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Englische Nationalmannschaft: Zwischen Peinlichkeit und Perspektive

Es herrscht mal wieder Unruhe ums englische Nationalteam vor dem WM-Quali-Spiel in Polen. Darüber können auch der Sieg gegen San Marino und das neu eröffnete Leistungszentrum nicht hinwegtäuschen.

"A lifetime of training for just 10 seconds" steht auf einer Wand geschrieben. Gesagt hat das die amerikanische Sprinter-Legende Jesse Owens. Gerichtet ist es an die kommenden Generationen englischer Fußballer. "Lebenslanges Training für nur 10 Sekunden" ist nur einer von mehreren Slogans, der englische Kicker im neuen Leistungszentrum "St. George's Park" nahe Birmingham künftig inspirieren soll.

Englands Fußball rüstet sich für die Zukunft, will heraus aus dem Mittelmaß und zurück an die Weltspitze. Das neue Zentrum soll der Grundstein für eine goldene Zukunft sein. Und so ließ es sich auch der Ehrenpräsident des englischen Fußballverbandes FA, Prinz William, nicht nehmen, bei der Eröffnung der modernen Talentschmiede persönlich vor Ort zu sein.

Dort traf er auf Verteidiger Ashley Cole und witzelte: "Wenn du weiter so ein böser Junge bist, schalten wir dir deinen Twitter-Account ab." Lustig gemeint, aber mit durchaus ernstem Hintergrund. Denn Cole hatte unlängst den Verband als "bunch of twats" ("Haufen von Deppen") bezeichnet. Eine Aktion, die bezeichnend für die aktuelle Lage im "Mutterland des Fußballs" ist. Denn derzeit überschatten Peinlichkeiten und Skandale die vielversprechenden Ansätze in England, wie eben das Leistungszentrum oder auch die überraschend gute Leistung der Three Lions bei der EM in Polen und der Ukraine im vergangenen Sommer.

Bekanntgabe von Personalien in der U-Bahn

So sind die Beleidigungen Coles ist nicht der einzige Vorfall, der den positiven Effekt vom 130-Millionen-Bau in Burton unnötig trübt. Nationaltrainer Roy Hodgson leistete sich ebenfalls einen Fauxpas. Unbedarft-trottelig verriet er in der Londoner U-Bahn Passanten, dass er tags darauf Rio Ferdinand nicht nominieren würde und dessen Nationalmannschaftskarriere wohl vorbei sei. Der 65-Jährige entschuldigte sich zwar bei Ferdinand, sagte aber auch, die U-Bahn sei nun mal "die beste Möglichkeit für mich, nach London reinzufahren und dabei spreche ich lieber mit Leuten in der Tube, die mir Fragen stellen, als mich schmallippig zu weigern, meinen Mund zu öffnen".

Und dann wäre da noch der Evergreen abseits des Rasens. Die Anklage gegen John Terry wegen angeblicher rassistischer Beleidigung Anton Ferdinands, Bruder von Rio und Verteidiger der Queens Park Rangers. Vier Pflichtspiele Sperre plus eine 280.000-Euro-Geldstrafe bekam der Chelsea-Verteidiger aufgebrummt, der schon nach der Anhörung aus Ärger über die FA zurückgetreten war. Das wiederum rief Ashley Cole auf den Plan, via Twitter die FA zu beleidigen.

Zwei Siege sind Pflicht

Wie würde die FA auf Coles Attacke reagieren? Mit einer Sperre im WM-Qualifikationsspiel am Freitag in Wembley gegen San Marino? Keineswegs. Verbandschef David Bernstein verkündete zwar, dass es nun einen neuen und sowieso "längst überfälligen" Code of Conduct (Verhaltenskodex) für Nationalspieler gibt, Cole nach einer Entschuldigung aber ohne Strafe davon käme. Die Spieler seien Vorbilder, hätten sich dementsprechend zu verhalten. Deswegen ist es umso fragwürdiger, dass Cole ungeschoren davonkam, zumal mit dem neuen Leistungszentrum ein noch größerer Fokus auf der richtigen Ausbildung des Nachwuchses liegen soll.

So ist es nicht unwahrscheinlich, dass Twitterer Cole in der WM-Qualifikation spielen wird. Die startete durchwachsen: Neben Pflichtsiegen in Moldawien und am Freitag gegen San Marino steht für die Three Lions auch ein enttäuschendes 1:1 in Wembley gegen die Ukraine zu Buche. Am Dienstag muss im Nationalstadion zu Warschau gegen Polen ein Sieg her, will man nicht endgültig im Sumpf aus Twitter-Nachrichten, Gerichtsverhandlungen und U-Bahn-Gesprächen versinken.

Damit die Engländer in Zukunft Spiele in Polen oder gegen die Ukraine zuverlässig gewinnen, wurde nun das Leistungszentrum "St. George's Park" eröffnet. Er soll Auswahlspieler jeden Alters beherbergen und vor allem zur Ausbildung neuer Trainer dienen. Orientiert habe man sich an "weltweit führenden Fußball-Ländern wie Spanien und Frankreich", sagte David Sheepshanks, Vorsitzender des St. George's Parks. Natürlich brauche man Zeit bis die Änderungen greifen, aber "ab 2020 werden wir siegreiche englische Teams haben." Goldene Aussichten für die Fans, die über so manche Peinlichkeit der aktuellen Protagonisten hinwegtrösten sollten.

Joel Stubert mit DPA

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