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FUSSBALL: Der stille Künstler

Bis jetzt läuft es für den Jungen richtig gut. Und das kann man beileibe nicht als selbstverständlich ansehen. Schließlich ist Talent im Fußball nur ein Versprechen auf die Zukunft.

Karriere im Zeitraffer

Doch Tomá Rosicky muss sich fühlen, als säße er in einer Zeitmaschine: Mit 17 Jahren Profi bei Sparta Prag, mit 18 Champions League, mit 19 spielte der Tscheche bei der Europameisterschaft. Mit 20 war er der teuerste Spieler der Bundesliga. 32 Millionen Mark bezahlte Borussia Dortmund. Und nun, mit 21, lockt Inter ihn für 100 Millionen Mark Ablöse nach Mailand.

Irgendwann wird alles wieder normal

Wird ihm bei dieser Beschleunigung nicht ganz schwindelig? Tomá Rosicky zuckt mit den Achseln. Irgendwann, sagt er lapidar, wird alles wieder normal. Irgendwann. Die Stufe des jugendlichen Leichtsinns, Rosicky muss sie wohl übersprungen haben, als er früh in den männlichsten aller Männerzirkel eintrat und so vor der Zeit in die Reife gezwungen wurde. Das kann man ihm wahrlich nicht zum Vorwurf machen.

Die erste Biografie ist fertig

Schloss Stirin bei Prag. Die tschechische Nationalelf bereitet sich auf das entscheidende Länderspiel gegen Bulgarien vor. Sie bangt um die Teilnahme an der WM. Nur mit einem Sieg darf sie noch auf die Qualifikation hoffen. Alle sind angespannt, nervös, gereizt. Rosicky nicht. Er sitzt auf einer Bank im goldenen Herbst der goldenen Stadt. Er schaut sich ein paar Seiten seiner in Kürze erscheinenden Biografie an, die ein tschechischer Journalist für ihn verfasst hat, und amüsiert sich über Fotos aus seinen Kindertagen. Die Mitspieler überragten ihn immer schon um mindestens zwei Köpfe.

Jugendlicher Charme

Wie er da so hockt, würde er prima zu einer Boy-Group passen. Mit dem Rest seiner Pubertätspickel auf den Wangen und der dunkelbraunen Mähne, an der er ständig herumnestelt. Vor kurzem besuchte ihn eine Reporterin der »Welt am Sonntag«, die sich sonst den Promis der Showbranche widmet. Sie schrieb verzückt vom »Leonardo DiCaprio des Fußballs«.

2000 Mark Handyrechnung

Rosicky will aber kein Popstar auf Stollen sein. Die Attitüde eines David Beckham, des englischen Fußball-Narzissten, ist ihm fremd. Das Extravaganteste an Rosicky ist ein goldener Ring mit seinen Initialen - und seine Handyrechnung. Für über 2000 Mark monatlich telefoniert er und verschickt SMS. Seinen älteren Bruder Jiri, der in Bregenz spielt, ruft er bis zu zehnmal täglich an. Oft sprechen sie über Frauen.

Anspielen statt ansprechen

Öffentlich sagt Rosicky nicht viel. Meist nur kurze Sätze. Er senkt dabei scheu die Augen, redet leise und so trocken, dass man beim Zuhören Durst bekommt. Wenn er Deutsch spricht, was er inzwischen gut beherrscht, formuliert er noch bedächtiger. Rosicky wird eben lieber angespielt als angesprochen.

Auf dem Rasen verstärkt sich zunächst der Eindruck, man habe es mit einem Teenager zu tun. Das Trikot ist ihm viel zu groß, die Hose zu lang, die Stutzen verdecken den Rest des Unterkörpers. Er hat die wertvollsten Beine der Liga - aber sie sind kaum zu sehen. Er wirkt wie ein Milchbubi, der aus Jux mal bei den Erwachsenen mitkicken darf - aber er spielt wie ein Veteran. Präzise, abgeklärt. Wenn Jugend heißt, Fehler machen zu dürfen, dann ist Rosicky Mitte 30.

Fußball als Rasen-Schach

Den Ball rumpelt er nicht, kraftmeiert ihn nicht herum, er schiebt ihn wie ein Schachspieler seine Figuren. Jeder Zug ist elegant, fast jeder brillant. Sein Spiel ist nicht spektakulär, es ist ästhetisch, einfach schön anzuschauen. Für Spieler wie ihn muss der Fußball erfunden worden sein.

»Das war nix«

Rosicky, dieser grazile, fast schon zerbrechlich wirkende Typ, ist auf dem grünen Rechteck ein Ideenschmied und Schnelldenker. Und was noch verblüfft: Er, der vermeintlich Zarte, kann auch mal hinlangen. Am vergangenen Wochenende sah er deswegen beim 2:1 gegen Borussia Mönchengladbach die gelb-rote Karte. Er protestierte: »Das war nix.«

Entkoppeln von der Außenwelt

Ein knapper, doch ganzer Satz auf dem Platz. Immerhin. Das ist selten. Meist fällt er nur auf durch seine konzentrierte Suche nach dem nächsten Spielzug. Er geht so stark in sich, dass man manchmal glaubt, er entkoppelt sich immer stärker von seiner Außenwelt. Durch diesen Wall dringt er erst durch, wenn er wieder in die Partie eingreift, den entscheidenden Pass spielt, zur richtigen Stelle läuft.

Knapp fünf Minuten sind gegen Bulgarien gespielt, Rosicky hat den Ball kein einziges Mal berührt. Er trabt hin und her, beobachtet. Dann rollt über links ein Angriff, er spurtet nach vorn an den Halbmond des Strafraums, genau dorthin, wo der Ball hinfällt. Rosicky drischt ihn mit einem Seitfallschuss ins untere Toreck. 1:0, sein erstes Tor in der Nationalmannschaft. Später trifft er nochmals, Tschechien gewinnt 6:0.

»Er bringt als Fußballer alles mit«

Seine Stärke zieht Rosicky aus sich selbst. Allein wirkt er, zum Nutzen für das ganze Team. Aber, und das entscheidet darüber, wie groß er wirklich mal wird: Kann er, der Einzelgänger, auch eine Mannschaft aus der Bedrängnis befreien? »Er bringt als Fußballer alles mit, um einmal eine Mannschaft zu führen. Ob er tatsächlich die Mentalität dazu hat, das muss man sehen«, sagt Matthias Sammer. Der ist sein Trainer in Dortmund und sein Mentor.

Du bist mein Spielmacher

Sammer glaubt an Rosicky. Und Rosicky spürt das. Noch bevor der umworbenste Nachwuchsspieler Europas sich für ein Angebot entschieden hatte, überreichte Sammer ihm bei einem Besuch in Prag das Trikot der Borussia. Hinten war es mit der Nummer 10 und dem Namen Rosicky beflockt. Rosicky verstand die Botschaft: Du bist mein Spielmacher, diese Position ist für dich reserviert.

Schutzmaßnahmen

Nach außen spielt Sammer das Talent seiner Nummer 10 herunter. Der Trainer ist von Natur aus ein Tiefstapler, und er misstraut dem frühen Erfolg. Das Wort Euphorie kennt er nicht mal. »Tomá hat das Glück, dass er etwas mehr kann als die graue Masse«, sagt Sammer. Das hört sich fast schon abwertend an, ist aber reine Schutzmaßnahme.

Kein zweiter Ricken

Sammer hat erleben müssen, wie ein so genanntes Riesentalent in kürzester Zeit klitzeklein gemacht wurde. Als Spieler teilte er sich im Trainingslager das Zimmer mit Lars Ricken. Der tappte irgendwann in die Imagefalle und stürzte ab. Ricken brauchte Jahre, um sich von dieser Krise zu erholen. »Bei Lars sind einige Dinge passiert, die wir bei Tomá verhindern sollten«, sagt Sammer. »Es ist unsere Aufgabe, ihn zu schützen. Bisher hat er mit seinen 21 Jahren seinen Weg gut gemeistert. Er nimmt Ratschläge an. Ich habe das Gefühl, dass er gut beraten wird.«

Gut beraten

Pavel Paska heißt der Mann, auf den Rosicky am meisten hört. Der einflussreichste und größte Spielervermittler Tschechiens residiert mit seiner Agentur ISM in einem Randbezirk von Prag in einer alten Villa. Er sitzt in seinem Büro mit schwerem Mobiliar und schwenkt mit der rechten Hand seine Brille. Die Linke hat er in der Hosentasche vergraben und sagt: »Hier in meiner Agentur ist alles Modell Deutschland.« Er führt eine Besucherliste und überprüft die Anwesenheit seiner Mitarbeiter. Wer wann kommt, wer wann geht. »Das ist die deutsche Gründlichkeit.« Er schlägt bei jeder Silbe mit der flachen Hand auf den Tisch.

»Kostenbewusstes Verhalten«

Paska spricht eine schwungvolle Mischung aus Böhmisch, Fränkisch und Bayerisch. Er lebt seit einigen Jahren in der Nähe von Nürnberg. Gelernt hat der 55-Jährige die deutsche Disziplin in Fürth bei Grundig. 18 Jahre lang hat er dort als Techniker gearbeitet. »Kostenbewusstes Verhalten und strategisches Denken.« Das habe ihn geprägt. Hat Rosicky das deutsche Modell auch im Kopf? »Absolut.«

Aber nun, zum ersten Mal, sorgt sich Paska um seinen wichtigsten Klienten. Kurz nachdem das Interesse von Inter bekannt wurde, spielte Dortmund in der Champions League gegen Liverpool. Paska saß auf der Tribüne und hörte, wie einige Zuschauer neben ihm schrien: »Komm, Junge, nun zeig mal, ob du wirklich 100 Millionen wert bist.« Der Marktwert und die Erwartungen, sagt Paska, »sind höher als das, was Rosicky momentan leisten kann. Er muss sich erst noch dorthin entwickeln«.

Der Masterplan

Zur Entwicklung Rosickys, damit keine Missverständnisse aufkommen, gehört selbstverständlich auch, dass er Dortmund irgendwann verlassen wird. Vermutlich noch vor Ablauf des Fünfjahresvertrages. »Die Borussia wird auf jeden Fall das Geld wieder reinbekommen, das sie für Rosicky ausgegeben hat«, sagt Paska.

Rosicky ist das Kronjuwel in Paskas Spielersammlung. Und Paska glaubt, er habe für ihn den Masterplan entworfen. Er will mit Tomá Rosicky in ganz neue Dimensionen vordringen. Er will aus Rosicky den Tiger Woods des Fußballs machen.

Modell Tiger Woods

Der Golf-Star verdient nur ungefähr 30 Prozent seines über 100 Millionen Dollar hohen Einkommens mit den Turnieren, den Hauptteil davon bezahlen Werbepartner. »Hier ist im Fußball noch ein gewisses Potenzial«, sagt Paska. Weil er selbst dieses Potenzial nicht auszuschöpfen weiß, arbeitet er mit Profis zusammen. Mit den Besten, wie er sagt. Mit IMG - der Agentur, die Tiger Woods vermarktet.

»Er ist der Beste«

Paska ist verdammt nah dran an dem Traum, den er hegte, als er vor sieben Jahren auf einem Nebenplatz hinter dem Stadion von Sparta Prag zum ersten Mal diesen Knirps sah, Rosicky, in Begleitung seiner Mutter Eva. In der Halbzeit, es regnete, es war kalt, ging Paska eine heiße Wurst essen und kam nicht wieder. Die ehrgeizige Mama war geschockt. Am nächsten Tag rief sie bei ihm an. Fragte bange: »Ist er nicht gut?« Doch, doch, antwortet Paska. »Er ist der Beste.«

Engagierte Eltern

Eva Rosicky und ihr Mann Jiri trinken im Hotel Hilton in Prag Milchkaffee. In zwei Stunden spielt Tomá. Die Mutter hat ein weißes Kostüm an und lacht nervös, der Vater trägt einen grauen Anzug und ruht in sich selbst. Sie ist von Beruf Beamtin, hat sich vom Finanzministerium in Prag beurlauben lassen, um Tomá in seiner Anfangszeit in Dortmund bemuttern zu können.

Er war Fußballer, trainiert heute die Junioren von Sparta Prag. Wenn Tomá über seine Eltern spricht, vergleicht er die Familienhierarchie gern mit der Struktur eines Vereins: »Mein Vater ist der Sportdirektor, meine Mutter die Präsidentin.« Der Vater sagt auf Deutsch: »Das stimmt.« Eva Rosicky schmunzelt.

Die Mutter als Karriere-Motor

Schließlich war sie es, die Tomá¿ Karriere vorangetrieben hat. Täglich ging sie mit ihm zum Training beim Bezirksverein Kompressori, später fuhr sie ihn zunächst mit der Straßenbahn und dann mit dem Auto zu Sparta Prag. Egal, wo Tomá spielte, seine Mutter stand an der Seitenlinie. Sie feuerte ihn an, sie beschützte ihn. Wenn ihr Kleiner die großen Gegner mit seinen Dribblings lächerlich machte und diese sich hart rächten, schimpfte sie wie von Sinnen. Einmal so wild, dass der Schiedsrichter die engagierte Mama anschrie: »Nehmen Sie Ihren Kochlöffel und gehen Sie nach Hause an den Herd!«

Noch heute fiebert Eva Rosicky mit. In Dortmund sitzt sie hinter der Gattin von Trainer Sammer. Wenn Dortmund trifft, klatschen sich die Frauen ab, als wären sie Spieler. Der Vater freut sich eher still.

Die Philosophie vom Vater

Tomá ähnelt der Mutter im Aussehen, und er ist genauso ehrgeizig. Vom Vater hat er dessen Philosophie übernommen. Jiri Tomá hat ihm geraten, sich das Leben anzuschauen, als sei es ein Fluss, der dahinfließt, und er stehe am Ufer und müsse ihn genau beobachten.

»Tomá hat sich halt das Richtige gemerkt«, sagt Jiri Rosicky stolz, »und er holt es an der richtigen Stelle hervor.«

Von Giuseppe di Grazia

Fotos von Matthias Ziegler

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