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FC Barcelona: Im Auftrag des Schönen und Guten

Wenn am Abend der FC Barcelona gegen Chelsea London spielt, trifft wilde Romantik auf kühle Berechnung. Die Katalanen wollen ein ganz besonderer Fußballverein sein - und als erste Mannschaft in der Geschichte der Champions League ihren Titel verteidigen.

Von Rüdiger Barth

Eine Stunde genügt, um zu ahnen, was das für ein Klub ist. Manche sagen, eine Nation, eine Religion, eine Kultur, und die Wahrheit ist: von allem ein bisschen. Hunderte Jugendlicher pressen sich an diesem späten Morgen an die Gitter des Übungsplatzes, Barça spielt zum Aufwärmen das feinste Kleinklein der Welt, ein paar Meter weiter, im Bauch von Camp Nou, bestaunen Touristen die schwarze Madonna und die ganze große Vergangenheit. Hier im Museum steht auch der fette glänzende Champions-League-Pott.

Noch nie hat ein Verein diesen Pokal zweimal hintereinander gewinnen können. Es würde den FC Barcelona einzigartig machen. Und so auf dem Spielfeld beweisen, was man durch Worte immer wieder beteuert: dass Barça mehr ist als ein Fußballklub.

"Més que un Club", das steht in der Direktorenetage in silberfarbenen Lettern an granatrot gestrichener Wand. Es ist Katalanisch, versteht sich, und schon damit eine politische Botschaft. So wie sich Real Madrid noch vor kurzem als globaler Klub gerierte, mit den größten Stars des Universums, so schärft Barcelona bewusst sein Profil als Sendbote Kataloniens, jener selbstbewussten Region im Nordosten Spaniens - und hofft dabei, die Fans in der Welt nicht zu verschrecken, sondern im Gegenteil anzuziehen. Eben weil nur Barça sein kann wie Barça. Unverwechselbar, eine Marke.

Nur im Stadion Camp Nou kann man dieses Geräusch hören, wenn 100 000 auf einmal die Luft einsaugen, den Atem anhalten, ein lautes Zischen, weil alle auf den magischen Moment warten. Weil sich dort unten Ronaldinho, Eto'o und Messi entweder gleich im Gestrüpp ihrer Ideen verheddern werden oder irgendetwas geschehen wird, was man noch nie gesehen hat.

Es ist diese Mischung aus Wunder und Menschlichkeit, die Barça seine Leichtigkeit verleiht. Beim Viertelfinale der vergangenen Champions-League-Saison trickste Ronaldinho einen Spieler von Benfica Lissabon aus, eine Täuschung mit diesem biegsamen Körper und einfach vorbei. Er berührte ihn leicht mit dem Ellbogen, der andere ging zu Boden, schrie, das Spiel lief weiter, kein Pfiff, aber Ronaldinho ließ den Ball rollen und drehte sich um, ihm aufzuhelfen. Es war eine Szene wie auf dem Bolzplatz, aus der Welt, wo Fußball vor allem eins sein muss: ein Vergnügen.

Der Mann, der dieses Vergnügen der Welt beschert hat, regiert im zweistöckigen Anbau der Eishalle, die Jalousien des Gebäudes sind heruntergelassen, wegen der allabendlich anbrandenden katalanischen Sonne. Joan Laporta i Estruch hat Kulleraugen, und er hat ein wenig zugelegt in seinen drei Jahren als Barças Präsident, in denen er aus einer Ruine von Klub einen Palast hat zimmern lassen. "Wir müssen die Champions League in diesem Jahr wieder gewinnen", sagt er. "Erst wenn wir den Titel verteidigen, haben wir bestätigt, dass wir hier außergewöhnliche Arbeit leisten. Wir opfern unsere besten Jahre für Barça." Laporta, 44, lächelt, er kann das auf Anhieb, manche nennen ihn einen geborenen Politiker.

Zumindest hat er Instinkt für Gesten. 107 Jahre lang war das blau-granatrote Trikot "unbefleckt", wie sie hier sagen, ohne Werbung, nun prangt dort der Schriftzug "Unicef". Barcelona bekommt kein Geld, sondern bezahlt dem Kinderhilfswerk künftig jährlich 1,5 Millionen Euro, um dessen Kampf gegen Aids zu unterstützen. "Zunächst geht es uns darum zu helfen", sagt Laporta, Stolz in jeder Pore, "das liegt in Barças Kultur. Zweitens: Image. Wir wollen den Futból Club Barcelona in der Welt als einen Klub positionieren, der mehr ist als ein Klub. Wir wollen zeigen, dass wir Werte haben: Solidarität, Verantwortung gegenüber den Schwachen."

Selbst wer Barça mag, ist mitunter genervt angesichts des demonstrativen Gutmenschentums. Immer wieder entlarvt sich dahinter das Paradoxon Kataloniens: Indem man sich weltgewandt gibt, glaubt man, sich abgrenzen zu können, von Spanien, von der als erdrückend empfundenen kastellanischen Kultur.

Barça ist seit jeher an der Front, "das unbewaffnete Heer Kataloniens", wie es der Schriftsteller Montalbán ausdrückte. Zu Francos Zeiten pfiffen die Fans die spanische Hymne aus, und Camp Nou war der einzige Ort, wo sie gefahrlos katalanisch reden konnten.

Laporta spricht in der nächsten Stunde viel von Demut, Bescheidenheit und harter Arbeit, wie es sich für einen Barça-Präsidenten geziemt, denn Barça gehört dem Volk, und Barça gehört ein bisschen auch der Welt, und jeder hier muss wissen, dass er kleiner ist als der Klub.

Der Präsident erst recht. Laporta, ein Rechtsanwalt, ist ein eleganter Mann, er trägt blau-rote Krawatten und hat angenehme Umgangsformen. Doch er kann cholerisch werden, gern erzählt man sich in Barcelona die Geschichte, wie er sich vor ein paar Monaten am Flughafen bis auf die Unterhose auszog, entnervt von Sicherheitskontrollen.

2003 gewann er überraschend die Präsidentenwahl. Nach 25 Jahren in der Hand des despotischen Bauunternehmers Nœ–ez und seines Nachfolgers Gaspart war der Verein heruntergewirtschaftet, wenn man siegte, siegte man glanzlos, vier Jahre blieben Trophäen aus, die Fans wandten sich ab. Die Seele des Klubs schien in Gefahr.

Laportas Konzept sah vor, dem mit rund 150 Millionen Euro verschuldeten Klub zunächst eine Rosskur zu verpassen - und zugleich die katalanische Identität wiederzuentdecken. "Eine Revolution", nennt er es selbst, Laporta rückt seine Krawatte zurecht, reckt den Hals. Korrupte Vorstandsmitglieder wurden hinausgeworfen, faule und teure Spieler wie Patrick Kluivert ebenso, faschistischen Fans wurde der Zutritt verweigert. Zugleich ließ man das Rot und Gelb des katalanischen Wappens ins Trikot einnähen, die Fahne der Region auf dem Klubgelände aufhängen, wiederholt seitdem den Slogan "més que un club" bis zum Überdruss.

"Wenn Barça gewinnt, geht es dem Land gut. Ich wünschte manchmal, es wäre anders, aber der Fußball steuert die Stimmung in Katalonien. Er ist das Symbol des Landes", sagt Jordi Pujol, der 1980 zum ersten Präsidenten der Region gewählt wurde. 2003 trat er nicht mehr zur Wahl an, aber sein Büro am Passeig de Gràcia, ganz nah an den Ramblas, ist noch immer voller ernsthafter junger Männer, die wirken, als wären sie gerade im Wahlkampf. Am Abend zuvor ist der 76-Jährige aus Korea zurückgekehrt, nun wühlt er sich durch einen Berg Akten.

In Pujol versöhnen sich die Widersprüche der Katalanen, die kosmopolitisch sind, doch auf die eigene Mentalität schwören, er spricht sechs Sprachen, darunter Deutsch, er ist ein Weltbürger und dennoch flammender Katalane. Unter Franco saß er drei Jahre im Gefängnis, er gründete später eine katalanische Bank, und 1974, noch unter Franco, eine eigene Partei, die Convergència Democràtica - im Schutz von Barças 75-Jahr-Feier im Kloster Montserrat. Pujols maßvolle Politik hat das Unabhängigkeitsstreben gewaltlos bleiben lassen. Mehrfach hat er spanischen Regierungen die Mehrheit gesichert. Er weiß, was Macht ist. Barça etwa, Barça ist Macht.

Das bekam auch FCB-Vize Sandro Rosell zu spüren, als er 2003 nach Frankreich reiste, um Ronaldinho von Paris St. Germain freizukaufen, da lud Pujol den neuen Barça-Boss Laporta zum Mittagessen ein, "ich wollte mir anhören, was er vorhat". Als nach dem Essen Rosell noch immer keinen Vollzug gemeldet hatte, rief Laporta ihn an. "Unser Regierungspräsident sagt, du sollst Ronaldinho mitbringen, für die Ehre unseres Volkes." So erzählt es Pujol.

Mit Ronaldinho begann alles, 2003, im Jahr darauf kamen Deco, Edmilson und Giuly, in diesem Sommer Thuram und Zambrotta, beide Weltmeister, beide Geschöpfe aus Stahl. Viele Stars kommen für weniger Geld, als sie wert sind, einfach weil sie für Ronaldinhos Barça spielen wollen. Man verpflichtet Hochbegabte wie Eto'o, die woanders verkannt werden, man bildet Jungs aus wie Messi, die mit 18 Jahren die Welt aus den Angeln heben können. Sie finden Elitespieler, die arbeiten wollen. Das ist eins der Geheimnisse.

Wenn Txiki Beguiristain, Sportdirektor des FC Barcelona, von seinem Schreibtisch aufblickt, schaut er auf eine Glaswand, dahinter sind seine Scouts zu sehen. Sie starren unbewegt auf ihre Bildschirme, notieren ab und zu Passfolgen und Laufwege. Die Systeme der weltbesten Mannschaften sezieren sie wie in einem Labor. In der Strategiezentrale des FC Barcelona wird wenig gesprochen, und wenn, dann leise. Es riecht nach Arbeit, unerwarteten Besuchern spendiert man einen argwöhnischen Blick.

Als der neue Präsident Joan Laporta im Juli 2003 sein Amt antrat, bestellte er zum Trainer den Niederländer Frank Rijkaard, und an seine Seite holte er den früheren Spieler Beguiristain, einen Basken, der aber schon als Profi Katalanisch gelernt hatte.

"Ein Jahr", sagt Beguiristain, "wir wussten, wir hatten nur ein Jahr Zeit, hier alles auf den Kopf zu stellen und am Ende trotzdem ein Ergebnis zu haben, mit dem wir überleben konnten." Fünf Sportzeitungen berichten täglich, 20 Redaktionen sind in der Stadt zu Hause, es gibt niemals Ruhe. Er legt beide Hände an die Schläfen, als hätte er Scheuklappen auf, er steckt die Zeigefinger in die Ohren und macht die Augen zu. "Wir haben nicht nach links und rechts geschaut."

Nach einem halben Jahr stand alles auf der Kippe. Ende 2003 taumelte Barça durch La Liga, verlor zu Hause gegen Real, ausgerechnet, selbst Vorstandskollegen betrieben Rijkaards Entlassung.

"Zwei Gründe für unseren Aufstieg", sagt Beguiristain, "erstens: Laporta hatte Vertrauen. Und zweitens: Wir begriffen plötzlich, wie wir Ronaldinho einsetzen müssen." Der Sportdirektor springt auf, er ist mit 42 Jahren noch immer ein drahtiger Mann, hat selbst über 200 Spiele für Barça gemacht, stand 1992 im Kader des Teams, das erstmals für Barça die Champions League gewann. An der Wand eine weiße Magnettafel, daran rote Knöpfe.

"Schauen Sie", sagt er, "wir hatten Ronaldinho in der Mitte hinter den Spitzen platziert. Aber Ronnie ist schwach, wenn der Gegner den Ball hat, wir gaben das zentrale Mittelfeld auf und brachen unter dem Druck zusammen. Und dann hatten wir die Idee." Er nimmt den roten Knopf mit der 10 und schiebt ihn nach links draußen, verändert die anderen Positionen, "zack, zack, zack", sagt er, "hier draußen kann Ronnie machen, was er will, er hat hinter sich einen Arbeiter, und in der Mitte stehen Jungs wie Deco, die nichts anbrennen lassen".

Es war der Urknall in Barças Spiel. Seitdem gewinnen sie die meisten ihrer Spiele, und die meisten mit Stil.

Zweimal holten sie zuletzt die spanische Meisterschaft und im Mai 2006 die Champions League in Paris, gegen Arsenal London, mehr als eine Million Menschen feierten ihre Helden am nächsten Tag auf den Straßen. Der Mythos Barça lebt wieder, nach quälenden Jahren hat der FC Barcelona nicht mehr nur eine ruhmreiche Vergangenheit, sondern auch eine große Gegenwart und dazu das Wichtigste: Die Zukunft verspricht noch mehr. Sie haben den Umsatz auf 300 Millionen Euro gesteigert, bald sollen es 400 Millionen sein.

In den vergangenen Jahren hat sich das Personal des Klubs auf 300 Mitarbeiter fast verdreifacht. Nun plant man, das Stadion auszubauen, die 100 000 Plätze reichen nicht, es sollen auch mehr Dauerkarten verkauft werden als nur 90 000. Dabei türmt sich jetzt schon Terrasse auf Terrasse, drei Viertel von Camp Nou enden im Himmel. Gerade hat man einen TV-Vertrag abgeschlossen, der in den nächsten sieben Jahren eine Milliarde Euro herbeischwemmt. Barça brummt.

Diesen Mittwoch trifft man nun wieder auf den Chelsea FC, der genauso viele unglaublich gute Fußballer hat. Chelsea ist Barças Negativ. Der Londoner Klub steht für entfesselten Kapitalismus, der Besitzer Roman Abramowitsch kauft und kauft dank seiner Ölmilliarden, die Fans singen: Woher das Geld kommt, es ist uns egal. Trainer ist der zynische Portugiese José Mourinho. Barça hingegen gehört seinen mehr als 142 000 socios, den Partnern, Trainer Rijkaard ist ein sanftmütiger Mann, Mourinhos Provokationen lässt er einfach abperlen.

Jedes Match dieser beiden weltbesten Mannschaften ist ein Kampf der Systeme, ein Kräftemessen zwischen Ergebnis- und Spektakelfußball, Berechnung gegen Romantik, Volldampf gegen Pirouetten. 2005 hat ihn Chelsea, doch 2006 Barcelona für sich entschieden, der Weg war frei zum Titel. Eine gute Nachricht für alle, die den schönen Fußball lieben.

Das Verblüffende ist: Fast die Hälfte von Barças Stammelf kommt aus dem klubeigenen Internat La Masia. Messi, Iniesta und Motta wurden schon als Teenager geholt, Torwart Valdés und Abwehrrecke Puyol sind waschechte Katalanen. Und da ist noch der Verteidiger Oleguer. Der hat bis vor kurzem in einer WG gewohnt, tritt in Interviews für die Unabhängigkeit Kataloniens ein. Er wurde zwar einmal zu einem Lehrgang der spanischen Nationalmannschaft berufen, niemals aber zu einem Spiel. Allenthalben wird gemutmaßt, dass Oleguer dem Nationaltrainer Luis Aragonés gesagt hat, dass er keinesfalls für Spanien antreten werde. Nur bestätigt es keiner - dies wäre denn doch ein Affront.

Oleguer sieht düster aus mit seinem dunklen Vollbart, er hat nicht die Figur eines Athleten, aber er grüßt freundlich, als Einziger des Kaders, wenn er durch das Kiefernwäldchen vor dem Trainingsplatz schlendert. Der Mann studiert Volkswirtschaft und warb öffentlich für ein "Nein" zur EU-Verfassung. Sein Argument: "Die EU-Verfassung ist nur ein weiterer Schritt der herrschenden Klassen beim Aufbau eines Europas des Großkapitals."

Barça hat ein großes Herz.

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