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Spanische Nationalelf: "Nein, Titelfavorit sind sie nicht"

Die spanische Seleccion zählt bei jedem großen Turnier zu den Titelanwärtern - und scheitert jedesmal kläglich. Auch diesmal ist das Team der Iberer wieder hochkarätig besetzt. Aber wird das an der negativen Bilanz etwas ändern? Nein!

Von Martin Sonnleitner

Die spanische Fußball-Nationalmannschaft zählt obligatorisch zu den Favoriten eines großen Turniers, um kurz darauf als sterbender Schwan zu versinken. In der aktuellen Fifa-Weltrangliste wird Spanien auf Rang vier geführt, hinter Italien als bestes europäisches Team. Doch glauben die wenigsten an einen Titelgewinn der Iberer. Auch wenn das Team von Nationaltrainer Luis Aragones seit 16 Spielen unbesiegt (14 Siege, zwei Remis) ist.

Auf die Frage, warum Spanien, das heute zum ersten Gruppenspiel gegen Russland antritt (ab 18:00 Uhr im Liveticker von stern.de), auch diesmal kein wirklicher Titelfavorit sei, antwortet Spanien-Kenner Uli Stielike, der von 1977 bis 1985 seine Fußballschuhe für Real Madrid schnürte, stern.de: "Es liegt schlicht dran, dass sie auch in der Vergangenheit keine internationalen Erfolge vorzuweisen haben." Rühmliche Ausnahme: Spanien gewann 1964, vor 44 Jahren also, den EM-Titel.

Scheitern nach dem gleichen Muster

Danach immer das gleiche Muster. Nach einer furiosen Qualifikation scheitert "La Furia Roja" (die rote Furie) meist im Viertelfinale. "Diesmal schaffen sie es ins Halbfinale", glaubt Stielike, "mehr aber nicht." Der Europameister von 1980 weiter: "Es liegt an der starken spanischen Liga, in der die wichtigen Positionen von Ausländern besetzt sind." Stielikes These wird gestützt von der Tatsache, dass außer dem Ausnahmekeeper Iker Casillas nur Abwehrhaudegen Sergio Ramos es vom Rekordmeister Real Madrid in die Seleccion geschafft hat.

Immerhin gibt es eine kleine Achse des großen FC Barcelona, mit Abwehrchef Carles Puyol, Xavi und Andres Iniesta als Mittelfeldsstrategen. Doch Erfolg und Glanz der beiden Spitzenklubs Barca und Real, die eher Weltauswahlmannschaften gleichen, ist zugleich ein Dilemma der spanischen Nationalmannschaft, die traditionell im Schatten des Vereinsfußballs steht. Das geht so weit, dass Länderspiele als störende Unterbrechung des so heiligen Ligabetriebes empfunden werden.

Torres und Fabregas sind Exportschlager

Paradoxerweise reüssieren die Stars der Spanier in der stärksten Liga der Welt, der englischen Premier League, und gelten dort als Exportschlager. Zu nennen wären Sturmspitze Fernando Torres, der für den FC Liverpool in der abgelaufenen Spielzeit 24 Tore erzielte, und Cesc Fabregas, 21-jähriger Mittelfeldvirtuose in Diensten von Arsenal London. Beiden trauen Experten zu, die ganz großen EM-Stars zu werden. Doch während Fabregas nach hartnäckigen Lendenproblemen wohl nur von der Bank kommt, wird Torres Durchbruch von den Denkern und Lenkern im spanischen Mittelfeld abhängen.

Mit Iniesta, der in den vergangenen drei Jahren im Schatten von Ronaldinho und Deco zum Barca-Leader gereift ist, Xavi, Fabregas und Silva verfügen die Iberer wohl über die spielstärkste Zentralachse aller EM-Teams. Sie praktizieren schönen, schnellen, ideen- und facettenreichen Angriffsfußball und müssen dennoch fürchten, auch diesmal wieder als sterbender Schwan zu enden.

Superstar Raul fiel dem System zum Opfer

"Es sind jede Menge Zubringer, ob sie in der Lage sind, auch in Drucksituationen Verantwortung zu übernehmen, wird sich zeigen", ist auch Stielike skeptisch. Dem von Aragones geprägten Modell, das Kollektiv über den Einzelnen zu stellen, fiel zu Beginn der holprig startenden, doch letztlich erfolgreichen EM-Qualifikation sogar Starspieler und Real-Legende Raul zum Opfer.

Werden die Spanier diesmal das Zeug haben, den Bann des zu frühen Ausscheidens zu brechen? Stielike legt sich fest: "Nein, Titelfavorit sind sie nicht."

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