Fußball-Presseschau Sommermärchen verlängert


Deutscher Traumfußball, Hooligans-Randale in der Slowakei und rollende russische Rubel auf Schalke: Die Fußballwoche war turbulent. stern.de und indirekter-freistoss.de blicken in die Gazetten.

Glückseligkeit allerorten – die Sportpresse windet nach dem 4:1 in der Slowakei der deutschen Elf und ihrem Trainer Kränze. Nur die Ausschreitungen der deutschen Hooligans stimmt sie nachdenklich.

Das Sommermärchen geht in die Verlängerung

Jörg Hanau (FR) schwärmt: "Das Sommermärchen des deutschen Fußballs scheint sich zu einer unendlichen Geschichte auszuweiten." Peter Heß (FAZ) singt in den höchsten Tönen: "Jede Warnung, demütig und vorsichtig zu bleiben, wirkt lächerlich nach dem Auftritt der deutschen Auswahl. Sie dominierte einen Gegner der gehobenen europäischen Mittelklasse in einer Art, die nur eine Wertung zuließ: absolute Weltspitze.

Da diese Leistung nicht aus dem Nichts entstanden ist, sondern den Höhepunkt der stetigen Vorwärtsentwicklung der vergangenen Monate darstellt, gibt es keinen Grund zu fürchten, es handele sich um eine einmalige Darbietung. Joachim Löw kann ernten, was Jürgen Klinsmann mit ihm als Assistenten gesät hat."

Volk ohne Raumdeckung, der Blog der taz, grenzt die Mannschaft von allem Übel ab: "Es ist lange her, dass eine Auswahlmannschaft des postfaschistischen Deutschland so zauberhaft eleganten, coolen, modernen Fußball gespielt hat. Eigentlich müsste man wegen der nazideutschen Hooldeppen das Spiel 4:0 für die Slowakei werten und Deutschland von der EM ausschließen, aber von diesen sportpolitischen Grundsatzerwägungen mal abgesehen – das, was auf dem Rasen geschah, war toll."

"Niemand will ein solches Publikum haben"

Philipp Selldorf (SZ) verweist auf die prügelnde Horde im Fanblock und meint, dass diese Elf ein besseres Publikum verdient hätte: "Die deutsche Mannschaft hat inzwischen einen verlässlichen, zukunftsfähigen Grad von Stabilität erreicht, sie hat eine Spielkultur entwickelt, die nicht mehr wie bei der WM auf Euphorie beruht, sondern auf eigenständiger Qualität. Schade, dass der Polizeiknüppel durchsetzen musste, dass dieses gute Spiel zum Ende kam. (...) Niemand will ein solches Publikum haben. Verhindern lässt es sich aber offenbar nicht, dass diese Leute im Gefolge der Auslandsauftritte die deutschen Gäste beschämen. Mit diesem Phänomen muss sich der Fußball buchstäblich herumschlagen, und es ist kein Trost, dass dieses Problem nicht nur in Deutschland existiert."

Die Einzelkritik kennt fast nur Sieger. Über Lukas Podolski heißt es in der FAZ: "Von wegen Krise. Zeigte es den Kritikern mit seinem vierten Doppelpack. Immer anspielbar und mit großem Laufpensum." Jens Lehmann hingegen schreibt sie hinter die Ohren: "Schwächstes Länderspiel als Nummer 1. Ungewohnter Fehlgriff beim ersten Gegentor unter Löw. Wirkte nachlässig." Clemens Fritz attestiert die SZ: "Agierte sehr diszipliniert und bereits erstaunlich souverän. Fand stets die Balance zwischen Offensive und Defensive und scheint die Lösung der Zukunft auf der bisherigen Problemposition des rechten Außenverteidigers zu sein." Auch Arne Friedrich erhält gute Zensuren: "Wurde der Aufgabe als Abwehrchef diesmal absolut gerecht. Sehr aufmerksam und mit souveränem Stellungsspiel" (FAZ). Und die SZ vergibt Miroslav Klose gute Kopfnoten: "Sollte beim FC Bayern nach einer Prämie für die freundlichen Dienste fragen, die er Podolski erweist. Legte ihm zwei Tore auf und bemühte sich auch sonst immer wieder, seinen Sturmpartner in Szene zu setzen. Wirkte selbst nicht so spritzig wie so oft bei Werder Bremen. Dennoch wichtigster deutscher Stürmer."

Peinliche Vorstellung der Engländer

Christian Eichler (FAZ) kommt in Höchstform, wenn er Gram und Elend der Engländer, 0:2-Verlierer in Kroatien, in Worte fassen darf: "Wie fast immer, wenn die Engländer aus ihrem System geholt werden, wirken sie wie Brustschwimmer, die plötzlich kraulen sollen – und die am Ende aus Angst vor dem Untergehen nur noch toter Mann machen", beschreibt er den gescheiterten Versuch des Trainers Steve McClaren, von Vierer- auf Dreier-Kette umzustellen. Die Ankündigung des Trainers vor dem Spiel persifliert er: "Wenn das Team tatsächlich in Zagreb seinen wahren Charakter und sein Bestes gezeigt hat, dann wird McClaren der Erich Ribbeck von England." Eichlers Fazit: „England liebt das Leiden am eigenen Fußball. Doch selten gab es für dieses Nationalhobby solch guten Grund wie in Zagreb.“

Die Russen kommen! Gasprom steigt bei Schalke ein; Klaus Hoeltzenbein (SZ) argwöhnt, dass sich der Klub für Verschleierung und einen Teufelspakt hergeben könnte: "Posdrawlenie! Glückwunsch!, Schalke, das muss man erst einmal schaffen, die Weltpolitik derart auszuspielen, dass ein notleidender Bundesligist die Nachrichtenspalten füllt. Und damit alles in den Hintergrund drängt, was sonst noch – und viel weiter oben – auf der Tagesordnung steht: die Terrorismusfrage, die Beziehung zwischen Russland und der EU, die Pressefreiheit nach dem Mord an der populären Journalistin Anna Politkowskaja oder die Energiepolitik. Da sind die Schalker eigentlich Randfiguren, aber nicht wenigen werden sie als Tarnung willkommen sein, wenn der Klub verkündet: Die Quelle, von der jeder Darbende träumt, ist angezapft, Gasprom, der russische Mischkonzern für Gas, Öl und sonstige Macht- und Wirtschaftsfragen, sprudelt in Kürze als Trikotsponsor herein. Womit schon bei Verkündung des für die Bundesliga so revolutionären Geschäfts ein erster Zweck erfüllt wird: eine Image-Politur für den Konzern. (...) Schalke hängt künftig am Tropf des Kremls."


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