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Deutschland - Türkei: "Wir waren besser als Deutschland"

Stolze Verlierer und nachdenkliche Gewinner: Nach dem unglücklichen Aus der Türken im Halbfinale war Nationaltrainer Fatih Terim voll des Lobes für sein Team und kündigte gleich seinen Rücktritt an. Die Deutschen dagegen wussten, dass sie ein ziemlich unansehnliches Spiel abgeliefert hatten.

Von Oliver Trust, Basel

Als sich die deutschen Sieger in betont zurückhaltender Stimmung durch die Interviewzone des St. Jakob Parks in Basel schoben, hörte man aus kleinen Lautsprechern der Fernsehschirme, wie Fatih Terim seinen Rücktritt als türkischer Nationaltrainer verkündete. "Wir waren besser als Deutschland, es war ein wichtiger Schritt für die Türkei. Aber ich werde nach Europa gehen, dies ist mein Ende als türkischer Nationaltrainer", sagte der 54 Jahre alte Terim nach der 2:3-Halbfinal-Niederlage der Türken gegen Deutschland. "Wir haben den spektakulärsten Fußball der EM gespielt, aber ich werde jetzt mit dem Verband sprechen und ihnen das mitteilen."

Ob der Taktiker Terim tatsächlich geht -vor zwei Tagen hatte er schon Angebote aus England und Spanien angedeutet, ohne Namen zu nennen - scheint nicht wirklich sicher. Vielleicht will Terim noch einmal von der ganzen Nation gebeten werden doch zu bleiben. "Für die Türkei muss es normal werden, dass sie bei allen großen Turnieren dabei ist", sagte Terim, der bereits zwei nicht sonderlich erfolgreiche Stationen im Ausland beim AC Florenz und dem AC Mailand hinter sich hat. "Wir müssen konstanter werden. 2010 bei der WM müssen wir dabei sein".

Gedämpfte Freude bei den Deutschen

Den deutschen Gewinnern schienen die schwankenden türkischen Stimmungen in dieser Nacht ziemlich egal. Erschöpft und einigermaßen nachdenklich freute man sich auf den Tag danach, der im Trainingslager in Tennero "mit Frauen, Freundinnen und Kindern" (Bastian Schweinsteiger) verbracht werden soll. Ansonsten herrschte gedämpfte Freude, die schließlich die Verbandsspitze um DFB-Präsident Theo Zwanziger ergriff: "Die Kür muss am Sonntag im Finale kommen. Die Mannschaft hat nicht die richtige Einstellung gefunden. Und dann gewinnst du so ein Ding auch noch".

In der Kabine hatte "Vergnügungswart" Lukas Podolski "einige kölsche Lieder aufgelegt, die aber die meisten nicht verstanden haben" und Simon Rolfes (zur Pause wegen einer Platzwunde ausgewechselt) berichtete, es sei gesungen worden: "Das ganze Repertoire" habe man durchgemacht. Rolfes' dicke linke Augenbraue passte irgendwie zum deutschen Auftritt, man war mit einem "blauen Auge" davon gekommen. "Wille und Überzeugung haben den Ausschlag gegeben. Es war ein schwieriges Spiel, weil wir die Türken nicht so unter Druck setzen konnten wie wir wollten. Wir konnten sie nicht zu langen Bällen zwingen", sagte Schweinsteiger, der Schütze zum 1:1. "Vielleicht müssen wir vor dem Finale an das Spiel gegen Portugal denken und die Leistung wieder abrufen". Sein Tor sei weitaus schwieriger zu erzielen gewesen als das gegen Portugal: "Den konnte ich nur mit dem Außenrist nehmen."

Lahm: Das wichtigste Tor meiner Karriere

Es dauerte in der Nacht des glücklichen Sieges eine ganze Weile, bis "Matchwinner" Philipp Lahm aufkreutzte. Der Schütze des entscheidenden 3:2 (90.) trug die Trophäe des "Man of the Match" bei sich und wunderte sich: "Ich habe da bessere gesehen. Aber es war definitiv das wichtigste Tor meiner Karriere. Wir haben es versäumt, aggressiv nach vorne zu spielen", meinte der Münchner. "Ich weiß, dass ich beim 2:2 beteiligt war, und das nicht fallen darf. Ich bin froh, dass ich der Mannschaft bald danach so helfen konnte. Jetzt wollen wir Europameister werden".

Eher fatalistisch betrachtete auch Lukas Podolski den mühevollen Sieg. "Im Halbfinale geht es darum, zu gewinnen. Das haben wir getan, jetzt wollen wir auch das Finale gewinnen. Dass wir das Finale erreichen, haben uns nicht viele zugetraut", sagte der Münchner und berichtete vom Trikottausch mit seinem Vereinskameraden Hamit Altintop, der zum überragenden Spieler der Türken wurde. "Er hat mir gratuliert. Es ist einer der größten Erfolge meiner Karriere".

Was nach einem Halbfinale zähle, sei nur "der Einzug ins Finale. Das war unser Ziel. Wir waren vor dem Tor eiskalt, auch wenn die Gesamtleistung nicht so gut war. Jetzt müssen wir nur noch ein Spiel gewinnen", so Torsten Frings, der in der Pause für den am Auge verletzten Simon Rolfes kam, "obwohl ich nur im Notfall spielen sollte" (Frings). Der Kämpfer aus Bremen kam genau zum richtigen Zeitpunkt. Im Mittelfeld fehlte nicht nur die ordnende Hand, es fehlte auch an Einsatzwillen und Gegenwehr.

Ballack: Das war kein großer Fußball

Ohne die große Euphorie trat auch Kapitän Michael Ballack den Rückflug ins Tessin an: "Wir freuen uns natürlich riesig. Wir haben viel Kraft gelassen, es war ein harter Kampf. Das war kein großer Fußball, das konnte man auch nicht erwarten. Es war ein unbequemer Gegner. Zum Schluss hat die Mannschaft enorme Moral gezeigt und das Tor gemacht. Die Türken hatten nichts zu verlieren, das hat man gemerkt. Wir hatten ein wenig müde Beine, vielleicht war die Pause zu lang. Wir sind im Finale, das ist das einzige, was zählt. Die Chance ist jetzt riesig."

Und Miroslav Klose, Schütze des 2:1, bei dem ihn der türkische Torwart Recber Rüstü tatkräftig unterstützte, richtete gar eine Art Dringlichkeits-Appell an die eigene Mannschaft: "Ich wusste, dass es nach meinem 2:1 noch einmal eng werden würde. Es gab bei uns viele Defizite. Wir haben drei Meter vom Mann weg gestanden, Pressen und Forchecking haben nicht stattgefunden. Wir sind auf dem Gipfel, ob wir jetzt auch rauf gehen, müssen wir sehen. Im Finale müssen wir eine bessere Leistung bringen". Am Sonntag gibt es Gelegenheit, das heraus zu finden.

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