HOME

EM 2016: Deutschland beendet Italien-Fluch und steht im Halbfinale

Deutschland steht im Halbfinale der EM. Die DFB-Elf hat Angstgegner Italien in einem spannenden Spiel mit einem noch spannenderen Elfmeterschießen geschlagen. Manuel Neuer war spielentscheidend.

Jonas Hector verwandelte den entscheidenden Elfmeter gegen Italien

Jonas Hector verwandelte den entscheidenden Elfmeter gegen Italien

Endlich! Der Italien-Fluch ist nach einem Elfmeter-Drama Geschichte. Dank Manuel Neuer hat die deutsche Fußball-Nationalmannschaft im neunten Anlauf den ersten Turniersieg gegen den Angstgegner Italien und damit den Einzug ins Halbfinale geschafft. Der Keeper war beim 6:5 im Elfmeterschießen der Held in einem zähen Abnutzungskampf am Samstag in Bordeaux. Der Welttorhüter hielt zwei Elfmeter, ehe Jonas Hector im 18. Schuss den Sieg sicherstellte. Nach 120 Minuten hatte es 1:1 (1:1, 0:0) gestanden. Damit nimmt der Weltmeister nun mit Volldampf Kurs auf den vierten Titel bei einer Europameisterschaft. Nur Gastgeber Frankreich oder Außenseiter Island können am Donnerstag (21.00 Uhr) in Marseille noch den siebten Einzug einer deutschen Auswahl in ein EM-Finale verhindern. Dabei wird allerdings Mats Hummels wegen einer zweiten Gelben Karte fehlen.

Für Deutschland war es bereits der sechste Sieg im siebten Elfmeterschießen bei einem großen Turnier. Die Entscheidung fiel erst durch den neunten deutschen Schützen. Zuvor hatten sich Thomas Müller, Mesut Özil und Bastian Schweinsteiger Fehlschüsse geleistet, während Toni Kroos, Julian Draxler, Mats Hummels, Joshua Kimmich und Jerome Boateng trafen. In der regulären Spielzeit hatte Mesut Özil die deutsche Elf in der 65. Minute in Führung gebracht, doch die Italiener kamen durch einen verwandelten Handelfmeter von Leonardo Bonucci noch zurück ins Spiel (78.). Vorausgegangen war ein Handspiel von Abwehrchef Jérôme Boateng.

Deutschland in der Einzelkritik
Manuel Neuer aus der Nationalmannschaft von Deutschland vor der EM 2016
Manuel Neuer

Während der 120 Minuten selten ernsthaft geprüft, aber stets da. Beim Elfmeter aus dem Spiel heraus machtlos. Gewohnt sicher im Aufbau. Seine große Stunde sollte im Elfmeterschießen schlagen. Gleich zweimal parierte er im entscheidenden Moment und hatte so einen Löwenanteil am Halbfinaleinzug. Note 1+.

© Foto:Arne Dedert/DPA
Benedikt Höwedes aus Deutschland vor der EM 2016
Benedikt Höwedes

Überraschend von Beginn an in der neuen Dreierkette. Konnte sich kaum auszeichnen, fiel aber auch nicht negativ auf. Im späteren Verlauf des Spiel mit einigen guten Szenen in der Defensive. Note 3.

© Foto:Christian Charisius/DPA
Mats Hummels aus Deutschland vor der EM 2016
Mats Hummels

Räumte hinten alles ab. Über links auch mit einigen guten Vorstößen und Pässen in die Spitze. Leitete die deutsche Großchance am Ende der ersten Hälfte stark ein. Trat dann im Elfmeterschießen an, als es ums Ausscheiden ging, und behielt die Nerven. Note 2.

© Foto:Christian Charisius/DPA
Jerome Boateng aus Deutschland vor der EM 2016
Jérôme Boateng

Erneut über weite Stecken sehr stark. Räumte wie in jedem Spiel alles ab und immer wieder mit guten Zuspielen. Brachte Italien eine Viertelstunde vor Schluss aber mit einem sehr unnötigen Handspiel, das mit einem Elfmeter geahndet wurde, ins Spiel zurück. Ansonsten aber bärenstark. Übernahm auch erfolgreich Verantwortung im Elfmeterschießen. Note 2-.

© Foto:Thomas Eisenhuth/DPA
Joshua Kimmich aus Deutschland vor der EM 2016
Joshua Kimmich

Vom Start weg mit vielen Ballkontakten, kurz vor der Pause gute Flanke auf Gomez. Hinten etwas wackelig: Ließ erst einen Pass durchrutschen, hob dann das Abseits vor Italiens Großchance in der 44. Minute auf. Wirkt insgesamt aber erneut, als spiele er schon ewig für den DFB. Traf im Elfmeterschießen Note 3+.

© Foto:Guido Kirchner/DPA
Jonas Hector aus Deutschland vor der EM 2016
Jonas Hector

Zu Beginn vorne in ein paar Szenen gut im Zusammenspiel mit Özil. Insgesamt eine solide Partie von ihm, doch sein großer Moment sollte erst nach den 120 Minuten kommen. Er trat zum entscheidenden Elfmeter an und traf - mit einem Quäntchen Glück - zum 7:6-Endstand. Note 2.

© Foto:Arne Dedert/DPA
Sami Khedira aus Deutschland vor der EM 2016
Sami Khedira

Musste bereits nach 13 Minuten mit Adduktorenproblemen runter. Schweinsteiger ersetzte ihn.

© Foto:Christian Charisius/DPA
Toni Kroos aus Deutschland vor der EM 2016
Toni Kroos

Insgesamt eher unauffällig. Bereite mit missglückten Schuss die Großchance vor der Pause vor. Je länger die Partie dauerte, desto besser war er aber im Spiel, auch wenn nicht alles gelang. Ging im Elfmeterschießen als erster Schütze erfolgreich voran. Note 3-.

© Foto:Adidas/DPA
Thomas Müller aus Deutschland vor der EM 2016
Thomas Müller

Weiter vom Pech verfolgt. Vergab vor der Pause die Riesengelegenheit aus acht Metern. Auch wenn er dabei vom Ball leicht überrascht wurde: Ein Müller in Bestform hätte hier sicher getroffen. Nach der Pause vergab er die nächste gute Gelegenheit. Lief zwar am meisten von der deutschen Elf, nur kam dabei selten Gutes bei rum. Spielte viele Fehlpässe, verlor unnötig Bälle und vergab zu allem Überfluss ganz schwach einen Elfmeter. Das ist wahrlich nicht sein Turnier. Note 6.

© Foto:Adidas/DPA
Mesut Özil aus Deutschland vor der EM 2016
Mesut Özil

Ließ sich immer wieder fallen, um Bälle zu holen und das Spiel zu lenken. Sehr bemüht, viel lief über ihn und er traf auch zum 1:0. Kurz darauf Sensationsvorarbeit auf Gomez. Im Elfmeterschießen scheiterte er aber am Pfosten. Note 3+.

© Foto:Thomas Eisenhuth/DPA
Mario Gomez aus Deutschland vor der EM 2016
Mario Gomez

Ackerte vorne viel. Holte sich auch mal die Bälle Wenn es gefährlich wurde, dann immer über ihn. Legte direkt nach der Pause gut für Müller ab. Leitete mit einem genialen Ball von außen das 1:0 ein, kurz danach die Riesenchance zum 2:0 auf dem Fuß. Musste dann verletzt raus. Note 2-.

© Foto:Christian Charisius/DPA
Bastian Schweinsteiger aus Deutschland vor der EM 2016
Bastian Schweinsteiger

Musste unerwartet früh für Khedira rein. Wirkte zunächst unsicher und nicht bei 100 Prozent. Mehrere fahrige Fehlpässe, kaum Spritzigkeit. Stets bemüht, Verantwortung abzugeben. Nach der Pause dann verbessert, kämpfte sich ins Spiel. Vergab aber die mögliche Entscheidung im Elfmeterschießen. Note 4.

© Foto:Adidas/DPA
Julia Draxler aus Deutschland vor der EM 2016
Julian Draxler

Kam in der 72. Minute für den angeschlagenen Gomez. War bemüht, vorne für Gefahr zu sorgen, konnte aber kaum Akzente setzen. Vergab einen Konter leichtfertig mit einem unsauberen Zuspiel auf Müller. Traf aber sicher im Elfmeterschießen. Note 3-.

© Foto:Christian Charisius/DPA


Spannendes aber kein schönes Spiel

Das 34. Aufeinandertreffen der viermaligen Weltmeister war von höchstem Respekt geprägt. Nur keinen Fehler machen, lautete auf beiden Seiten die Devise. Bereits die deutsche Aufstellung hatte gezeigt, dass Löw vor allem eine sichere Defensive wichtig war. Wie schon beim 4:1 im letzten Aufeinandertreffen im März in München stellte der Bundestrainer von einer Vierer- auf eine Dreier-Abwehrkette um. Benedikt Höwedes kehrte damit ins Team zurück, dafür wurde der gegen die Slowakei noch überragende Wolfsburger Julian Draxler geopfert.

Es sei die Formation, von der man glaube, dass sie Italien schlage, hatte Nationalmannschaftsmanager Oliver Bierhoff die etwas überraschende Systemumstellung begründet. Bereits vor vier Jahren im EM-Halbfinale gegen Italien hatte Löw umgestellt, damals war seine Maßnahme beim 1:2 erfolglos geblieben, was ihm harsche Kritik einbrachte.

Vor 38.764 Zuschauern im Nouveau Stade de Bordeaux glich das Duell eher einer Partie Rasenschach. Die Italiener, bei denen es für den angeschlagenen 2006er Weltmeister Daniel de Rossi erwartungsgemäß nicht zu einem Startelf-Einsatz reichte, agierten äußerst defensiv und überließen der DFB-Auswahl die Spielkontrolle. Beim Weltmeister ging jedoch die defensive Kompaktheit zulasten des Offensivspiels, in dem es kaum zu Überzahlsituationen kam. Gerade die linke Draxler-Seite lag völlig brach, Özil hing in der Luft. Vom Chancen-Feuerwerk wie etwa gegen Nordirland (1:0) oder der Slowakei (3:0) blieb nicht mehr viel übrig.

Sami Khedira verletzt raus

Schon nach 15 Minuten war Löw außerdem gezwungen, erneut umzustellen, als für Bastian Schweinsteiger der Ernstfall eintrat. Sami Khedira humpelte mit Adduktorenproblemen vom Platz. Ausgerechnet Khedira, der sich als Italien-Legionär gegen seine Kollegen von Juventus Turin viel vorgenommen hatte. Schon vor dem WM-Finale 2014 hatte er kurz vor dem Anpfiff verletzungsbedingt passen müssen. So musste der Kapitän ran und Schweinsteiger schnappte sich sogleich die Binde. Der Mittelfeldchef war zwar nicht so präsent, teilte sich aber gut die Kräfte ein.

Es dauerte bis kurz vor der Pause, ehe die deutsche Mannschaft zu ersten zaghaften Chancen kam. Ein Kopfball von Mario Gomez nach Flanke des soliden Joshua Kimmich verfehlte aber deutlich das Ziel (41.). Eine Minute später kam Thomas Müller frei zum Schuss, doch der bei EM-Endrunden bislang so glücklose Münchner traf den Ball nicht richtig, so dass Italiens Startorhüter Gianluigi Buffon keine Probleme hatte, den Ball aufzunehmen. Der 38-Jährige war wie auf der Gegenseite Manuel Neuer ohne Gegentor in sein 160. Länderspiel gegangen.

Neuer übertraf derweil schon nach wenigen Minuten den Rekord von Sepp Maier, der vom EM-Finale 1976 bis zum fünften Spiel bei der WM 1978 insgesamt 481 Minuten ohne Gegentor geblieben war. In der 43. Minute wäre die Zu-Null-Serie von Neuer fast schon gerissen. Emanuele Giaccherini gab aus spitzem Winkel einen Schuss auf das Tor ab, den Neuer noch parierte. Beim anschließenden Nachschuss von Stefano Sturaro wäre der Bayern-Schlussmann aber wohl machtlos gewesen, Boateng fälschte den Ball noch leicht ins Toraus ab.

Deutschland hatte mehr vom Spiel

Ein unverändertes Bild bot sich den Zuschauern auch in der zweiten Halbzeit. Die deutsche Mannschaft befand sich mit viel Respekt weiter im Vorwärtsgang und stand in der 54. Minute dicht vor der Führung. Gomez legte den Ball gut auf Müller ab, der diesmal alles richtig machte. Sein Schuss wurde aber noch spektakulär von Alessandro Florenzi abgewehrt. Elf Minuten später war es dann soweit. Nachdem sich Gomez im Stile eines Spielmachers gegen drei Italiener an der Außenlinie behauptet und den Ball auf Jonas Hector weitergeleitet hatte, gelangte der Ball auf Özil, der in Mittelstürmer-Position zur Führung einschoss.

Eine starke Aktion von Gomez, der drei Minuten später seine gute Vorstellung fast mit einem Tor veredelt hätte. Nach einem feinen Pass von Özil legte sich der Torschützenkönig aus der Türkei den Ball mit der Brust vor, um schließlich mit einem sehenswerten Hackentrick Buffon zu einer Glanztat zu zwingen. Nach dieser Aktion war aber Schluss für Gomez, der angeschlagen vom Feld musste.

Deutschland hatte das Spiel eigentlich im Griff, doch ein unnötiges Handspiel von Boateng im Zweikampf gegen Giorgio Chiellini brachte Italien zurück ins Spiel. Damit kassierte Neuer nach 557 Turnierminuten sein erstes Gegentor. Danach wurde Italien besser, hochkarätige Torchancen blieben aus, auch in der Verlängerung.

Themen in diesem Artikel

Wissenscommunity