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Kommentar

EM-Bilanz: Genug ist genug! Hört auf, den Fußball zu verwässern

Die erste EM mit 24 Mannschaften war sportlich ein Langweiler. Die Lehre daraus kann nur lauten: weniger ist mehr. Doch die Fußballverbände wollen die großen Turniere weiter aufblähen. Schluss damit!

Ronaldo verletzt im EM-Finale

Seine Mitspieler trösten Portugals Superstar Ronaldo, der im EM-Finale verletzt ausscheiden muss. 

Die EM 2016 ist vorbei. Ganz ausdrücklich: sie ist vorbei, nicht "Geschichte". Sie wird im Gegenteil schon bald vergessen sein - außer in Portugal natürlich. Mancher hat sie jetzt sogar schon abgehakt. Selten zuvor begeisterte ein solches Turnier weniger, war so wenig Spannung und so viel Langeweile. Selten zuvor kam so klar das Gefühl auf, dass das Interesse am Fußball eben doch endlich ist. Und das nur zwei Jahre nach der begeisternden WM 2014. Wer hätte das gedacht?!

Es scheint, als habe Europas Fußballverband Uefa mit der Aufblähung der EM auf 24 Mannschaften tatsächlich den Bogen überspannt. Die Vergrößerung der wichtigen Wettbewerbe mag wirtschaftlich lohnend sein, doch "die Ware Fußball", das vorgebliche Premium-Produkt, wird dadurch zunehmend verwässert. "Unfassbar langweilig", ja "der Horror" - so das Urteil des Ex-Bundesliga-Trainers Lucien Favre über die EM.

Überfütterung der Fans, Überlastung der Spieler

Dabei geht es nicht nur darum, dass durch den neuen EM-Modus absurderweise eine Mannschaft Europameister werden kann, die nur einen Sieg in der reguläre Spielzeit schaffte. Es geht auch darum, dass das Besondere verloren geht. Statt Vorfreude aufzubauen, stolpert man von einem vorgeblichen Mega-Event ins nächste. Kaum ist das Champions-League-Finale gespielt, folgt schon die EM. Und noch während die - verlängerte - EM läuft, beginnen die Bundesligisten schon die Saison-Vorbereitung. Die Fans werden überfüttert, besonders die Top-Spieler sind überlastet und daher nicht fit für die großen Spiele, was wiederum die Fans enttäuscht.

Kein Wunder, dass die Fanmeilen in den vergangenen vier Wochen nicht nur hierzulande meist gähnend leer waren. Selbst im Veranstalterland - so war zu hören - fehlte lange Zeit die EM-Stimmung. Schon seit Jahren gehen die Zahlen beim Public Viewing kontinuierlich zurück. Fußball ist dermaßen omnipräsent, dass das Gros der Spiele zur Nebensache verkommt und bestenfalls noch die ganz großen Spiele Begeisterung entfachen. Ob die dann überhaupt noch den ganz großen Sport bringen können, ist fraglich.

Der Ausdehnungswahnsinn geht weiter

Dass die Uefa oder auch die Fifa ihre Lehren aus der Kritik am 24-Mannschaften-Turnier ziehen werden, ist kaum anzunehmen. Im Gegenteil: Schon ist für 2024 ein Turnier mit 32 Teams zumindest eine Überlegung wert. Zur Erinnerung: Mit der Aufnahme des Kosovo im Mai hat die Uefa nun 55 spielberechtigte Mitgliedsverbände. Eine EM-Qualifikation wäre damit eine Farce, das Turnier so groß wie die WM.

Aber keine Sorge: Das Weltturnier könnte dann schon auf 40 Teams aufgestockt sein - laut Fifa für das Turnier 2026 denkbar. Das dürfte dann die Dauer eines Monats endgültig sprengen. Und damit nicht genug: 2018 kommt ein neuer Wettbewerb hinzu, die Uefa Nations League. Wie sie genau aussehen soll, ist noch nicht ganz klar. Aber es soll ein Rundenturnier im Ligasystem mit Auf- und Abstieg sein, das in einem Final Four abschließt. Alle zwei Jahre soll dieser Wettbewerb stattfinden und sowohl die Freundschaftsspiele ersetzen als auch der Qualifikation zur EM dienen. Nimmt man noch den Confederations Cup hinzu, der jeweils im Jahr vor einer WM im Gastgeberland stattfindet, gibt es jedes Jahr ein Fußball-Großereignis. Und dann ist da ja noch das weite Feld des Vereinsfußballs.

Weniger ist mehr

Wie soll mach sich bei soviel Routine eigentlich seine Begeisterungsfähigkeit erhalten. Und wer schützt die Spieler vor soviel Funktionärswahnsinn und Geschäftemacherei?

Die Lehre aus der EM in Frankreich muss eine ganz andere sein. 16 Teilnehmer sind für eine Europameisterschaft angemessen. Dann kann es immer noch fast jeder dritte Uefa-Verband in die Endrunde schaffen. Sowohl in der Qualifikation als auch während der EM herrschen klare Regeln darüber, wer die nächste Runde erreicht. Rechenspielchen und überlange Wartezeiten für die Teams kommen nicht vor. Mercedes-Benz, Sponsor der deutschen Nationalelf, hat einst die Einführung seines "Smarts" mit Slogan beworben: "Reduce to the max". Höchste Zeit, in den Fußball-Führungsetagen daran zu erinnern.

Ronaldo auf dem Gipfel


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