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Fußball-Presseschau: "In kleine Stücke zerhackt"

Die deutsche Presse staunt Bauklötze über die Schönheit des AC Mailand, die englische wird schwermütig angesichts der Blässe Manchester Uniteds. Und dann wäre da noch die Geschäftsethik der Bayern. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Birgit Schönau (SZ) wirft der Mannschaft Kusshände zu: "Diese Elf spielt spektakulären Fußball. Sie steht zu Recht im Finale von Athen. Ihr jetzt zuzuschauen ist ein Genuss. Es geht den Milan-Profis, unter ihnen fünf italienische Weltmeister, in gewisser Weise ähnlich wie der Squadra Azzurra bei der WM 2006: Sie spielen im langen Schatten des Skandals. Und sie zeigen: Ihre Wahrheit liegt unantastbar auf dem Platz. (...) Neben Kakà sah Ronaldo aus wie ein Hütchenspieler neben Magier Merlin. Ronaldos vielgepriesene Kunst löste sich im Mailänder Dauerregen auf wie ein flüchtig hingeworfenes Aquarell."

Christian Eichler (FAZ) liest Mailands Sieg als Widerlegung der Italien-Klischees: "Das Bild des guten alten italienischen Fußballs, es hat reichlich Risse bekommen in den letzten zwei Jahren. Italiener geben keinen 1:0-Vorsprung mehr her? Dafür aber ein 3:0, so wie der AC Mailand im Champions-League-Finale 2005. Italiener mauern sich zum Titel? Sie wechseln drei Angreifer ein und stürmen zum Sieg über Deutschland im WM-Halbfinale 2006. Italiener üverschleppen am liebsten das Spiel? Nein, sie entfachen ein solches Tempo wie am Mittwoch, als Milan im strömenden Regen von San Siro über Manchester United kam wie eine Sturmwelle über ein Schlauchboot."

Chelsea wird nicht zur Ruhe kommen

In England ist man sich darüber einig, dass Milan eine Klasse besser gewesen ist. Laut "Daily Mirror" setzte es für United gestern "eine Tracht Prügel von gewaltigem Ausmaß". Der "Daily Telegraph" geht noch einen Schritt weiter: "Milans Fußball war Schach mit Messern. United wurden von Gattuso und seinen Gefährten in kleine Stücke gehackt”. Ernüchternd fällt auch die Einschätzung von Sam Wallace (Independent) aus: "Der Festzug zu Ehren des englischen Fußballs kann abgesagt werden, die Annexion des europäischen Fußballs durch die Premier League muss bis auf weiteres verschoben werden. Man kann es durchaus peinlich nennen, wie Fergusons Spieler zu Lehrlingen degradiert wurden."

Viele deutsche und englische Zeitungsjournalisten deuten Liverpools Sieg gegen Chelsea als große, folgenschwere Niederlage José Mourinhos. Raphael Honigstein (FR) stellt dessen Machtverlust fest: "Die schönsten, größten Ölquellen der Welt helfen nichts, wenn der Mannschaft auf der wahnwitzigen Hatz nach allen Titeln im Frühling die Luft ausgeht. Um galaktischen Zersetzungstendenzen vorzubeugen, hat Mourinho im vergangenen Sommer auf einem vergleichsweise kleinen Kader bestanden. Die Rechnung war allerdings ohne die Verletzungsmisere und diverse Hinterzimmerquerelen gemacht. Damit man dieses Chelsea richtig versteht, müsste man vor Spielbeginn neben dem Aufstellungsbogen ein Diagramm erhalten, das erklärt, wer welchen Spieler verpflichtet hat. Der Kompetenzgerangel war fatal. (...) Es gibt Menschen und Mannschaften, die in Niederlagen ihre eigene Größe entdecken. Mourinho und sein Chelsea sind in Liverpool ein ganzes Stück kleiner geworden. In Zukunft werden sich noch mehr Männer in die Belange des Trainers einmischen. Er bekommt einen israelischen Sportdirektor vor die Nase gesetzt, falls er überhaupt in London bleibt. Die Stamford Bridge ist bestenfalls halb so laut wie Anfield. Aber Chelsea wird so schnell nicht zur Ruhe kommen."

Bayerische Doppelmoral

James Lawton (Independent) widmet sich dem Duell der Trainer: "Es ist zu vermuten, dass Mourinho, wenn sich die Enttäuschung erst einmal gelegt hat, nicht mehr viel übrig bleiben wird von dem geheimnisvollen Nimbus, den er 2004 als Europacup-Sieger mitbrachte und in der Folge Jahr für Jahr und Stück für Stück demontierte. Vielmehr dürfte sich sein Untergang jetzt fortsetzen, wo er im einzigen Turnier, das den mächtigen Mäzen Abramovich hätte besänftigen können, zum zweiten Mal kurz vor dem Ziel gescheitert ist. Benitez hingegen stellt heute mehr denn je das große Mysterium des internationalen Spitzenfußballs dar. Auch wenn er zuweilen Rätsel aufgibt, eines steht fest: Benitez hat etwas Geniales."

Der Fall Miroslav Klose - Ursache für Kritik an Bayerns Geschäftsethik. Udo Muras (Welt) treibt die Bayern in die Enge: "Auch das gehört leider zur Praxis des Vorzeigeklubs: Es ist nicht vergessen, dass Spielern wie Sebastian Deisler und Sebastian Kehl vorab Millionenschecks überreicht wurden. Dies wurde 2001 aufgedeckt und offenbarte die Anwerbepraxis der Bayern. Ebenso wenig vergessen ist der Geheimvertrag der Bayern mit der Kirch-Mediengruppe. Schon in den achtziger Jahren standen die Bayern am Pranger wegen der Transfers von Matthäus und Brehme - auch da hieß der Manager Uli Hoeneß. Es ist derselbe Mann, der etwa im Fall Christoph Daum rigoros für die Wahrheit eintrat, was ihm viel Ansehen auch bei Bayern-Gegnern einbrachte. Es kann nicht sein, dass für den FC Bayern München nur die Gesetze gelten, die ihm selbst nutzen. Das nennt man Doppelmoral."

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