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EM 2012: EM-Historie - Erich Ribbecks Amtszeit als Nationaltrainer

Die kurze Amtszeit von Erich Ribbeck als Nationaltrainer ist ein Kapitel im Buch der Geschichte der DFB-Auswahl, das man auch gut im Dunkeln lesen kann.

Die Europameisterschaft von 2000 in Belgien und den Niederlanden stand aus deutscher Sicht unter keinen guten Stern, was jetzt keine Anspielung auf den Generalsponsor seit 1990 sein soll.

Die durchaus nicht erfolglose Ära Berti Vogts hatte gerade ein mehr oder weniger glanzloses Ende genommen. Nach dem Viertelfinalaus bei der WM in Frankreich hatte Vogts, der nie ein Liebling der Medien war, ohnehin schon einen schweren Stand. Nach schwachen Testspielen gegen Malta und Rumänien erklärte Vogts schließlich seinen Rücktritt (September 1998).

Beckenbauer, Vogts, ???

Im Abgang zeigte er Größe. Sein Vorgänger Franz Beckenbauer hatte den Rucksack, den Vogts während seiner Amtszeit zu tragen hatte, mit den Worten "Es tut mir Leid für den Rest der Welt, aber diese Mannschaft wird auf Jahre hinaus nicht zu schlagen sein“, zumal jetzt auch noch die ostdeutschen Spieler dazukämen - politisch interessierte Leser werden wissen, worauf der Kaiser damit anspielte - noch ordentlich vollgepackt.

Weise Worte, gelassen ausgesprochen, wie wir inzwischen wissen. In breiten Teilen der Öffentlichkeit und der Medien wurden diese, in der Euphorie des Titelgewinn bei der WM in Italien gesagt, für bare Münze genommen wurden, dem Nachfolger der Lichtgestalt aus Bayern aber eine nicht zu stemmende Hypothek aufbürdete, an der er am Ende schließlich mit scheiterte.

Es setzte eine fieberhafte Suche nach einem Nachfolger ein, zumal der Beginn der Qualifikation unmittelbar bevorstand. Dabei gebärdete sich der DFB nicht immer ganz professionell. Jogi Löw war just in die Türkei gewechselt und hatte Fenerbahce Istanbul übernommen, Jürgen Klinsmann eben erst seine Karriere beendet. Dass die beiden sechs Jahre später beginnen sollten, die Geschicke der DFB-Auswahl zu leiten, daran war noch nicht einmal im Ansatz zu denken.

Breitner für eine Nacht

Quasi für eine Nacht wurde Paul Breitner als Teamchef gehandelt, eine Einigung mit DFB-Chef Egidius Braun soll bereits erzielt gewesen sein, als der kurz darauf zurückruderte und angesichts revolutionärer Ideen Breitners sich dahingehend äußerte, er könne nicht einen Mann zum Bundestrainer machen, der ihn anschließend überflüssig machen wolle.

Zur allgemeinen Überraschung wurde es am Ende Erich Ribbeck, der den Karren endgültig in den Dreck fahren durfte - in der kürzesten Amtszeit, die ein Bundestrainer je hatte. Die Europameisterschaft 2000 wurde zum schwächsten Turnier einer DFB-Auswahl aller Zeiten, die Gruppenspiele waren ein spielerischer Offenbarungseid, Mannschaft und Trainer lebten in zwei unterschiedlichen Welten, der Trainer erreichte die Nationalmannschaft nicht, und die schien gegen den Trainer zu spielen.

Famous last words

Dabei hatte Ribbeck nach dem Auftakt-Remis gegen Rumänien doch ganz klar erklärt "Mit mir kann man reden“. Nur hörte sich das im Ribbeckschen Duktus so an: „"Ich kann es mir als Verantwortlicher für die Mannschaft nicht erlauben, die Dinge subjektiv zu sehen. Grundsätzlich werde ich versuchen zu erkennen, ob die subjektiv geäußerten Meinungen subjektiv sind oder objektiv sind. Wenn sie subjektiv sind, werde ich an meiner objektiven Linie festhalten. Wenn sie objektiv sind, werde ich überlegen und vielleicht die objektiven subjektiv geäußerten Meinungen der Spieler mit in meine objektiven einfließen lassen." Mit ihm kann man reden? Ja. Aber ihn verstehen? Spieler, die in anderen Zeiten mit den Worten "Geht’s raus und spielt’s Fußball“ auf den Platz geschickt wurden? Kurzum, klare Botschaften waren nicht seins: Ribbeck war ein Missverständnis.

Olaf Edig 

sportal.de / sportal

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