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Fußball-Presseschau: Mondpreise für die zweite Wahl

Die deutsche Presse ist in Aufruhr wegen der Pfiffe für die Nationalmannschaft im Anschluss an die 0:1-Pleite gegen Dänemark. Einig ist man sich darüber: Der deutsche Fußballfan verzeiht keine Experimente. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Die Presse hält sich nicht lange mit Deutungen über den sportlichen Wert der 0:1-Niederlage der deutschen Elf gegen Dänemark auf, vielmehr debattiert sie Joachim Löws Entscheidung, die Zweite Mannschaft spielen zu lassen und den Ärger der Fans darüber. Marko Schumacher (Stuttgarter Zeitung) hat Verständnis für die Fans und beanstandet Löws Aufstellung: "Löw hat unterschätzt, dass auch vermeintlich bedeutungslose Testländerspiele in Deutschland eine Angelegenheit von nationaler Bedeutung sind, dass sich der Fußballfan trotz aller derzeitigen Euphorie nicht mit einer Truppe fast namenloser Spieler abspeisen lässt, in der die Stars fehlen. Löw hat den nachvollziehbaren Ärger des Gegners unterschätzt, der sich als Sparringspartner missbraucht fühlte. Und er hat seine jungen Spieler überschätzt."

Auch Jan Christian Müller (FR) befasst sich mit Löws Irritation über die Pfiffe der Zuschauer: "Löw glaubte, sich so viel Respekt erarbeitet zu haben, dass die deutsche Öffentlichkeit ihm auch ein Experiment verzeihen würde. Das war ein Irrtum. So großzügig sind Fußballfans vor allem dann nicht, wenn sie nur deshalb eine Menge Geld ausgegeben haben, weil sie die von Michael Ballack angeführten WM-Stars einmal aus aller Nähe begutachten wollten, nicht deren potentielle Nachfolger für das Jahr 2010."

Dauerhaft gute Spieler für eine dauerhaft gute Mannschaft

Philipp Selldorf (SZ) gibt zweierlei zu bedenken: "Die Enttäuschung des Publikums lässt sich verstehen: Seit 74 Jahren hatte es kein Länderspiel in Duisburg gegeben, und dann liefen statt Ballack, Frings und Klose lauter Nachwuchskräfte auf. Bestimmt waren die Pfiffe der Fans im Stadion nicht gegen die jungen Fußballer auf dem Rasen gerichtet, aber wie sollten sie sonst ihre Missstimmung ausdrücken? Betrachtet man die Sache aber von der praktischen Seite, wird Löws Entscheidung plausibel. Auch mit der ersten Besetzung wäre das widersinnig angesetzte Spiel vermutlich kein Fußballfest geworden. Zwei Teams mit Motivationsproblemen hätten sich gegenübergestanden."

Auch Michael Horeni (FAZ) bezweifelt das Geschick der Extremität der Maßnahme Löws, schätzt aber dessen Standhaftigkeit: "Den jungen Spielern und Debütanten hätte es bei den internationalen Integrationsbemühungen gut getan, die eine oder andere anerkannte Leitfigur an ihrer Seite zu wissen. So suchten sie oftmals nur jeder für sich nach Orientierung, oft allerdings vergeblich. Halt haben sie dafür nach dem Schlusspfiff beim Bundestrainer gefunden. Das ist nicht die schlechteste Voraussetzung für ein Projekt, das auf Nachhaltigkeit setzt - und dessen Leiter sich auch durch ein paar Pfiffe und Zwischenrufe nicht von seinem Konzept abbringen lässt." Stefan Hermanns (Tagesspiegel) nimmt Löw in Schutz: "Für eine dauerhaft gute Nationalmannschaft braucht Löw dauerhaft gute Spieler – Spieler, die nicht jetzt schon gut sein müssen, sondern in ein paar Jahren. Wenn man heute noch über den Confed-Cup 1999 redet, dann nur, um sich darüber lustig zu machen, dass Spieler der Kategorie Ronald Maul und Heiko Gerber in der Nationalmannschaft debütieren durften. Man vergisst leicht, dass dieser Kategorie damals auch ein gewisser Bernd Schneider angehörte."

Praktizierte Nachwuchsarbeit

Matti Lieske (Financial Times Deutschland) empfiehlt allen Kritikern spöttisch, sich an radikale Methoden zu gewöhnen: "So wie Klinsmann nie begreifen wird, warum sein Fehlen bei der Trainertagung vor der WM Anstoß erregte, so wenig begriff Löw, dass die Unmutsäußerungen gar nicht der Mannschaft galten, sondern ihm und seiner Entscheidung, die WM-Helden heimzuschicken und ein gemischtes Reserveperspektivteam aufzubieten. Für ihn war die Partie praktizierte Nachwuchsarbeit. Die funktioniert in Deutschland seit der Machtübernahme von Klinsmann und Löw anders als beim Rest der Welt: Dort reifen junge Talente in den Nachwuchsteams und in ihren Klubs, und wenn sie gut genug sind, werden sie ins A-Team berufen. In Deutschland werden sie ins A-Team berufen, damit sie irgendwann gut genug sind."

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