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CL-Aus bei Real Madrid: Warum die Bayern die Fehler lieber bei sich selbst suchen sollten

Völlig zu Recht beklagen die Profis des FC Bayern München die Schiedsrichterleistung im Viertelfinal-Rückspiel der Champions League bei Real Madrid. Darüber rückt allerdings die bittere Erkenntnis in den Hintergrund, dass sie selbst zu viel falsch gemacht haben.

FC Bayern

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Es ist zum Verrücktwerden: Da zeigen die Spieler des FC Bayern München im mächtigen Bernabéu so viel Herz und Mut und Willen, diesen vermaledeiten und unfassbar unnötigen 1:2-Rückstand aus dem Hinspiel noch zu drehen; da laufen die angeschlagenen Abwehrtürme Hummels und Boateng auf der letzten Felge und gewinnen trotzdem fast jeden Zweikampf, so dass ihre Heldenstatuen schon so gut wie gegossen sind; da scheint der Fußballgott beim Eigentor der Madrilenen tatsächlich ein Herz für die Tapferen zu haben - und dann kommt Referee Viktor Kassai wie ein "Clown" (Arturo Vidal) daher und macht alles kaputt.

Wie sie im Anschluss an das 2:4 von Madrid geschimpft haben, die Bayern! Ein paar Spieler sollen gar die Kabine des Schiedsrichters gestürmt haben. "Wir sind beschissen worden", legte sich Boss Karl-Heinz Rummenigge beim obligatorischen Bankett stellvertretend für sein Personal fest. Unberechtigt ist der Unmut nicht: Das Foul, das die Gelb-Rote Karte für Arturo Vidal zur Folge hatte, war (ausnahmsweise) keines. Und bei seinem Tor zum letztlich entscheidenden 2:2 in der Verlängerung stand Cristiano Ronaldo tatsächlich einen guten Meter - und damit aus der gefühlten Sicht eines Bayern-Fans rund 100 Meter - im Abseits. Da kann auch dem erfahrensten Bajuwaren schon mal die Hutschnur hochgehen.


FC Bayern: Ärger über Kassai nur die halbe Wahrheit

Allein: Der Ärger über Kassai ist nur die halbe Wahrheit. Denn ihr Ausscheiden haben sich die Bayern vor allem selbst zuzuschreiben. Über die gesamte Dauer der beiden hochklassigen Spiele betrachtet, war es vor allem unnötig. Es fängt schon in der ersten Halbzeit des Hinspiels an: Hätte Arturo Vidal den Elfmeter zum 2:0 verwandelt, die Bayern hätten die Partie in diesem Leben nicht mehr aus der Hand gegeben. Hätte sich Javi Martinez nicht wie ein übermotivierter D-Jugend-Spieler zwei Aussetzer binnen Sekunden geleistet, wäre er im Rückspiel nicht gesperrt, sondern die dringend benötigte Abräumer-Alternative für den akut rotgefährdeten Vidal gewesen.

Apropos Vidal: Er ist sowieso das Symbol des Bayern-Scheiterns. Keine fünf Minuten dauerte es im Rückspiel, da hatte sich der Chilene schon die Gelbe Karte abgeholt. Weil der hitzköpfige Kämpfer aber nun mal nicht in der Lage ist, sein Spiel besonderen Begebenheiten anzupassen, wandelte er fortan auf dem schmalen Grat zwischen gesunder Härte und fahrlässigem Einsteigen - und somit immer am Rande des Platzverweises. Weil er dies so elegant wie ein Elefant tat, mutet es wie ein Wunder an, dass es ihn erst in der 84. Minute erwischte. Welch Ironie des Schicksals auch, dass dies ausgerechnet aufgrund einer fairen Grätsche geschah.

Mit Vidal ist deshalb auch der größte Fehler des Carlo Ancelotti verknüpft: Viel zu lange ließ der Bayern-Trainer seinen bisweilen vogelwild agierenden Antreiber auf dem Platz - und als es zu spät war, opferte der erfahrene Italiener lieber Lewandowski und sendete seiner Mannschaft damit schon vor der Verlängerung das fatale Signal, sich bitte ins Elfmeterschießen zu retten. Ein Auftrag, der diese Bayern-Mannschaft überforderte. Ein Auftrag, der einer Mannschaft wie Real in die Karten spielte.

Tapfere Verlierer einer magischen Nacht in Madrid

Nein, Glück hatten die Bayern mit der Leistung von Viktor Kassai wahrlich nicht. Noch unglücklicher agierten sie in den entscheidenden Momenten aber selbst. Nebenbei wurde deutlich: Arturo Vidal könnte so viel wertvoller sein, wenn er nicht so ein andauerndes Sicherheitsrisiko darstellen würde; Xabi Alonso, dieser wunderbare Fußballer, ist gedanklich nicht mehr schnell genug für das allerhöchste Niveau; von Franck Ribéry gehen schon länger keine besonderen Impulse mehr aus; und ohne Robert Lewandowski findet der FC Bayern im gegnerischen Strafraum zumindest in der Champions League eigentlich nicht statt.

Die Münchner sind nach tollem Kampf in einem spektakulären Spiel, einem modernen Fußball-Klassiker, gescheitert. Sie waren tapfere Verlierer einer magischen Nacht in Madrid. Sie haben alles Recht der Fußball-Welt, sich über den Schiedsrichter zu beklagen. Aber insgeheim wissen sie ganz genau: Es wäre mehr drin gewesen, wenn sie selbst nicht so viel falsch gemacht hätten. Diese bittere Erkenntnis macht ihre Wut so weiß, ihren Zorn so heiß.

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