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EM-Pleite: Rudi macht Platz für Hitzfeld

Ottmar Hitzfeld wird neuer Bundestrainer - daran scheint es kaum noch Zweifel zu geben. Der ehemalige Bayern-Coach erklärte sich am Donnerstag "gesprächsbereit".

Mit einem Rücktritt hat Rudi Völler die Verantwortung für das erneute EM-Debakel der Nationalmannschaft übernommen und Platz für einen Neuanfang unter Ottmar Hitzfeld gemacht. Nur zwölf Stunden nach der 1:2-Pleite gegen Tschechiens Reservisten verkündete der Teamchef am Donnerstag vor dem Heimflug von Faro nach Frankfurt seine Demission nach vier Jahren Amtszeit.

"Ich hatte das Gefühl, dass die Weltmeisterschaft 2006 im eigenen Land nur jemand machen kann, der unbefleckt ist und der einen gewissen Kredit hat. Einen ähnlichen Kredit, wie ich vor vier Jahren hatte", sagte Völler innerlich aufgewühlt.

Wer sollte nächster Bundestrainer werden?

Damit ist der Weg frei für den bei Bayern München entlassenen Hitzfeld, der im Urlaub in der Schweiz sein Interesse an der Nachfolge bekundete. "Ich bin gesprächsbereit. Der DFB muss erst einmal mit mir sprechen. Davor will ich das total offen lassen", sagte er. Gerhard Mayer-Vorfelder nannte namentlich den 55-Jährigen als einzige Alternative. "Dass Ottmar Hitzfeld ein Name ist, der in den Überlegungen eine Rolle spielen wird, ist ganz klar", meinte der Verbandschef, der während der nächtlichen Krisensitzung im EM-Quartier an der Algarve Völler vergeblich umzustimmen versuchte. Noch deutlicher wurde Franz Beckenbauer. "Ohne dem DFB-Präsidenten vorgreifen zu wollen: Es kann nur einen geben, der es richten kann - Ottmar Hitzfeld", sagte der Bayern-Präsident, der ihn vor einem Monat in München mit beurlaubt hatte.

Schwer bewaffnete Sicherheitsleute schirmen Spieler ab

Während Völler einen live vom Fernsehen übertragenen Abschied wählte, flüchteten die auf Anweisung des DFB hermetisch von der Öffentlichkeit abgeschirmten Spieler nach ihren armseligen EM-Auftritten durch die Hintertür aus Portugal. Schwer bewaffnete Sicherheitskräfte verhinderten mit Hunden vor der Abreise aus Almancil den Kontakt von Kahn und Co. mit Medienvertretern.

Beim Rückflug in der Sondermaschine wurden Journalisten ungeachtet vorheriger Absprachen kurzerhand ausgesperrt. Auch bei der Landung des Condor-Jets DE 9104 um 16.07 Uhr in Frankfurt funktionierte der Abschirmdienst perfekt. Der DFB hatte extra einen VIP-Service für 175 Euro pro Person gebucht, damit die heimkehrenden Akteure unbehelligt von Medien und Fans bleiben konnten.

Weit weniger gut organisiert war die deutsche Mannschaft am Vorabend gegen eine tschechische Elf, in der angesichts des sicheren Gruppensieges neun Reservisten standen. Kaum einer war in der ersten Stunde nach der Niederlage, als Völler seine Rücktrittsgedanken noch für sich behalten hatte, bereit oder fähig zur Selbstkritik. "Wir haben alles gegeben", so der einhellige Tenor. Nur Kapitän Oliver Kahn, Leitfigur Michael Ballack, Dietmar Hamann und Miroslav Klose setzten sich mit den eigenen Unzulänglichkeiten auseinander.

"Wir hatten in allen drei Spielen die Möglichkeit zum Sieg. Und wir haben es nicht einmal geschafft. Da brauchen wir uns nicht zu beschweren, dass wir ausgeschieden sind. Wahrscheinlich waren wir nicht gut genug", urteilte Hamann, der wie so viele unter seinen Möglichkeiten blieb. Kahn zeichnete für 2006 ein düsteres Bild: "Was soll denn noch passieren in zwei Jahren? Gute Spieler wachsen nicht auf den Bäumen, sondern sie müssen eine sehr lange Entwicklung durchmachen, bis sie ein Niveau erreicht haben, um einer WM ihren Stempel aufdrücken zu können."

Während ganz Fußball-Europa über die einfallslose und nur phasenweise leidenschaftlich auftretende deutsche Mannschaft spottete, hielt Völler bis zum Schluss die schützende Hand über seine "völlig intakte Mannschaft" und suchte nach Positivem: "Wir haben sicherlich in diesen drei Spielen nicht immer die Höchstleistung gebracht. Aber wir waren nahe dran, die Spiele zu gewinnen. Also war es nicht dieses Debakel, wie es noch vor vier Jahren war."

Damals musste Erich Ribbeck nach drei ebenfalls sieglosen Gruppenspielen bei der Euro 2000 gehen. Dieses Mal kam Völler dank seines besonderen Gespürs für Realitäten den sonst unausweichlichen Personaldiskussionen zuvor. Sein Assistent Michael Skibbe, der sich in Portugal vor allem als Einpeitscher mit großspurigen Ankündigungen hervorgetan hatte, verliert seinen Status als Bundestrainer, bleibt dem DFB aber vorerst als Jugend-Koordinator erhalten.

Viele jetzige Spieler werden auch 2006 dabei sein

Im Gegensatz zu Völler zogen die betagteren deutschen Spieler wie Fredi Bobic, Jens Jeremies oder Jens Lehmann spontan keine Konsequenzen aus dem Scheitern. Einen radikalen Umbruch halten auch Kahn und Völler nicht für Erfolg versprechend. "Um Gottes Willen. Wo sind denn die Alternativen? Das ist ja immer der Blödsinn, der nach solchen Turnieren in der Öffentlichkeit kolportiert wird. Es werden viele Spieler, die hier dabei waren, auch in zwei Jahren dabei sein", prophezeit Kahn. Und auch Völler warnte "vor einem noch größeren Schnitt". Ehe er Portugal verließ, mahnte er: "Es darf nicht so sein, dass der junge Spieler, der nicht schnell auf dem Baum ist, in die Nationalmannschaft kommt."

O. Hartmann/K. Bergmann/DPA / DPA

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