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Nach Kollaps Sportpsychologe erklärt, was der Fall Eriksen für das dänische Team bedeutet

Ein weißer junger Mann in roter Jacke mit dunkelblondem Haar und Vollbart dreht lächelnd seinen Kopf über die rechte Schultert
Dänemarks Christian Eriksen - hier beim Training vor seinem Kollaps - befindet sich auf dem Weg der Besserung
© Tim Goode/PA Wire / DPA
Wenige Tage nach dem Kollaps des dänischen Nationalspielers Christian Eriksen bestreiten seine Teamkollegen ihr zweites EM-Spiel. Sportpsychologe René Paasch erklärt im Interview, was in so kurzer Zeit an Aufarbeitung möglich ist und was er vom dänischen Team gegen Belgien erwartet.

Nach dem Kollaps ihres Mitspielers Christian Eriksen hieß es zunächst, Dänemarks Team habe entschieden, das EM-Spiel gegen Finnland zu Ende zu spielen. Soweit man das von außen beurteilen kann: Hätten Sie der Mannschaft aus psychologischer Sicht dazu geraten?

Wenn man mich um eine Empfehlung gebeten hätte, hätte ich wohl eher abgeraten. Aber es war ja offenbar eine Mannschaftsentscheidung, nachdem das Team mit Eriksen gesprochen hatte und es ihm besser ging. Er scheint ein sehr zielstrebiger Mensch zu sein und hatte wohl auch dazu geraten, weiterzuspielen. Da kann eine besondere Dynamik entstehen, die zu der Entscheidung geführt hat. 

Nun wird deutlich, dass Team und Funktionäre sich von der Uefa unter Druck gesetzt fühlten, die Partie weiterzuspielen. Wie bewerten Sie diesen Vorgang?

In der Situation kann es schon sein, dass sich Kopf und Körper fit anfühlen. Wenn man aber zur Ruhe kommt, stellt sich die Situation oft anders da. Die Spieler standen ja vor der Entscheidung, sofort oder einen Tag später weiterzuspielen. Ich hätte mir da von der Uefa mehr Spielraum und Flexibilität gewünscht.

Wie hätten Sie in den wenigen Tagen bis zum EM-Spiel gegen Belgien mit den dänischen Nationalspielern gearbeitet?

Wichtig ist vor allem die Möglichkeit, dass jeder einzelne Mitspieler Raum bekommt, individuell über das Erlebte zu sprechen. Aber auch das Team insgesamt braucht diesen Raum. Und ich würde die Spieler Tagesprotokolle anfertigen lassen über Gefühle und Gedanken, aber auch, wie sie geschlafen haben. Auf Grundlage der körperlichen und mentalen Symptome kann man dann therapeutisch arbeiten.

Wie wichtig ist die schnelle Aufarbeitung der Geschehnisse? Oder lässt sich die für die Dauer des Turniers aufschieben?

Ich würde sehr zeitnah mit den Spielern arbeiten. Aus Studien wissen wir, dass gerade die ersten Wochen nach dem Erlebten sehr wichtig sind. Werden die Gefühle nicht aufgefangen, kann sich das Trauma verlängern. Erlebt dann ein Spieler etwas annähernd Ähnliches, kann das eine ganze Reaktionskette auslösen.

Nun geht es Christian Eriksen ja zum Glück schon deutlich besser. Kann aus den Erlebnissen auch ein besonderer Teamgeist erwachsen?

Ja, das kann zu einer besonderen Nähe führen. Nach allem, was ich mitbekomme, ist Eriksen auch ein toller Mensch mit einem guten Verhältnis zu seinen Mitspielern. Das kann schon zu einer Dynamik und einer höheren Leistung führen. Auf der anderen Seite ist das Erlebte noch nicht verarbeitet. Da muss man von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag schauen.

Dänemark-Spieler Martin Braithwaite unter Tränen – "Uefa gab uns nur zwei Optionen".

Was erwarten Sie für ein Auftreten des dänischen Teams im Spiel gegen Belgien?

Ich kann mir schon vorstellen, dass wir eine vor allem mental gestärkte dänische Mannschaft erleben. Mit Eriksen und quasi ganz Dänemark im Rücken, kann das für eine stärkere Geschlossenheit als Team sorgen und besondere Kräfte freisetzen.

Wie lange wird die Aufarbeitung für die Spieler dauern? Oder hängt das zu sehr von der Psyche jedes einzelnen Spielers ab, um eine generelle Aussage zu treffen?

Das ist schwer zu sagen. Es kann drei bis vier Monate dauern, vielleicht auch über einen längeren Zeitraum. Ohne therapeutische Arbeit brauchen die Spieler bestimmt sechs bis zwölf Monate. Das hängt auch von der einzelnen Wahrnehmung ab. Die Gefahr, dass Ängste oder Depressivität auftreten, ist jedenfalls gegeben.

Wie sollten Fußball-Verbände künftig auf solche Ereignisse reagieren?

Sie sollten Fußball weniger als Geschäft sehen. In solchen Momenten sollte die Menschlichkeit im Vordergrund stehen. Fußball hat ja auch eine gesellschaftliche Verantwortung. Die Solidarität mit Eriksen und die vielen Genesungswünsche sind doch ein starkes gesellschaftliches Signal. Auch die Verbände sollten verstehen, dass Fußball manchmal in die zweite Reihe rückt.


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