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Fußball-Presseschau: Hysterie um deutsche Torhüter

Schiedsrichter Fandel pfiff das "100.000-Volt-Spiel" zwischen Schalke und Bremen zu früh ab. Die Hysterie um deutsche Torwärter erreicht einen Höhepunkt und der BVB erntet Beifall für ein torloses Unentschieden gegen Bayern. stern.de und indirekter-freistoss blicken in die Gazetten.

Philipp Selldorf (Süddeutsche Zeitung) beschwert sich beim Schiedsrichter, dass dieser das 1:1 zwischen Schalke und Bremen zehn Sekunden vor Ablauf der regulären Spielzeit abgepfiffen hat: "Warum Herbert Fandel die Partie so zeitig beendete, dieses Geheimnis nahm er mit auf den Heimweg nach Kyllburg in der Eifel. Überdruss am Geschehen konnte es nicht sein, denn er hatte ein sehr gutes, mit 1.000.000 Volt geladenes Fußballspiel leiten dürfen, und polizeilicher Notstand hatte auf dem Spielfeld auch nicht geherrscht: Obwohl es hart zuging und die Teams sich die sieben Gelben Karten redlich verdienten, blieben alle fair. Schalke und Werder hatten für den Sieg viel riskiert und den Zuschauern kribbelige Unterhaltung geboten."

Matti Lieske (Berliner Zeitung) bremst den Fall Manuel Neuers, des in die Kritik geratenen Schalker Torhüters: "'Flutschfinger' wird der kürzlich noch zum Jahrhunderttalent stilisierte Jüngling nun genannt, was aber nichts macht, weil Neuer eigenen Aussagen zufolge keine Zeitungen liest. Zu hoffen ist, dass er auch nicht fernsieht, sonst würde er nämlich feststellen, dass ihm inzwischen jedes Schalker Gegentor zur Last gelegt wird, bei dem er irgendwie in der Nähe ist - was bei einem Torhüter ja häufiger vorkommen soll. Offenkundig hat die Tatsache, dass die herausragendsten Produkte der selbsternannten Torwartnation Deutschland im Ausland zur Zeit nur als Polster für die Reservebank Verwendung finden, hierzulande eine handfeste Obsession hervorgerufen. Verbunden mit fortgeschrittenem Realitätsverlust, was die Unfehlbarkeit teutonischer Torleute angeht, lässt diese jeden kleinen Missgriff zum großen Drama geraten. Es dürfte eine Weile dauern, bis der Gedanke wieder akzeptiert wird, dass selbst deutsche Torhüter Fehler machen."

Jan Christian Müller (Frankfurter Rundschau) hebt lobend hervor, dass Nachwuchsspieler entscheidend zum 1:0 der Stuttgarter gegen Leverkusen beigetragen haben:

"Dass junge Männer wie Pischorn, Beck, Schuster oder Perchtold ihren Beitrag zum ersten Sieg nach fünf Niederlagen leisteten, ist kein Zufall: Der Klub betreibt seit Jahrzehnten eine vorbildliche Nachwuchsförderung. Die Junioren hamstern Meistertitel, die U 23 steht auf Platz zwei der Regionalliga. Mit entsprechendem Selbstvertrauen konnten die jungen Forschen den Profis helfen. Dass sich die Vereinsführung um Präsident Erwin Staudt und Aufsichtsratschef Dieter Hundt zudem mit kritischen Äußerungen zurückhielt, lässt den - noch vorläufigen - Schluss zu, dass der VfB aus Fehlern der Vergangenheit gelernt hat."

Christof Kneer (Süddeutsche Zeitung) ergänzt dieses Urteil um ein Lob an Thomas Hitzlsperger: "Wenn nicht alles täuscht, dann hat der Trainer Veh beim etwas glücklichen 1:0 gegen Leverkusen eine rettende Formel gefunden, auf die er schleunigst ein Patent anmelden sollte. Auf dem Weltmarkt dürften sich mit der Formel bald riesige Summen erzielen lassen, denn nun wissen die Krisenklubs in aller Welt endlich, was sie tun müssen. Sie müssen einfach Spieler aufstellen, die mit der Krise nichts zu tun haben - dann merkt die Krise nämlich, dass sie nicht mehr genügend Opfer findet und macht sich gelangweilt davon. Auch die beiden besten Stuttgarter kamen ja geradewegs aus einer heilen Parallelwelt, in der keine Krise das Spiel belastet: Andreas Beck, den Veh bisher erstaunlich ausdauernd übersehen hatte; und Hitzlsperger, der sein letztes Spiel für den VfB vor sechs Wochen bestritt, als die Krise noch keine Krise, sondern nur ein kleiner Fehlstart war. Der VfB ist also zu seinem Glück gezwungen worden, denn ohne Krise wäre keine dieser unbeschwerten Kräfte zum Einsatz gekommen."

Ein Fast-Sieg gegen die Bayern - Peter Heß (Frankfurter Allgemeine Zeitung) teilt das Lob des Dortmunder Publikums an ihre Mannschaft:

"Zur Pause zollten die Fans ihren Borussen-Profis schon freundlichen Applaus. Da stand es 0:0, und die Borussia hatte den Bayern aggressiv und hoch konzentriert hartnäckigen Widerstand geleistet. Das reichte schon für die Beifallskundgebung, eine Führung gegen die in diesen Wochen übermächtig erscheinenden Bayern erwartet schon niemand mehr. 45 Minuten später verabschiedete das ganze Stadion den BVB mit Ovationen. Da stand es zwar immer noch 0:0, aber manchmal zählt nicht nur das Resultat. Mit einer begeisternden Leistungssteigerung in der zweiten Halbzeit hatten die Dortmunder den Favoriten in einem hochklassigen Bundesligaspiel an den Rand einer Niederlage gedrängt. (...) Dortmund schwang sich zu in dieser Spielzeit unbekannter Klasse auf, am Ende gab es keinen Verlierer. Die Dortmunder hatten neues Selbstbewusstsein geschöpft, die Bayern ein schweres Auswärtsspiel nicht verloren."

Nur zwölf Stück an diesem Spieltag! Michael Horeni (Frankfurter Allgemeine Zeitung) wünscht sich mehr Tore: "Unter den acht torärmsten Spielzeiten seit 1963 finden sich drei Runden aus den vergangenen fünf Jahren. Wie es aussieht, wird auch die Saison 2007/08 einen Spitzenplatz in dieser Spielverderberwertung erhalten. Aber diese wenig vergnügliche Reduzierung des Wesentlichen hat auch ein paar gute Seiten. Es zeigt sich, dass die Trainer ihre Teams mittlerweile taktisch und körperlich auf ein Niveau gebracht haben, das ihnen gestattet, sich sehr erfolgreich gegen Angriffe zu wehren. Keine Mannschaft ist mehr schlecht genug, sich regelmäßig auseinandernehmen zu lassen, und selbst der Tabellenletzte Energie Cottbus hat bisher nur einundzwanzig Tore kassiert, das sind nicht einmal zwei pro Spiel. Gewonnen haben die Lausitzer aber auch noch nicht, und da zeigt sich das Dilemma dieser immer erfolgreicheren Sicherheitspolitik, die man auch als den Versuch einer persönlichen Arbeitsplatzerhaltungsmaßnahme für Fußballtrainer betrachten kann. Sie finden solche Spiele nämlich gar nicht schlecht, weil man dann sagen kann, dass die Mannschaft funktioniert, halbwegs zumindest."

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