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Fußball-Presseschau: Der Lack ist ab bei Hitzfeld

Ernst Middendorp wird in eine Therapiegruppe für Trainer aufgenommen, die ein mediales Blendwerk zu ihren herausragendsten Fähigkeiten zählen. Oliver Kahn ist komischerweise gut gelaunt, und Ottmar Hitzfeld hat beim FC Bayern an Ansehen verloren.

Ulrich Hartmann ("SZ") rechnet nach dem 1:6 in Dortmund mit Bielefelds Trainer ab - und mit dessen Entlassung: "Am Ende seiner dritten Amtszeit bleibt ein Rätsel, wie man den 1990 und 1998 schon zweimal bei der Arminia entlassenen Ernst Middendorp überhaupt ein drittes Mal als Trainer hat verpflichten und in einem offensichtlichen Prozess des mannschaftlichen Zerfalls so lange hat halten können. Im Frühjahr war er nach gelungenem Klassenerhalt noch als Aufwühler und Heißmacher gefeiert worden - aber seine bevorzugten Stilmittel der Provokation und der bewussten Verunsicherung der Spieler hat er mangels taktischer und mentaler Fachkompetenz offenbar überreizt. Middendorp wird an diesem Montag wahrscheinlich zum 14. Mal seit 1985 einen Trainerjob verlieren und gehört dann offiziell zur Therapiegruppe der Trainer mit dem Peter-Neururer-Syndrom. Auffällige Mangelerscheinungen dieses Krankheitsbildes sind die fehlende Nachhaltigkeit in der fußballerischen Weiterentwicklung einer Mannschaft sowie der sukzessive persönliche Imageverlust durch medial verbreitetes Blendwerk."

Thomas Kilchenstein ("FR") bemängelt Middendorps Handwerkszeug: "Es sind nicht nur die Sprüche (‚Bayernjäger') vom Anfang der Saison, die ihm jetzt um die Ohren gehauen werden. Nein, 'Power-Ernst' hat, viel schlimmer, in dieser Runde kein schlüssiges taktisches und spielerisches Konzept gefunden. Seine motivatorisch gemeinten Methoden, Hierarchien aufzubrechen, die Spieler in steter Unsicherheit zu wiegen, ständig die Aufstellungen zu wechseln, mögen kurzfristigen Erfolg bringen. Auf Dauer erweisen sie sich als lähmend. Vom einstigen Konzeptfußball, den die Ex-Trainer Uwe Rapolder und Thomas von Heesen hatten spielen lassen, ist nichts mehr zu sehen. Früher war die Arminia dafür bekannt, in der Defensive kompakt zu stehen. Spiele gegen Bielefeld galten als extrem unbequem, weil das Team nur ganz schwer auszuspielen war. Inzwischen steht in Ostwestfalen die Schießbude der Liga, 38 Gegentore sagen alles. 2:27 lautet die niederschmetternde Bilanz aus den letzten sieben Auswärtsspielen. Der große Zampano hat sich auf der Alm verbraucht. Wie eine Kerze, die von beiden Seiten brennt."

Matti Lieske ("Berliner Zeitung") spottet über das Unentschieden des Tabellenführers gegen den MSV Duisburg:

"Tja, das ist nun ein bisschen dumm gelaufen für die Münchner Bayern. Was sollen sie jetzt bloß für die erneut unterirdische Leistung beim 0:0 gegen am Ende zehn Duisburger verantwortlich machen. Den Schock über die Olympiabewerbung ihrer Stadt? Den Verlust ihres unersetzlichen Abwehrbollwerks Valérien Ismaël? Oder die erschreckend gute Laune ihres Torwart-Methusalems Oliver Kahn, die eigentlich nur durch ominöse Vorgänge an fernen Orten wie Valencia oder dem nordöstlichen London erklärbar ist? Nicht einmal der hinterlistige Haxentritt von Duisburgs Idrissou konnte Kahn zu einer seiner weltweit geschätzten King-Kong-Adaptionen animieren. Die Standardausrede eines Uefa-Cup-Spiels am Donnerstag fällt diesmal jedenfalls aus, da die Spielplangestalter den Bayern diese Woche perfiderweise freigegeben hatten. (...) Vieles deutet darauf hin, dass das Problem eher in den Köpfen der Spieler steckt."

Andreas Burkert ("SZ") beschreibt den Ansehensverlust des Bayern-Trainers seit dem öffentlichen Rüffel durch die Vereinsführung und vermutet, dass es sein letztes Jahr in München sein könnte:

"Nach dem 2:2 gegen Bolton ist Ottmar Hitzfeld ein anderer Trainer gewesen - ein vom Vorstand Rummenigge öffentlich wie intern bloßgestellter allemal. Derlei Kritik am alten Hitzfeld ist schon einmal sehr offen formuliert worden - zum Ende seiner insgesamt sehr erfolgreichen Tätigkeit, im Frühjahr 2004. (...) Man darf nicht gleich auf jedes Gerücht (etwa: Trainer Matthäus, Sportchef Hitzfeld) hören, das an der Säbener Straße weitergereicht wird. Doch wahrscheinlicher als eine Vertragsverlängerung ist dort wohl die nächste professionellste Trennung aller Zeiten. Noch zwei Spiele bleiben Hitzfeld, um das zu verhindern."

Roland Zorn ("FAZ") will das spektakuläre 4:3 zwischen Hannover und Bremen von einer Schiedsrichterdiskussion befreien: "Mit Wolfgang Stark sind die Bremer über Kreuz, seit der Referee vor vier Jahren bei Werders 1:4-Niederlage in Mönchengladbach ein rüdes Foul des Gladbachers Pletsch am damaligen Werder-Stürmer Markus Daun, der danach ein halbes Jahr lang keinen Fußball mehr anrühren konnte, nicht einmal mit einer Gelben Karte geahndet hatte. In Hannover verweigerte der Fifa-Schiedsrichter den Bremern mindestens einen zweiten Strafstoß nach Kleines Foul an Sanogo und entschied auch sonst auffällig oft im Zweifel gegen die Grün-Weißen. Andererseits steckte diese packende Partie zweier zu allem entschlossener Teams voller kniffliger Momente, die Stark da, wo die wichtigsten Entscheidungen zu treffen waren, meist richtig beurteilte. 96 und Werder fühlten sich ständig wie auf einer Achterbahnfahrt."

Frank Heike ("FAZ") spürt eine Belebung der Marke Bundesliga an ihren Randgebieten:

"Ein Closed Shop der großen drei, vier oder fünf wie in England, Italien und Spanien? Davon ist in dieser Spielzeit erfreulich wenig zu sehen. Weil auch an anderen Standorten als München, Bremen und Hamburg professionell gearbeitet wird. In Hannover etwa, wo das Prinzip Name (Neururer) durch das Prinzip Können (Hecking) ersetzt wurde. In Leverkusen, wo aktuell der schönste deutsche Fußball gespielt wird. In Karlsruhe, wo sich ein Aufsteiger vorn festgebissen hat. In Wolfsburg wird vielleicht auch gut gearbeitet, aber wohl eher drüben im Werk: VW hat sein Sponsoring in dieser Saison auf fast 40 Millionen Euro verdoppelt, nur deswegen durfte Felix Magath auf Einkaufstour gehen. Viermal so viel Geld wie Energie Cottbus, aber nur fünf Punkte mehr."

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