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ARD/ZDF contra Uefa Der große Zoff um ein paar Sekunden Löw


ARD und ZDF sind sauer, weil die Uefa eine ältere Aufnahme des Bundestrainers mit einem Balljungen als "live" senden ließ. Der Fußballverband spielt den Ball jetzt an die Sender zurück.
Von Katharina Miklis

Dunkle Wolken ziehen am Strand von Usedom auf. Eben noch "Fernsehgarten"-Atmosphäre am Ostseestrand, jetzt trübt ein Medienskandal die Stimmung am ZDF-Fußballstrand: Nicht nur 27 Millionen Zuschauer sind beim Spiel Deutschland gegen Niederlande reingelegt worden, auch das ZDF fiel auf die Uefa-Bilder rein, die Jogi Löw in Charkow am Spielfeldrand mit dem Balljungen scherzend zeigten - und hielten sie für live gesendet. Jedoch: Sie waren vorher aufgezeichnet und ohne Kennzeichnung in die Direktübertragung eingebaut worden, wie stern.de hatte.

Hinter den Kulissen des ZDF brodelt es. Offiziell bestätigt ZDF-Sportchef Dieter Gruschwitz stern.de auf Nachfrage, dass der Sender nicht über die Herkunft der Aufnahmen Bescheid gewusst habe und auch nicht von der Uefa darüber informiert worden sei. "Es betraf nicht nur uns, sondern alle Fernsehanstalten, die dabei waren", so Gruschwitz. Eine Möglichkeit, in das sogenannte Weltbild, das eine Produktionsfirma in Warschau für die Uefa liefere, einzugreifen, gebe es für ARD und ZDF nicht. Gruschwitz betont jedoch auch, dass diese Methoden der Uefa keine Regel seien: "Das ist vollkommen unüblich."

Die ARD lehnt jegliche Form von Zensur ab

Dagegen spricht jetzt jedoch die Aussage, die stern.de heute von der Uefa erreichte. "Es ist eine international übliche Praxis, dass bei Liveübertragungen solche Szenen (wie die von Löw, Anm. d. Red.) als Wiederholungen eingespielt werden", so ein Uefa-Sprecher. Das ZDF bleibt jedoch dabei: "Unsere Regie hatte keine Chance zu bemerken, dass das Löw-Bild aufgezeichnet und nicht live war", so ein Sprecher.

Auch bei der ARD ist man nicht begeistert von der Uefa-Methode, die die Sender in die Affäre hineinzog. Vor allem weil man eigentlich bisher bestens mit der Uefa zusammen gearbeitet habe. "Es gehört zu unseren Prinzipien, die Realität abzubilden und die journalistische Freiheit zu wahren, weshalb auch jegliche Form von Zensur nicht tragbar für uns ist", sagt Axel Balkausky, Sportkoordinator der ARD.

Der Sender vertritt den Standpunkt, dass keinerlei Veränderung der Tatsachen oder auch Aussparungen von Negativbildern bei der EM hinzunehmen seien. "Wir akzeptieren weder eine Zensur noch sonstige Manipulationen - seien es nun bewusst nicht gezeigte Bilder von Flitzern, Pyrotechnik und politisch motivierten Botschaften oder im Nachhinein eingestellte Szenen, wie bei der Aktion mit Joachim Löw und dem Balljungen", so Balkausky. Auch der Sportkoordinator kritisiert die Methode der Uefa, dass die TV-Anbieter nicht darüber informiert worden seien, dass es sich nicht um Livematerial handelte.

Uefa: Es liegt an den Sendern, welche Bilder sie senden

Die Uefa betont jedoch auf Anfrage von stern.de, dass die Sender nicht frei von Schuld seien: "Den Sendeanstalten werden zehn Feeds angeboten, die Zugriff auf Bilder von zahlreichen Kameras ermöglichen. Dadurch haben die Sendeanstalten eine große Auswahl an Bildmaterial, wobei zahlreiche Blickwinkel eines bestimmten Augenblicks abgedeckt werden. Es liegt also am Regisseur und an den Sendern, welche Bilder sie senden", heißt es aus der Schweizer Uefa-Zentrale.

Die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF bekommen die Bilder von der Europameisterschaft direkt aus dem Internationalen Sendezentrum (IBC) in Warschau zugespielt, das unter der Aufsicht der Uefa steht. In dem Hauptschaltraum am Westrand von Warschau laufen die Signale aus allen acht Stadien in Polen und der Ukraine zusammen. In der Regel werden die Übertragungen unverändert von den deutschen Sendern ausgestrahlt. Sie dürfen jedoch auch mit bis zu zehn Kameras eigene Szenen einfangen. ZDF-Sportchef Gruschwitz bestätigt, dass der Sender das Randgeschehen einschneiden dürfe, wenn er es für journalistisch notwendig erachtet, weist jedoch auch darauf hin: "Wir können nicht das Korrektiv des Weltbildes sein, dazu sind wir produktionell nicht in der Lage, letztendlich auch finanziell nicht."

"Keine redaktionellen Vorgaben"

Die Uefa sieht auch die jeweiligen Reporter in der Pflicht. "Alle TV-Kommentatoren haben die Möglichkeit, das Geschehen neben dem Spielfeld zu kommentieren", so die Stellungnahme. "Es gibt keine redaktionellen Vorgaben, sondern den Sendepartnern werden alle möglichen Mittel zur Verfügung gestellt, um auf eine hochwertige Produktion zuzugreifen, die es jedem Einzelnen von ihnen ermöglicht, seine Übertragungen den jeweiligen Bedürfnissen entsprechend anzupassen."

Inwieweit jedoch ein Kommentator wie Bela Réthy tatsächlich die Möglichkeit hat, von seinem Posten aus die Bilder, wie etwa Wiederholungen von Spielsituationen, die Warschau etwas zeitversetzt auspielt, mit dem tatsächlichen Geschehen auf dem Spielfeld zu vergleichen, ist fraglich.

Die Uefa betont, dass bei der TV-Produktion für die Regisseure der Fußball an erster Stelle stehe. Warum beispielsweise der Flitzer aus dem Kroatien-Spiel nicht gezeigt wurde, wird mit der Gefahr der Trittbrettfahrer begründet: "Um andere nicht zur Nachahmung zu animieren, wird zum Beispiel vermieden, Zuschauer zu zeigen, die unerlaubt das Spielfeld betreten." Entscheidungen wie die Einspielung der Löw-Bilder würden vom TV Match Director getroffen, "wenn es redaktionell sinnvoll erscheint". Warum Jogi Löws Balljungen-Späßchen redaktionell sinnvoll erschien, ist nicht bekannt.

Sowohl ARD als auch das ZDF bestätigen, dass sie nun intensiv das Gespräch mit den Verantwortlichen der Uefa suchen.


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