HOME

Stern Logo EM 2012

Fußball-Wettskandal: Italiens letzter Mann steht unter Druck

Der italienische Fußball kommt nicht zur Ruhe. Die Wettbetrugsermittlungen spalten die Nation und kratzen am Image des einzigen Weltstars des EM-Teams - Gianluigi Buffon.

Von Tom Mustroph

Gianluigi Buffon ist ein Gewinnertyp. Weltmeister ist er, mehrfacher Welttorhüter, immerhin Champions League-Finalist und U21-Europameister. Ein Näschen fürs erfolgreiche Wettgeschäft hat er offensichtlich auch. Ausgerechnet das Wettbüro in Parma, dem er im Jahre 2010 in 14 Tranchen insgesamt 1,5 Millionen Euro zukommen ließ, erwies sich nach Mitteilungen der Staatsanwaltschaft Turin als Eldorado für Fußballwetten. 83 Prozent der Wetten aus den letzten 14 Monaten brachten Gewinne. Der Verdacht der Manipulation liegt auf der Hand. Die Staatsanwaltschaft Turin ist mittlerweile die vierte Staatsanwaltschaft, die in Italien wegen Wettbetrugs ermittelt. Und Buffon, der stolze Hüne mit dem festen Griff, gerät immer mehr in die Bredouille.

Zwar fällt die bekannt gewordene Siegessträhne der Zocker aus Parma nicht in die Zeit der Überweisungen von Buffon. Auch haben die Anwälte des Nationalkeepers als Verteidigungslinie "private Investitionen" als Grund für den Geldtransfer genannt. Ob dies den Überprüfungen standhält, bleibt allerdings abzuwarten. Viel stärker fällt ins Gewicht, dass Buffon seit vielen Jahren schon als exzessiver Wetter bekannt ist. Eine frühere Lebenspartnerin erzählte der "Gazzetta dello Sport", dass "Gigi Nazionale" in seiner Zeit beim AC Parma "zwei Millionen Euro pro Jahr verzockt" hätte. Weil dies nur die Zeit bis 2001 umfasste, ist das zwar moralisch nicht ganz einwandfrei, aber nicht strafbar. Erst 2005 führte der italienische Fußballverband FIGC ein Wettverbot für alle seine Mitglieder ein. 2006 jedoch, kurz vor der WM in Deutschland, tauchte eine 10.000 Euro schwere Zahlung an ein Wettbüro auf, die die Ermittler Buffon zuschrieben. Die Affäre ging in dem wesentlich größeren Schiedsrichterbestechungsskandal um Juventus-Manager Luciano Moggi unter. Bei der WM war nicht einmal der ein großes Thema. "Wir haben uns aufs Spielen konzentriert und gewonnen, basta", fasste der damalige WM-Coach Marcello Lippi seine Erfahrungen zusammen. Nach der WM wurde das Verfahren gegen Buffon eingestellt. Die 10.000 Euro seien zur "Begleichung von Schulden" eingesetzt gewesen, sagten Buffons Anwälter damals.

Dieses Mal ist die Summe um den Faktor 150 erhöht. "Luxusuhren und Immobilieninvestitionen" lautet die Erklärung. Pech nur ist, dass das Finanzamt es nach Rückfrage mit den involvierten Banken für wahrscheinlich hält, dass zumindest ein Teil der transferierten Gelder direkt in Einsätze bei dem Wettanbieter Lottomatica geflossen ist. Eigentlich müsste gegen Buffon ein Disziplinarverfahren wegen des Verdachts auf unerlaubtes Wetten eröffnet werden. Geschehen ist dergleichen noch nicht.

Entweder alle oder keiner

Zweifel an Buffons EM-Würdigkeit gibt es in seinem Heimatland allerdings. Bei einer Umfrage der "Gazzetta dello Sport" plädierten 80 Prozent dafür, dass alle Spieler, die in unerlaubte Wetten und in Wettbetrügereien verwickelt sind, aus dem EM-Kader gestrichen werden sollen. Dies betraf bislang nur Domenico Criscito. Der Linksverteidiger von Zenit St. Petersburg war Ziel einer Polizeirazzia im Trainingslager der Nationalmannschaft. Er hatte sich - noch als Spieler des Serie A-Vereins CFC Genoa - mit der Teilnahme an einem Treffen zwischen einem mittlerweile inhaftierten Drogendealer, radikalen Fanvertretern des CFC Genoas und dem Lazio-Spieler Sculli wenige Tage vor Austragung des mittlerweile als verschoben geltenden Spiels Lazio gegen Genua verdächtig gemacht. Für den Cremoneser Staatsanwalt Roberto di Martino ist Criscito zwar "nur eine Randfigur", wie er stern.de sagte.

Die Fußballfunktionäre reagierten jedoch panisch und schlossen Criscito aus dem EM-Kader aus. Als "ungerecht" kritisierte Criscitos Agent Andrea D'Amico die Entscheidung. "Wenn wir den Ethik-Code der Nationalmannschaft zugrunde legen, dann müssen entweder alle ausgeschlossen werden oder alle dürfen zur EM", sagte er der ARD. Doch nur Criscito musste weichen. Neben Buffon steht weiterhin dessen Vereinskamerad von Juventus, Leonardo Bonucci im Kader. Bonucci wurde von einem früheren Mannschaftskameraden beim AS Bari der Spielmanipulation bezichtigt. Damit treffen ihn die härtesten Vorwürfe.

Team rückt näher zusammen

Im Nervenkostüm der Squadra Azzurra zeigten sich in dieser Situation erste Risse. Im Freundschaftsspiel gegen Russland irrte der sonst stellungssichere Bonucci hilflos durch den Strafraum. Buffon musste wegen einer Schulterverletzung, die sich später als nicht ernsthaft herausstellte, aus dem Tor. 0:3 verloren die Italiener.

Doch diese Niederlage und die öffentlichen Erregungen scheinen einen ähnlichen Effekt auszulösen wie 2006 der Moggi-Skandal. Die Truppe rückt zueinander. Trainer Cesare Prandelli zog seine zuvor geäußerten Rückzugsambitionen zurück. "Wir haben gut gearbeitet. Wir werden spielen und zeigen, was wir können", sagte er italienischen Medien. Die ignorieren den Wettskandal inzwischen größtenteils und diskutieren lieber die Fragen: Dreier- oder Viererkette? Und: Balotelli im Sturm oder doch Di Natale mit Jokerrrolle?. Premierminister Mario Monti hat sich nach dem empörten Gegenwind, den sein Vorschlag zum Aussetzen des gesamten Fußballs ausgelöst hatte, wieder dem Regieren zugewandt. Und Staatspräsident Giorgio Napolitano kommt definitiv zum ersten Spiel gegen Weltmeister Spanien in Danzig.

Könnte sein, dass Altmeister Marcello Lippi doch noch recht behält. "Wenn der Ball erst rollt, dann reden alle nur noch über Fußball", lautet seine Prognose. Alles wie immer also?

Wissenscommunity