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Very British: Mit viel Schlamm zum nächsten Ehebruch

Englische Boulevard-Blätter überschlagen sich mit immer neuen Schlagzeilen über außereheliche Affären von Fußballstars. Nach John Terry ist jetzt Ashley Cole dran. Das Argument für die Schlammschlacht: Sie halte die Moral des Landes aufrecht.

Von Cornelia Fuchs, London

So entrüstet hat man die englische Boulevard-Presse selten gesehen. Die Verfechter der Rechte aller Seite-3-Mädchen zur Barbusigkeit, aller Briten zur sexuellen Freiheit im Schlafzimmer und aller Klatsch-Seiten zu den schlimmsten Party-Fotos von Berühmtheiten haben in den vergangenen Wochen den Anstand entdeckt. Man könnte meinen, sie seien kollektiv in die fünfziger Jahre zurück verfallen

Anlass sind die außersportlichen und -ehelichen Aktivitäten der Nationalspieler John Terry und Ashley Cole mit kleinen Nebenrollen für den Amerikaner Tiger Woods und einen in Deutschland unbekannten englischen Fernsehmoderator, der jedoch über anzügliche SMS-Texte an eine Unbekannte nicht hinaus kam.

Dagegen gilt John Terry als Wiederholungs-Ehebrecher, diesmal sogar mit der Ex-Verlobten eines Fußball-Kollegen und Freundes. Er entzog sich dem unvermeidlichen Entrüstungs-Sturm ziemlich geschickt mit einem Ausflug an die Seite seiner düpierten Ehefrau, die sich in Dubai eine Woche lang jeden Tag in einem anderen Bikini fotografieren ließ und am Ende der Woche in den Armen ihres reuigen Ehemannes.

Der nächste böse Bube heißt Ahsley Cole

Damit war Platz für den Auftritt des nächsten bösen Buben: Ashley Cole, verheiratet mit der in den Medien engelsgleich gehaltenen Cheryl Cole, dem Mädchen, das sich aus Liverpool in die Herzen der Fernsehnation gesungen und moderiert hat. Ashley, so erfuhr die britische Nation, hatte Sheryl nicht nur einmal, sondern mindestens fünffach betrogen, Ende offen. Jeden Tag offenbaren sich inzwischen weitere Betthupferl den Medien.

Dass dabei für jede Sexgeschichte stets - so ist anzunehmen - eine ordentliche Summe Geld die Hände wechselt, macht die Sache nicht schmackhafter. In Radio-Talkshows vertrat die verantwortliche Journalistin der größten Boulevard-Zeitung "The Sun" die Ansicht, dass sie nur dem öffentlichen Interesse nachkomme. Wer berühmt sei und etwas Falsches tue, der müsse sich eben der Konsequenzen bewusst sein.

Nur: Wer entscheidet, wann was moralisch verwerflich ist - und zwar so verwerflich, dass es nicht im Privaten ausdiskutiert werden muss, sondern vor der gesamten Nation? Und wann muss wer welche Konsequenzen ziehen aus seinen Affären?

Unterstützung vom Coach

Genau diese Frage bereitet gerade dem Fußballclub Chelsea FC ziemliche Kopfschmerzen. Beide Bösewichter, John Terry und Ashley Cole, spielen hier, beide Spieler hintergingen ihre Ehefrauen. Jedoch stellte sich Trainer Carlo Ancelotti demonstrativ vor Terry, räumte ihm Sonderurlaub ein, damit er seine Ehe aussortieren konnte, und verkündete ansonsten, dass er voll auf seinen Kapitän zähle.

Ashley Cole jedoch muss sich noch in dieser Woche einer Art Tribunal im Club stellen. Angeblich hat seine Affäre dem Eigner Roman Abramowich die Hutschnur hochgehen lassen. Der Ruf von Chelsea sei in Gefahr, heißt es. Bis zu 200.000 Pfund Strafe soll die Affäre Ashley Cole kosten - was eine interessante Entwicklung ist, hat doch Abramowich selber erst vor Kurzem seine Ehefrau gegen eine Jüngere ausgetauscht.

Der Unterschied zwischen Terry und Cole? Terry war reuig und einsichtig; Cole scheint bei seinen Abenteuern die Dienste von Angestellten des Clubs in Anspruch genommen zu haben, um alles zu verschleiern. Der Club buchte für ihn die Hotelzimmer, in denen seine Geliebten vorbei schauten. Und er bekniete den Chef der PR-Abteilung, einer der Frauen zu helfen, die von Journalisten belagert wurde. Steve Atkins schrieb daraufhin eine Email an die Dame, in der er darlegte, welche Anwälte sie kontaktieren solle und was sie wann wie sagen könne. Er sagt, Cole habe ihm geschworen, dass er mit der Dame nie geschlafen habe - nur deshalb sei er zu helfen bereit gewesen.

"Wir treten dich, bis du winselst"

Bei Cole könnte also zum Ehebruch noch ungeschicktes Lügen gegenüber seinen Vorgesetzten hinzukommen. Und seine Frau scheint auch genug zu haben - angeblich hat Cheryl Cole ihn schon aus dem gemeinsamen Haus geschmissen. Cole soll so frustriert sein angesichts seiner harschen Behandlung, dass er erwägt, zum FC Barcelona zu wechseln.

Was bleibt ist die Frage, was dies alles die Öffentlichkeit angeht? Der Guardian-Kolumnist Charlie Brooker formulierte es ziemlich treffend am Anfang dieser Woche: "Bei uns wird Ehebruch nicht mit Steinigung bestraft. Stattdessen treten wir dich - wenn du reich und berühmt bist - und treten und treten, bis du um Vergebung winselst. Und dann kichern wir und, wenn du Glück hast, ziehen wir weiter. Wir dürfen alle unglaublich stolz sein!"

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