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EM-Start Bono, Bommes, Bierchen - So lief der Fußballabend im Ersten

Jessy Welmer, ARD-Moderatorin, und Bastian Schweinsteiger, TV-Experte der ARD, stehen im Stadion.
Jessy Welmer, ARD-Moderatorin, und Bastian Schweinsteiger, TV-Experte der ARD, stehen im Stadion.
© Matthias Balk/ / Picture Alliance
Mit einem Jahr Verspätung ist die EURO 2020 in Rom gestartet – und es war (fast) wie früher: Mit Publikum, Plattitüden und puscheligen Perücken. Gekickt wurde natürlich auch. Und ganz viel gesungen. So lief der Fußballabend im Ersten.

Am Ende, so ein Viertelstündchen nach Mitternacht, ist man schon ein wenig durchgenudelt, und das liegt nicht etwa am Onkel von Joshua Kimmich, im Gegenteil. Wie Walter Schmid, für das -h- im Vornamen des Kickers verantwortlich, mit seiner Schlager-Dreierkette Brillant da über den Rasen flaniert und "Oh Jogi" schmachtet, das setzt im "Sportschau Club" nochmal ein spätes Highlight. Zudem erinnert es mit wohligem Schauern daran, dass am Wochenende endlich wieder "Immer wieder sonntags" läuft. Immerhin hat man als Zuschauer zu diesem Zeitpunkt bereits gut fünfeinhalb Stunden EM-Entreé hinter sich, aber der Reihe nach.

Kurz bevor alles losgeht, überkommt mich doch noch der unbändige Wunsch, in irgendeiner Tippgemeinschaft mitzumachen. Einen Vizemeister und einen Meistertitel in der abgelaufenen Bundesliga-Saison eingefahren – die Strähne muss fortgesetzt werden. Irgendwie hat jedoch keiner aus meiner erweiterten Peergroup Lust dazu, und so bleibt mir nur der Gang zu den Anonymen Ahnungsvollen, einer offenen Kicktipp-Runde, die mich mit Schlusspfiff des Auftaktspiels auf Platz 1103 zwischen ingo_2601 und IngoBVB einsortiert. Vielleicht kommt das mit dem Gruppengefühl ja noch, muss man halt ein bisschen am Ball bleiben.

Eine diffus-royale Note

In der Gästerunde von Alexander Bommes geht die Sache mit dem Akklimatisieren um einiges schneller. Der Mann ist vom Fach, seine Gäste ebenfalls: Stefan Kunz, frischgebackener U21-Europameister-Trainer, ist dabei, ebenso Kevin Prince Boateng, aktuell beim AC Monza unter Vertrag, und Almuth Schult, Deutschlands Nummer 1 im Tor. Den Warm-up zum Eröffnungsspiel absolviert das Quartett mit einem solide austarierten Mix aus Vorfreude und abgehangener Analyse, wo bei schon ein wenig irritiert, dass Boatengs Einspielerfilmchen aussieht, als hätte man ihn im Halbdunkel unterm Schneidetisch eines bekannten Sportwetten-Anbieters zusammenmontiert.

Auch die Tatsache, dass Bommes den guten Mann durchweg mit "Prinz" anspricht, setzt eine diffus-royale Note. Umso schöner der Erkenntnisgewinn in den Nebensätzen: Bei der U21-EM ist der Schuhplattler-Teamabend ausgefallen. Der Euro-Song nervt schon jetzt. Es gibt mehr Austragungsorte, als manchen Leuten am Ende des Turniers im Panini-Album Klebebildchen fehlen. Und wer beim Allgemeinplätzchen-Bingo auf "Deutschland ist eine Turniermannschaft" gesetzt hatte, der durfte sich schon nach bummelig 20 Minuten ein Kreuzchen auf dem Spielbogen machen. Danke, Prinz.

Wenn es feierlich wird, muss Bocelli ran

Während die Bommes-Bande es sich im Studio kommod machte, durften Jessy Wellmer und Basti Schweinsteiger die Atmo vor Ort inhalieren. 16.000 Zuschauer im Stadion in Rom, trotz Corona-Reduktion ein durchaus stimmungsvolles Bild, in dem sich alles von Nationalfarben-Iro-Perücke bis Flaggenstola als Virus-resistent erwies. Die Rollen bei Jessy und Basti sind schnell verteilt, sie die etwas flapsige Auf-den-Busch-Klopferin, er mit der Souveränität eines Weltmeisters parierend, wobei sein "Lucky Punch"-Reservoir schon fast aufgebraucht ist. Das passte schon ganz gut, nur beim Griff ins Klamottenfach vielleicht doch nochmal die Taktik überdenken. Dieser etwas sackige Dreiteiler nach Gutsherren-Art, lieber Basti, da ist noch Luft nach oben. In der Chips-Werbung siehste doch auch immer so flott aus. 

Und noch etwas erwies sich als ähnlich unkaputtbar wie der Habit der Fans: Wenn es in Roma feierlich wird, dann muss Andrea Bocelli ran. Die Eröffnungszeremonie geriet fast wohltuend kompakt, hatte so garnichts vom Choreoverkill so manchen Gipfeltreffens vergangener Jahre, stattdessen Länderballons, ein bisschen Nebel, ein paar gutgeordnete Pyro-Kracher und "Nessun Dorma". So straff dürfte es bei kommenden Turnieren gern weitergehen. Und wenn man dann auch noch auf U2 verzichtet, wäre viel gewonnen. Bono als überdimensionierter Pixel-Preacher, ein sichtlich fremdelnder The Edge, dazu "Song"writer Martin Garrix, der am Keyboard die Knopfdrehereien eines David Guetta nachspielt, und mit "We Are The People" ein klanggewordenes Emo-Kondensat, gegen das Coldplay wie MC5 klingen. Rote Karte!

"Die haben Lust auf Fußball"

Beim Spiel selbst schließlich ein Florian Naß als Kommentator, der hier – Verzeihung – pro bono dextroenergetische Promo-Arbeit für die UEFA bot: "Es fühlt sich nicht falsch an, es fühlt sich richtig an, dass hier wieder Fußball gespielt wird." Irgendwo sitzt Robert Kempe und legt die Stirn kraus. Aber sei es drum. Publikum, Partytime, Perücken. Und ein paar Plattitüden dazu. Ist doch nur ein Spiel. Oder wie Florian Naß so klarsichtig über die siegreichen Italiener bemerkte: "Die haben Lust auf Fußball." Na, dann sind sie hier ja genau richtig.

Zur Nachspielzeit luden schließlich Esther Sedlaczek und Micky Beisenherz in den "Sportschau Club", genehmigten sich ein wohlverdientes Bierchen mit ihren Gästen, Ina Müller und Deniz Aytekin, und zeigten, dass Erkenntnisgewinn selbst zu so später Stunde am besten gutgekühlt funktioniert. Die Sketches so ein bisschen auf der Ilja-Richter-Seite, die Talks dafür umso entspannter. Ina Müller erzählte von ihrer Zeit als Jugendkickerin mit Bierchen und Bratwurst bei Rot Weiß Köhlen, von der "Kotelett-Elf", die der Schlachter des Ortes sponserte, während Deniz Aytekin offenbarte, dass er mit Manuel Neuer gern mal einen ausschnacken würde. Auch wenn er es mit Männerbeinen dann doch nicht so hat. Und dann war da ja auch noch Onkel Walter. Ob seine Neffe Joshua Kimmich das auf seinem Zimmer in Herzogenaurach wohl auch geguckt hat?

Und jetzt alle: Oooooh Jogi!


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