aus der Vorrunde sein.


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