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Fußball: Quo Vadis, HSV?

Nun ist es perfekt: HSV-Mittelfeldstar Rafael van der Vaart wechselt nach wochenlangem Hickhack zu Real Madrid. Doch statt in Tränen auszubrechen, blicken die Verantwortlichen nach vorn und vertrauen jungen Spielern. Einer steht dabei besonders im Mittelpunkt.

Von Martin Sonnleitner, Hamburg

Nach dem ermüdenden Wechselhickhack endete die Ära Rafael van der Vaart beim HSV vergleichsweise unspektakulär: Exakt um 13.25 Uhr warf sich der Mittelfeldspieler in seinen BMW X5 und brauste vom Trainingsgelände an der HSH-Nordbank-Arena. Zuvor hatte er sich noch freundlich von den rund 60 wartenden Fans verabschiedet, Autogramme geschrieben und den Anhängern zugewinkt. Nur vereinzelt waren leise Unmutsäußerungen zu hören.

Nun ist er also weg. Verkauft für rund 13 Millionen Euro an den internationalen Rekord-Champion Real Madrid. Es ist das Ende einer Ära. Wieder einmal. Denn seitdem der Hamburger SV vor 25 Jahren in Athen gegen Juventus Turin den Europapokal der Landesmeister gewann, heißt es jedes Jahr aufs Neue: Quo vadis HSV? Die Lücke zwischen Anspruch und Wirklichkeit ist dabei mal mehr, mal weniger groß. Immerhin: So dicht wie in den drei Jahren, als van der Vaart die Fäden im Hamburger Mittelfeld zog, sind die Hanseaten der internationalen Spitze lange nicht mehr gekommen: Platz 3, 7 und 4 in der Bundesliga stehen für eine gewisse Konstanz auf hohem Niveau.

Chance für Trochowski

Gerade weil alle Beteiligten wissen, was für einen Ausnahmespieler der HSV verliert, lohnt eine Analyse, welche Gefahren, aber auch Möglichkeiten sich für den neuen HSV in der kommenden Saison auftun, die am 15 August mit dem Kracher gegen Bayern München beginnt. HSV-Urgestein Uwe Seeler ist jemand, der dem Wechsel des Regisseurs durchaus positive Seiten abgewinnen kann:"Es geht auch ohne van der Vaart weiter. Das ist die Chance für Piotr Trochowski, endlich in die Rolle des Leaders reinzuschlüpfen."

Bereits beim Emirates Cup bei Arsenal London bewies das Team, dass es durchaus in der Lage ist, den Verlust seines Spielmachers zu kompensieren. Dort waren es vor allem Trochowski und der spielstarke David Jarolim, die sowohl gegen Real Madrid als auch beim 3:0-Sieg gegen Juventus Turin ihre Klasse bewiesen und das HSV-Spiel lenkten. Deutlich wurde, dass der HSV dabei auf einmal über ganz andere taktische Optionen verfügt, als mit van der Vaart, der Dreh- und Angelpunkt des HSV-Spiels gewesen war.

Überfallartiges Vertikalspiel

Deshalb plant die Vereinsführung um Sportchef Dietmar Beiersdorfer und Trainer Martin Jol wohl auch nicht mehr die Verpflichtung eines neuen Spielmachers. Im defensiven Mittelfeld bestach in London neben Jarolim und Trochowski auch Nigel de Jong durch eine exzellente Frühform, zudem soll das Spiel über die Mittelfeldaußen intensiviert werden. Hier machte in den Testspielen vor allem die Neuverpflichtung Jonathan Pitroipa vom SC Freiburg auf sich aufmerksam. Insgesamt verfügen die Hamburger über viele schnelle, junge Spieler, die in der Lage sein müssten, das von Jol geforderte überfallartige Vertikalpassspiel zu praktizieren.

Gerade Trochowski ist dabei über Nacht vom Lückenbüßer zum zentralen Spieler der Mannschaft geworden. Im 4-2-3-1-System muss er sich nicht mehr sorgen, auf die ungeliebten Flügel ausweichen zu müssen. Dort dürften die pfeilschnellen Pitroipa und Ivica Olic Dampf machen. Um den Platz im Sturm streiten sich Paolo Guerrero, "meine einzige echte Neun", wie Jol betont, und der um seine Reputation kämpfende Mohamed Zidan, der gegen Madrid ein Traumtor erzielte. Zidan galt bislang als Problemfall, gleichzeitig ist er jung, schnell und zweifellos hochtalentiert, passt also wunderbar ins Portfolio einer neuen HSV-Ära. Mit den Offensivkräften Änis Ben-Hatira (20 Jahre), Maxim Choupo-Moting (19) und Tunay Torun (18) lauern zudem drei weitere Toptalente im Hintergrund.

Vertrauen in junge Spieler

Ein anderer ehemaliger Ausnahmestürmer des HSV sieht den van der Vaart-Wechsel-ebenfalls als Chance für den HSV. "Ich bin fest davon überzeugt, dass Trochowski das packt", sagt Horst Hrubesch, der jüngst als Trainer U-19-Natinonalmannschaft Europameister wurde und den Gelobten schon in der Junioren-Nationalmannschaft betreute. "Der HSV ist mit seinem Konzept, junge Spieler zu integrieren, auf dem richtigen Weg", so Hrubesch, der nicht viel vom Starrummel um einen Spieler hält: "Wenn einer gehen will, soll er gehen, Punkt."

Hrubesch hält es für vernünftiger, über einen längeren Zeitraum mit den gleichen Spielern zu arbeiten, sie möglichst schon im Juniorenalter bei den Profis zu integrieren. "Europameister Spanien hat es doch vorgemacht, Iniesta, Torres und Co. haben alle schon als junge Burschen das Vertrauen ihrer Trainer erhalten und regelmäßig gespielt." Das einstige HSV-Idol rät seinem alten Verein, von der für van der Vaart erzielten Ablösesumme einen Teil, wenn überhaupt, in einen weiteren Stürmer zu investieren. "Ansonsten soll das Team bleiben wie es ist, dann wachsen auch neue Typen ran."

Gebranntes Kind

Andererseits ist der HSV ein gebranntes Kind, was den Weggang seiner Starspieler anbelangt. Als die Hanseaten 1991 ihren damaligen Mittelfeldstar Thomas Doll für 17 Millionen Mark zu Lazio Rom transferierten, konnte sich der klamme Verein zwar auf einen Schlag finanziell sanieren, doch es folgten Jahre der sportlichen Tristesse, inklusive Abstiegsgefahr. Auch die Verkäufe der Führungsspieler Tomas Ujfalusi (2004 zum AC Florenz) oder Tomas Gravesen (2000 zum FC Everton) brachten zwar gutes Geld, dem HSV aber sportliche Probleme. Zuletzt endete 2006 der Verkauf des robusten Innenverteidiger-Gespanns Khalid Boulahrouz (Chelsea) und Daniel van Buyten (Bayern), mit dem der HSV Platz 3 erreicht hatte, mit einer Horrorsaison und dem Beinahe-Abstieg.

Wieder einmal heißt es also: Quo vadis, HSV?

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