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FC Chelsea: Die Blauen haben den Blues !!SPERRFRIST!!: 25.10.07

Der reiche FC Chelsea taumelt. Vor dem Champions-League-Duell mit Schalke 04 fragen sich selbst die eigenen Stars: Welcher Teufel ritt Klubboss Roman Abramowitsch, Trainer José Mourinho durch den blassen Avram Grant zu ersetzen?

Von Mathias Schneider

Es sind die Augen, die zu den Ansprüchen nicht passen. Keine Chelsea-Augen. Müde blicken sie einen an, schwer hängen die Tränensäcke. Avram Grant sieht älter aus als 52 Jahre, viel älter. Zuversicht muss er ausstrahlen an diesem Dienstag in Valencias Estadio Mestalla. Er sagt Sätze wie: „Ich bin nicht erst seit gestern im Fußball.“ Stark sollen sie klingen. Allein, aus seinem Blick sickert Vergangenheit, da sprüht keine Zukunft. Anderntags lässt der neue Trainer mit neun Mann verteidigen. Dass das Team dieses erste Champions-League-Spiel unter seiner Regie 2 : 1 gewinnt, liegt eher am Ungeschick der Spanier, nicht an der Spielkunst des Favoriten. Der FC Chelsea ist dieser Tage nicht wiederzuerkennen. Das ganze Projekt wackelt: der ehrgeizige Versuch des Russen Roman Abramowitsch, sich Fußball-Europa binnen weniger Jahre Untertan zu machen.

Der neureiche Koloss taumelt, und vom AC Mailand bis zum FC Barcelona fragen sie sich nicht ohne Schadenfreude, ob dieses hochmütige Chelsea sich nun selbst zerstört in seinem Hunger nach dem schnellen Erfolg, vor allem aber in seinem Neid. Denn nur Neid kann erklären, dass Klubbesitzer Abramowitsch Ende September seinen charismatischen Cheftrainer José Mourinho gegen den blassen Nobody Grant eintauschte, eine Art Anti-Mourinho. Es ist, als ob Uli Hoeneß bei seinen Bayern den grantigen Werner Lorant als Nachfolger von Ottmar Hitzfeld präsentiert hätte. Grant gibt sich nach außen zugänglicher und einfühlsamer als der Portugiese, dabei verehrten die Stars Mourinho doch gerade für seine Unerschrockenheit. Mit dem kleinen FC Porto hatte der streitbare Trainer gerade die Champions League gewonnen, als er 2004 beim FC Chelsea anheuerte. Das verschaffte ihm schon einmal Glaubwürdigkeit in einem Verein, der 50 Jahre lang nicht eine Meisterschaft zu Wege brachte. Mourinho impfte den „Blues“ fortan ein Selbstvertrauen ein, das an Überheblichkeit grenzte. Gleich in den ersten beiden Jahren dominierte die neue Macht die englische Premier League.

"Im Team herrscht die Meinung, dass er es einfach nicht kann"

Entsprechend groß ist nun das Misstrauen der Altgedienten gegenüber dem Neuen. "Im Team herrscht die Meinung, dass er es einfach nicht kann", sagt ein Spieler. Grant errang in seinen vier Jahren als Nationaltrainer Israels ein paar achtbare Unentschieden, einen Spitzenverein trainiert hat er noch nicht. Ein solcher Lebenslauf beeindruckt eine Meute Superstars wenig. Nach den 90 Minuten von Valencia steht Didier Drogba matt im Bauch des Stadions. Er trägt einen modischen Hut, der die schwarzen Haare bändigen soll. Aus seinem Gesicht lässt sich nicht erkennen, ob er nun als Sieger oder Verlierer spricht. „Jeder weiß, dass ich Mourinho viel zu verdanken habe“, sagt der Weltklasse- Stürmer tonlos. Er hat gerade ein wunderschönes Tor erzielt, aufgemuntert hat es ihn nicht. Nur einer lächelt in dieser Nacht, als er wie immer sanft und höflich ins Mikrofon des hauseigenen Senders spricht - es ist Grant selbst. Die Erleichterung spricht aus ihm, aber ist er wirklich für den Sieg verantwortlich? Noch drei Stunden vor der Partie hatte er im ersten Stock des Hilton, an die Balustrade gelehnt, minutenlang auf den kleinen Joe Cole eingeredet. Die Körpersprache allein verriet, wie weit Grant noch von dieser Elf entfernt ist. Er wirkte wie der neue Freund der Mutter, der sich vorsichtig dem Sohn nähert.

Wenn man versucht, sich dieser Tage ein Bild des FC Chelsea zu machen, muss man zunächst einen Abwehrriegel des Schweigens überwinden. Den Wächter gibt der Pressesprecher Simon Greenberg. Mit kaltem Lächeln teilt er im Namen des Geschäftsführers Peter Kenyon mit, es gebe keinen Gesprächsbedarf. Nichts liegt der Wahrheit ferner. Dafür reden andere, sie wollen nicht genannt werden, um ihren Platz im russischen Imperium nicht zu gefährden. Sie erzählen von einem Streit zwischen Abramowitsch und Mourinho, der eskalierte, vor allem aber erzählen sie von einem Geflecht aus Günstlingswirtschaft, das diesen Verein überziehe, seit Abramowitsch ihn vor vier Jahren für 210 Millionen Euro erstanden hat. Prominentester Souffleur soll der Israeli Pini Zahavi sein, eine Art Superagent im internationalen Fußball. Der ehemalige Sportjournalist führte Abramowitsch vor Jahren in die Welt des Fußballs ein. Zahavi war es auch, der Chelseas Kauf einfädelte und kurz darauf Peter Kenyon vom Serienmeister Manchester United nach London lockte. Als vorerst letzter Zahavi-Vertrauter kam Sportdirektor Grant.

Mourinhos Aura emotionalisierte diese Retortenmannschaft

Ein holländischer Berater wiederum setzte durch, dass man Tottenham Hotspurs Talentspäher Frank Arnesen verpflichtete - für eine absurde Ablösesumme, manche sprechen von acht Millionen Pfund, etwa 11,5 Millionen Euro. Mächtige Allianzen entstanden, eine Art Schattenkabinett, das Mourinho und seinen vier portugiesischen Assistenten das Leben schwer gemacht haben wird. Der empfindliche Regent wehrte sich verzweifelt. Er muss die Erosion seines Einflusses gespürt haben, bei Transfers wurden seine Wünsche kaum mehr berücksichtigt. So stellte ihm Abramowitsch vor der vergangenen Saison den betagten Stürmer Andrej Schewtschenko für 45 Millionen Euro in die Kabine. Ein vergiftetes Präsent. Der Abschwung begann. In der vergangenen Premier-League-Saison jagte man monatelang Manchester, vergebens. Wieder war im Europacup im Halbfinale Schluss, zum zweiten Mal in drei Jahren. Dabei sehnt sich Abramowitsch nach nichts mehr als nach Triumphen auf dem Kontinent. In ihrem Licht will er glänzen, ihretwegen hatte er diesen Mourinho samt seiner widerborstigen Eitelkeit ertragen. Erfolge waren der Kitt, mit dem Fehlstart in die neue Saison löste der sich endgültig auf.

Als Mourinho sich vor der Champions- League-Partie gegen Trondheim mit dem Kapitän John Terry stritt, nutzte Abramowitsch die Vorlage, um Fakten zu schaffen. Das Ende bietet Stoff für einen Vorabendfilm: Am 19. September, einen Tag nach dem 1 : 1 im ersten Match der Champions League gegen Trondheim, ist Mourinhos Entlassung so gut wie besiegelt. Der Verein stellt an diesem Abend in einem Kino nahe der Stamford Bridge seine DVD "Blue Revolution" vor, eine Art Videoclip für Chelsea-Fans. Der Streifen handelt von einem Trainer namens José Mourinho, der wie ein Magier über diesen darbenden Verein kommt, ihn kraft seiner Mentalität erweckt. Man kann den Film durchaus als Hommage bezeichnen. Mourinho sitzt im Auditorium. Abramowitsch und Kenyon fehlen. Sie besprechen bereits Chelseas Zukunft. Die meisten Spieler sind gekommen, sehen Tore, Jubel, den blauen Rausch von drei Jahren. Es muss sich für Mourinho anfühlen, als säße er auf seiner eigenen Beerdigung. Er war das Gesicht dieses Vereins, gefürchtet für seine Ruchlosigkeit, seine Entschlossenheit. Er gab den Blues eine aggressive Identität, indem er Schiedsrichter beleidigte, Arsenals Trainerrivale Arsene Wenger einen "Voyeur" schalt, weil der sich kritisch über Chelsea geäußert hatte. Der Tabubruch als Werkzeug der psychologischen Kriegsführung. Mourinhos Aura emotionalisierte diese Retortenmannschaft.

Wir hier drin, die da draußen mit ihrer Missgunst, so schweißte er seine Spieler zusammen. Sie folgten ihm fasziniert. Er war der Star - und ließ es alle wissen. Wahrscheinlich musste er deshalb gehen. Menschen wie Roman Abramowitsch bescheiden sich auf Dauer nicht mit einem Platz im Schatten ihres eigenen Reiches. "Abramowitsch wollte einbezogen werden. Chelsea, das ist sein Spielzeug, er hat schließlich mehr als 500 Millionen Pfund in den vergangenen Jahren hineingepumpt", sagt einer aus dem Umfeld des Vereins, der lieber unerkannt bleiben will. Keinesfalls wolle der Magnat nun selbst das Ruder übernehmen. "So tickt der nicht, aber er will das Gefühl haben, ein Teil der Mannschaft zu sein. Das hatte er unter Mourinho nicht." Ein Spieler, der den Russen in der Kabine erlebt hat, sagt: "Wenn er da ist, setzt er sich manchmal einfach in eine Ecke und wirkt ganz glücklich, dass er in unserer Nähe ist." Ob er gut Englisch spreche? "Eher radebrechend. Aber der will nicht quatschen, der will den Fußball spüren." Mourinho aber bezog den Chef nicht ein. Es ging am Ende um Respekt, Zuneigung und Wertschätzung, die üblichen Eitelkeiten. Grant wird Abramowitsch verstehen, auch weil beide regelmäßig telefonieren und seit Jahren befreundet sind.

"Man hat das Gefühl, dass er ein schlechtes Gewissen hat"

Schon deshalb sieht der Milliardär in dem Neuen weit mehr als eine Zwischenlösung. Dieser Grant soll sein Chelsea bis auf Weiteres repräsentieren, selbst wenn es grauer daherkommt. Dafür erntet künftig nicht mehr einer allein den Ruhm - falls er sich einstellt. Im ersten Heimspiel nach Mourinho gegen den FC Fulham begab sich Abramowitsch in die Fankurve, um zu demonstrieren: Seht her, ich bin einer von euch, habt mich lieb. Das Spiel endete 0 : 0. Die Fans brüllten nach Mourinho. Liebe lässt sich nicht kaufen. Dafür ist das Team jetzt gespalten, mindestens ein Spieler gibt Interna weiter. Als etwa Peter Kenyon nach Mourinhos Entlassung in die Kabine schritt und um etwas mehr Diskretion im Umgang mit der Presse bat, las er seine Worte am folgenden Tag prompt in der Zeitung. Empört wiederholte er seinen Appell, nur um wieder den exakten Wortlaut seiner Rede gedruckt zu sehen. Der Burgwall hat Löcher bekommen. Michael Ballack wird es nicht leicht haben bei seiner Rückkehr. Der Kapitän der deutschen Nationalmannschaft befindet sich weiter in der Rehabilitation. Wann er wieder spielt, bleibt ungewiss, noch immer schmerzt der Knöchel. Darüber reden will er nicht.

"Der Verein sieht es nicht gern, wenn verletzte Spieler mit der Presse sprechen. Ich bitte, das zu respektieren." Das lässt Ballack über seinen Berater Michael Becker ausrichten, der es ebenfalls vorzieht zu schweigen. Zu verzwickt stellt sich die Situation für seinen Mandanten dar, der sich der Rückendeckung des Klubs nicht mehr sicher sein kann. Für die Champions- League-Vorrunde in dieser Spielzeit hat Chelsea Ballack erst gar nicht nominiert. Als sich der Deutsche nach seiner Knöchelverletzung am 22. April gegen Newcastle United in München operieren ließ, sah der Verein kommentarlos zu, wie die englische Presse den Mittelfeldspieler als Weichling verspottete. Dabei hatte Chelseas Teamarzt Bryan English die Verletzung fälschlicherweise als harmlos eingeschätzt. Für sein Comeback fährt Ballack jeden Tag hinaus nach Cobham und absolviert sein Programm in einer nach außen heilen Welt. Rund 20 Kilometer südlich von London liegt das weitläufige, wunderschöne Areal, umgeben von englischen Landhausvillen. Zweimal muss seinen Ausweis vorzeigen, wer Einlass verlangt. Bleibt man auf dem Weg zur Pressekonferenz kurz vor dem neuen Backsteingebäude stehen, um einen Blick auf den Platz zu erhaschen, eilt ein Ordner herbei und geleitet den Störenfried sehr bestimmt in den Interviewraum.

"Ich muss meine Spieler schützen"

Dort trifft man dann auf Grant. Nicht selten hat er neuerdings ein scheues Lächeln mitgebracht. Er kommt beinahe keck daher, wie einer, der aus Versehen in ein Fernsehstudio gestolpert ist und plötzlich Gefallen an der neuen Rolle findet. Ob er seine Beförderung zum Cheftrainer hinter Mourinhos Rücken mitbetrieben hat, wird sich nie klären lassen. "Man hat das Gefühl, dass er ein schlechtes Gewissen hat", berichtete ein Profi seinem englischen Agenten. Ein anderer Berater, Ronny Rosenthal, einst Profi beim FC Liverpool und wie Grant Israeli, formuliert es so: "Er hat diesen Job sicher nicht für seine Meriten in der Vergangenheit bekommen." Um den schwachen Grant zu stützen, hat Abramowitsch auf die Schnelle Henk ten Cate von Ajax Amsterdam losgeeist. Der frühere Cotrainer von Frank Rijkaard beim FC Barcelona dürfte als teuerster Assistenzcoach in die Geschichte eingehen.

Zwei Millionen Pfund, so wird kolportiert, verdienten ten Cate, der einst bei Bayer Uerdingen in der zweiten Liga nicht viel Eindruck hinterlassen hat. Bereits gegen Schalke 04 am Mittwoch wird das Duo einen weiteren Sieg landen müssen, damit die Skeptiker verstummen. Vor allem wird man Grant in Zukunft an seinem Versprechen messen. Weil Mourinhos berechnender, statischer Fußball Abramowitsch stets ein Dorn im Auge war, hatte Grant gleich bei Amtsantritt ansehnlichere Kost versprochen. Dabei war er in der Vergangenheit eher auf Torverhinderung bedacht. Ein Spieler sagt: "Im Training ging es Grant eigentlich erst mal nur darum, dass wir kompakt stehen." Es bleibt jenseits aller Strippenzieherei für die Profis ein Mysterium, warum Avram Grant erwählt wurde. Bei Mourinho wussten sie es. Bei der Premiere der neuen DVD rief ihr alter Trainer ihnen allen ein letztes Mal von der Leinwand zu: "Ich muss meine Spieler schützen." Kurz darauf fiel der Vorhang.

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