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Bayern München: Führungskrise oder doch nur ein Umbau?

Woran krankt der schlingernde "FC Hollywood"? Auch der mächtige Manager Uli Hoeneß gerät immer stärker in die Kritik. Indizien, dass der FC Bayern ein Führungsproblem hat, gibt es genug. Die Suspendierung des schwindelnden Oliver Kahn gehört dazu.

Von Oliver Trust, München

In der tiefen bayerischen Provinz konnte es schließlich keine Zweifel mehr geben. Der FC Bayern hat ein Führungsproblem. Ein großes. Eines das Uli Hoeneß heißt. So ziemlich alle Medienorgane des Landes hatten sich auf die Suche gemacht, um zu ergründen, woran krankt dieser "FC Hollywood" und es auch an ihm festgemacht. Indizien gab es viele: Die Suspendierung des schwindelnden Oliver Kahn, ehemals Torwartdenkmal, den privaten Ärger von Christian Lell mit der Freundin, den Zoff mit Willy Sagnol, die Giftpfeile von Valerien Ismael, der sich nach Hannover absetzt und die angeblich-öffentlich-heimlichen Verhandlungen von Trainer Ottmar Hitzfeld mit der Schweiz nebst den Angriffen von Klubchef Karl-Heinz-Rummenigge gegen Hitzfeld und seine Rotationstaktik, die zuweilen zu schauerlichen Ergebnissen führte.

Surberg. Oberbayern. Uli Hoeneß schwitzte. Der Kopf schimmerte in leichtem Rot (immerhin eine der Vereinsfarben). Man führte den Manager des FC Bayern in eine Mehrzweckhalle. Rechts und links gestützt von zwei Damen in kurzen Röcken, weitere schwirrten um ihn herum. Fast willenlos ausgeliefert sah Hoeneß aus. Trotzdem grinste er. Es waren nur Mitglieder des Fanklubs "De rodn Waginga", die ihn da bei einem vorweihnachtlichen Besuch "vorführten" und ausnahmsweise nicht die Münchner Medien oder mancher seiner Angestellten, die vor allem in eigener Sache aufbegehrten. Von denen ist er das gewohnt. Das passiert so, seit er dort vor vielen Jahren anfing. Und doch, es muss diesmal etwas Ernsteres sein oder doch nur falscher Alarm? Eine Krise des großen FC Bayern etwa? Ein wirkliches Führungsproblem, in der obersten Vereinsetage und in der teuren Mannschaft mit den Stars wie Franck Ribery und Luca Toni, der den eigenen Masseur anrücken lässt und sich allerlei "Mätzchen" leistet wie der "kicker" feststellte?

Hitzfeld sieht schon wieder müde aus

Es glich schon dem letzten Warnruf, als der Bayern-Fachmann in Nürnberg in der "kicker"-Redaktion in den Computer schrieb: "Die in langen Profijahren geformten, also höchst erfahrenen Vorstände vermitteln derzeit einen hektischen, nervösen Eindruck. Von den 70 Millionen Euro, die vor der Saison allein für Ablösesummen mutig investiert wurden, fühlen sie sich enorm unter Druck gesetzt". Und: Man habe mit der "Kritik an ihrem ersten Leitenden Angestellten" eine "gefährliche Dauerdebatte" ausgelöst.

Ob Hitzfeld, der sich jüngst eine Villa direkt an die Schweizer Grenze baute, im Sommer geht, steht wohl noch nicht endgültig fest, obwohl inzwischen viele daran glauben. Marco van Basten könnte folgen. Der ehemalige Stürmer hört nach der EM 2008 als niederländischer Nationaltrainer auf. Die Sache bedarf einer baldigen Lösung. Müde sehe der Ottmar aus, konstatierten Experten wie "Kaiser" Franz Beckenbauer und TV-Co-Kommentator Stefan Effenberg. Das ganze Theater sei Hitzfeld inzwischen einfach zu viel. Er habe ein Zeichen setzen müssen, sonst wäre man hier "bald im Irrenhaus" gelandet, sagt er. Gemeint war die Suspendierung von Oliver Kahn und die 25.000 Euro Strafe für das vorzeitige Verlassen der Weihnachtsfeier und seine Kritik an Ribery und Toni.

Kahn-Abstrafung als "letzte Ausfahrt"

Wieder sah Uli Hoeneß' Gesicht leicht gerötet aus. Diesmal war es tatsächlich der Zustand fortschreitender Wut, die ihn schwitzen ließ, anders als beim Fanklub in Oberbayern. Er stapfte in die Kabine, um Kahn das "Urteil" der Bayern-Führung mitzuteilen, von dem manche behaupten, man habe es Hitzfeld aufgezwungen. Der konterte, es habe ihm "wehgetan, dass es ausgerechnet ihn getroffen habe". Und: "Wir sind mitten in der Entwicklung einer neuen Mannschaft." Dazu brauche man vor allem Ruhe. Nach den traumhaften Spielen zu Saisonbeginn spüren die Bayern nun in voller Härte die "Hackordnungs-Schieflage" in ihrem Team. Allein mit der Investition von 70 Millionen, dass war den Bayern-Oberen wohl durchaus klar, wird sich keine neue Mannschaft finden.

Dass Torwart Kahn dort immer weniger Freunde hat und seine Bestrafung deshalb eine "teambildende" Maßnahme war, glauben viele in München. Philipp Lahm sprach respektvoll distanziert "von demjenigen", als er die Bestrafungsaktion kommentieren sollte. Schon lange prägt das Arbeitsverhältnis zwischen Kahn und dem FC Bayern eine große Distanz. In den Büros registriert man mit Wohlwollen, dass der "Titan" seine Zukunft in Asien sieht, wo man dem verdienten Keeper als Megastar überall den roten Teppich ausrollt. Im Reich des FC Bayern aber scheint kein Platz mehr für den Mann, der viel erreicht und geleistet hat, aber nun unweigerlich vor dem Ende seiner Karriere steht. In diesem Licht erscheint seine Abstrafung wie die "letzte Ausfahrt", die in Richtung einer "neuen Mannschaft" führt. So wird es kaum verwundern, wenn Kahn vor seinem endgültigen Abschied nächsten Sommer in der Rückrunde während seiner Abschiedstour noch ein paar Mal "Platz macht" für seinen Nachfolger Michael Rensing.

Hoeneß missfällt Kahns schroffe Art

Wie für Ottmar Hitzfeld schien es auch für Uli Hoeneß wichtig, ein Zeichen zu setzen, um das große Chaos zu verhindern. Er schätzt Kahn für dessen sportliche Leistung, ihm missfällt aber dessen oft schroffe Art in vielen Lebenslagen. Ob nun angesichts der vielen krisenverdächtigen Beispiele wirklich eine Krise entsteht, werden die nächsten Wochen zeigen. Es könnte gut sein, dass der FC Bayern endgültig die Kurve kriegt und Uli Hoeneß nur den nächsten Fanklub-Besuch fürchtet, weil man dann wieder glauben könnte, der FC Bayern habe ein Führungsproblem.

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